Nazideutschland – schon wieder in Sichtweite?

Von , am Freitag, 13. Juli 2018, in Allgemein, Beuel & Umland, Politik.

Am hellichten Tag wird mitten auf der Hofgartenwiese in Bonn ein jüdischer Professor mit Kippa angegriffen, antisemitisch beschimpft und – Gipfel der Peinlichkeit – auch noch von der herbei gerufenen Polizei erstmal für den Täter gehalten und zu Boden geworfen und ins Gesicht geschlagen. Klar, einen 50 jährigen Professor verwechselt man leicht mit einem 20-jährigen Täter, der mit entblösstem Oberkörper wegläuft! Soviel zu Intelligenz und Menschenkenntnis unserer Polizei.

Der Zufall will es, dass ich gerade als Herausgeber an einem Buch zu 100 Jahren “Deutsche Jungdemokraten” sitze, dem liberalen Jugendverband von DDP in Weimar, Radikaldemokratischer Partei von 1930-33, F.D.P., als die noch liberal war, also bis zur “Wende” Genschers 1982. Ich überlegte gerade, ob ich einen Text der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, den sie 1979 für das damalige “Liberale Bildungswerk” der Jungdemokraten anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Grundgesetzes unter dem Titel “Nazideutschland – Traum? – oder schon wieder beinahe wirklich?” geschrieben hat, übernehme. Ich habe den Text damals redigiert, mit ihr gesprochen und erinnere mich, dass der Titel damals als provokant wahrgenommen wurde. Aber was sie schrieb, ist so erschreckend aktuell, heute, wo das Grundgesetz im kommenden Jahr siebzig Jahre alt wird, dass ich ihn dokumentieren werde. Hier nur wenige Auszüge:

“Die Demokratie hat vor den Wohnungstüren haltgemacht. (Symptome wären genug aufzuzählen: Mißhandlung von Frauen und Kindern; die immer noch nicht abgeklungenen Auseinandersetzungen um den § 218, die verbreitete Bildungsabstinenz).

Die Mehrheit der Bevölkerung will ganz offensichtlich nicht gestört werden und ist durch die Politik der Konsumförderung darin bestärkt worden. Die Freiheit ist zur Freizeitgestaltung verengt worden, die Vierwändegeborgenheit hat die politische Abstinenz stabilisiert. Die Informationsüberflutung hat das Nachdenken über die eigenen Abhängigkeiten eingeschränkt, die Zuschauermentalität ist in Gleichgültigkeit umgeschlagen. Wochenendmobilität ersetzt die gestaltende und mitgestaldende Phantasie. … Was aber verdeckt das ohne Abstriche kleinbürgerliche Verhaltensmuster in der Bundesrepublik? Was wird da an Ängsten überspielt, die sich demagogisch nutzen lassen, wenn etwa aus Vertreibung aus den Ostprovinzen politisches Kapital geschlagen wird, wo eine nüchterne Abwägung der Geschichte nationalistische Vorurteile abbauen könnte?…

Wenn gegen die Ängste, die das Grundmuster der scheinbar so stabilen Industriegesellschaft bilden, nicht der Mut aufgerufen wird, ihre Ursachen aufzudecken, sondern wieder der Machtanspruch gesetzt wird, der so leicht in einen nationalen Rausch umschlagen kann?…”

Wenn ich mir die Szene auf der Hofgartenwiese vorstelle, wenn ich daran denke, wie gleichgültig mit Ertrinkenden auf dem Mittelmeer umgegangen werden soll, mit welcher menschenverachtenden Primitivität ein Bundesinnenminister Seehofer dreist und zynisch vor der Bundespressekonferenz abfeiert, dass zu seinem 69sten Geburtstag 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden, dann möchte ich nicht glauben, dass 40 Jahre Demokratie inzwischen so wenige echte Demokraten hervorgebracht haben sollen.

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