Die von Mariam Lau und der Zeit absichtsvoll losgetretene Debatte funktioniert wundervoll als den Liberalen und Linken zugeworfener Knochen, über den sie sich wochenlang balgen können, während die Herrschenden – zumindest von denen ungestört – weiter ihren Geschäften nachgehen können. Dass die Rechten und Neoliberalen dennoch nicht ungestört sind, sondern durchaus ähnlich agieren, habe ich an anderer Stelle behandelt.
Das Licht ist mir aufgegangen, als ich – auf Leseempfehlung ausgerechnet der Wagenknecht/Lafontaine-Fans von den nachdenkseiten – auf die Pro-Mariam-Lau-Stellungnahme meines alten Bekannten Franz Sommerfeld stiess. Für meine eigene politische Biografie funktionierte er immer wieder als erkenntnisstiftender Reibungspunkt.
Als DKP-Kommunist beeindruckte er durch nachdenklich-reflektierte Coolness, im Gegensatz zum hektischen Agitator*inn*en-Gehabe seiner Genoss*inn*en. Dabei gelangen ihm Meisterwerke wie der Dreiteiler “Ich mag die DDR” (nicht online; aber gedruckt in meinem Privatarchiv) in der von ihm geführten Zeitschrift “rote blätter”. Sein Wikipedia-Eintrag ist offenbar nicht von ihm selbst redigiert; das hat er heute nicht mehr nötig. Denn ihm ist – klassenpolitisch gesehen – der optimale Seitenwechsel gelungen.
Wie alle Konvertit*inn*en aus ehemaligen doktrinären Sekten konnte er aber seine von dieser Sozialisation geprägte Weltsicht und das dazugehörige Menschenbild nicht so elegant auswechseln. Im Gegenteil, das wird mitgenommen – mann ist ja der gleiche Mensch. Ist es bei Frau Lau ähnlich? Möglich, aber ich kenne sie zuwenig, um das zu beurteilen.
Damit sind wir beim Kern dieser Debatte: ist die Menschenwürde ein Instrument beim Kampf um innenpolitische Mehrheiten, bis hin zum Verhindern von Faschismus? Oder ist sie der Zweck, an dem sich die Entwicklung politischer Strategien orientieren muss?
Bei einem Kongress politischer Oppositioneller 2005 in Istanbul, im Keller eines Hotels am Taksim-Platz habe ich exakt diese Alternative als Kritik an Oskar Lafontaines Position formuliert – auf dem Podium verteidigte ihn die ehemalige (oder Noch-?) Trotzkistin und heutige MdB Christine Buchholz. Ich vertrat dort seinerzeit die Böll-Stiftung. Bei den 2-300 türkischen Aktivist*inn*en hatte ich die Debatte damit gewonnen. Im Angesicht Erdogans haben sie das sofort begriffen. Es waren hier wie dort noch bessere Zeiten.

Update mittags: zur aktuellen Lage der Menschenwürde hier ein DLF-Interview mit dem Rettungskapitän Klaus-Peter Reisch.