Sigmar Gabriel kann nicht nur zuhause sitzen und sich um die Kinder kümmern. Das Haus Holtzbrinck, in dem auch Die Zeit erscheint, hat ihm ein Kolumneneckchen im Handelsblatt eingerichtet. Ich gehe dort nicht mehr täglich vorbei, seit die ihre Paywall erweitert haben. Aber Sigmar ist immer für Wind gut, der darüber hinaus weht. Nun hat ihm Tim Strohschneider/oxiblog eine Kritik gewidmet, die Sigmar in fast jeder Hinsicht gerecht wird.
Horst Seehofer hat es im Spätwinter seiner Karriere sogar bei uns in die Schlagwortwolke geschafft, in der Grössenordnung von Wolfgang Schäuble und Wladimir Putin. Ein noch bedeutenderer Erfolg ist, wenn es so einer zu einer seiner Person gewidmeten Analyse von Georg Seesslen schafft. Nicht, dass Horsti darauf wert legt, dem wird das egal sein. Aber es dient unserer politischen Weiterbildung.
Und wenn Sie gerade bei der Jungle World sind, beachten Sie in der aktuellen Ausgabe den NSU-Schwerpunkt, u.a. Mit einem Interview mit der Nebenkläger-Vertreterin Edith Lunnebach, eine der besten Kölner Rechtsanwältinnen seit den 80er Jahren, als sie den Volkszählungsboykott unterstützte.
Während Erdogan jetzt US-amerikanische Geiseln nimmt, vermutlich, um seinen ehemaligen persönlichen Freund Gülen ausgeliefert zu bekommen, und seine Ökonomie immer mehr ins Taumeln gerät, weswegen er spaktakuläre alternative Symbole benötigt, naht die Erste Hilfe seitens unser aller Bundesregierung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit, ausser der FAZ. Wir müssen also doch weiter beim Klassenfeind mitlesen. Und die beteiligten Bundesminister für Finanzen (Scholz/SPD), Wirtschaft (Altmeier/CDU) und Aussen (Maas/SPD) bei ihren nächsten Auftritten fragen, welche Fortschritte in Erdogans Politik noch mal genau diese spektakuläre nichtöffentiche Entscheidung für staatliche Kreditbürgschaften veranlasst haben. Vielleicht erklärt es uns auch Sigmar in seiner nächsten Handelsblatt-Kolumne, hat der doch Erdogan-Minister im Lichte zahlreicher Kameras zu sich nachhause in Goslar, einer Stadt, in der es zwar noch einen Bahnhof gibt, das Karstadt-Haus aber schon geschlossen hat, zum Teetrinken eingeladen.
Korrektur: eine Online-Recherche belehrt mich: geschlossen hat nur die Lebensmittelabteilung von Karstadt. Ich habe dort 1976 die Baugrube mit ausgehoben. An der Architektur inmitten einer Fachwerk-Altstadt war ich unschuldig.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net