Der Fussball im Sommerschlussverkauf

Lucien Favre ist nicht zu beneiden. Während seine Vorgänger im Amt des obersten BVB-Fussballlehrers mit frisch entdeckten Talenten wie Mikhitaryan, Aubameyang oder Dembele verwöhnt wurden, muss er sich mit Human Ressources-Ware vom Grabbeltisch begnügen: Axel Witsel, von der Ersatzbank der belgischen Nationalmannschaft, mit 29 in den Millionärsvorruhestand nach China verschickt, wurde heim nach Europa geholt. Von der Ersatzbank des FC Liverpool ist Divock Origi in Dortmund im Gespräch, der in der abgelaufenen Saison die Lowperformer von VW Wolfsburg nicht vor der Abstiegsgefahr bewahren konnte. Und wer den BVB gestern in Fürth hat spielen sehen, muss zugeben: ja, Origi wäre eine Verstärkung.
Der BVB, Umfragen zufolge der beliebteste deutsche Fussballverein, deutscher Meister vor gar nicht so langer Zeit (2011, 2012), brauchte eine Schiri-Zuneigung, die sonst nur den Fussballkonzernen aus dem süddeutschen Raum oder aus Madrid zuteil wird: abgepfiffen wird erst, wenn sie ein Tor gemacht haben. Gestern also nach 95 Minuten. Ich wage folgende Vorhersage: Lucien Favre wird auch diese, wie bisher jede, Mannschaft besser machen. Aber für einen zweiten Platz nach 34 Spieltagen wird das nicht ausreichen, selbst wenn sie noch Anthony Modeste heimholen.

Machtkampf DFB gegen DFL mit Löw und Bierhoff mittendrin – Opfer wird der Sport

Hinter dieser Bühne findet aktuell ein ultimativer Machtkampf um die deutschen Fussballmarktanteile statt. Hans-Joachim Löw, der eigentlich nur eine gute Fussballmannschaft ausbilden und sportlich weiterentwickeln will, muss jetzt den Politiker geben; eine Rolle, die er anderen zugedacht hatte. Oliver Bierhoff, der eigentlich Löw den Rücken von fussballfremden Aufgaben freihalten sollte, bedarf jetzt selbst des Schutzes, den er eigentlich liefern sollte. Was Löw jetzt zum Fussballlehrerdasein fehlt, ist Jürgen Klinsmann. Der kannte die Witzfiguren des DFB- und DFL-Präsidiums und stellte sie (inkl. ihrer Schleimer vom Medienboulevard des Springer-Konzerns) so wirkungsvoll kalt, dass sie beim Fussballspielen im Sommermärchen 2006 nicht mehr stören konnten. Der Konzern aus dem süddeutschen Raum kaufte Klinsmann danach schnell dem DFB weg, obwohl er ihn doch noch aus aktiven Spielerzeiten kennen musste. Und musste dann bitterlich erfahren, dass Klinsmann zwar eine selbstbewusster Manager, aber kein guter Trainer war und ist. Das war schon damals Löw. Ein “Dreckspieler” wie Mesut Özil genügte seinerzeit, um dem süddeutschen Konzern im eigenen Stadion 5 Auswärtstore ins Netz zu legen.
Und jetzt muss Löw das leisten, was damals Klinsmann schaffte: den rücksichtslosen Machtkampf zwischen Amateuren im DFB-Präsidium und den kapitalgierigen Vereinen (+Springer-Konzern) ausbalancieren, ohne dass es sportlichen Schaden anrichtet. Meine Voraussage: das kann Löw nicht. Es (und er) wird scheitern. Springer hat mit DFB-Präsident Grindel bereits ein dankbares Opfer gefunden, das sich vor ihm auf den Rücken legt und seinen Hals hinhält.
Der deutsche Fussball ist angefressen, und wird absehbar nach Abschaffung der “50+1-Regel” komplett den globalen Finanzströmen zum Frass vorgeworfen. So wie es Despot Berlusconi mit seinem angeblich geliebten Geldwäscheautomaten AC Milan machte, als er alt war und das Geld brauchte. Was sich dort abspielt ist die Zukunft des (Profi-)Fussballs.