Der Tagebau Hambach, die Bayer-Monsanto-Fusion und der Dieselskandal haben eines gemeinsam: Vorstände zwischen Hybris, Gewissenlosigkeit, und politischer Ignoranz. Eine Generation freundlicher Technokraten, getrieben von den Dreimonatsberichten an die Börse und scheinbar unpolitisch.  “Völlig überrascht” war der Vorstandsvorsitzende der RWE Power AG nach eigenem Bekennen vom gestrigen Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, das einen vermutlich zweijährigen Rodungsstopp des Hambacher Forstes verhängt hat. Tags darauf jammerte er darüber, dass sich der Wert seines Unternehmens an der Börse um fast eine Milliarde Euro vermindert habe. Kein Wunder, dieser Absturz der RWE-Aktie, wissen doch die Aktionäre, dass es beim Abbaggern des 12.000 Jahre alten Mischwaldes vordringlich nicht um die Sicherung der Energieversorgung, sondern um gigantische Gewinne durch die Verbrennung klimaschädlicher aber unschlagbar billiger Braunkohle und den Export des so gewonnenen Stroms geht.

Dass nebenbei viele dieser Aktionäre Kommunen sind, die unter anderem demnächst Fahrverbote für Euro 5 Diesel verhängen müssen, macht die Situation noch absurder. Ist Dr. Frank Weigand, Vorstand der RWE Power AG wirklich so betriebsblind, dass er die offensichtlichen politischen Risiken eines umstrittenen Tagebaus nicht erkannt hat? Dass sich ihm Zusammenhänge zwischen formaler Rechtslage und gesellschaftlicher Verantwortung eines Unternehmens unbekannt sind?  Möglich ist das.  Weigand ist Physiker, war lange bei McKinsey, dort und bei RWE immer wieder im Wechsel mal Controller und mal Finanzvorstand. Kann es sein, dass ihm und seinen Managerkollegen des RWE-Konzerns wirklich das eigene Glaubwürdigkeitsdesaster nicht auffällt? Ist es möglich, dass diese Leute nach Jahrzehntelager Verneinung und Verteufelung regenerierbarer Energien nun die eigene dämliche Reklame vom angeblichen “voRWEggehen” bei den Erneuerbaren wirklich selber glauben?

Würde Harry Potter Lord Woldemort aufkaufen?

Ebenso überrascht über ein Urteil in den Vereinigten Staaten, das dem Hausmeister Dwayne Johnson 289 Millionen Dollar Schmerzensgeld zusprach, zeigte sich Bayer-Vorstandchef Baumann am 11. August 2018. Eine jahrelange öffentliche Diskussion um Glyphosat, 400 Klagen in den USA gegen Monsanto, spielten offenbar in seinen strategischen Überlegungen für den Bayer-Konzern keinerlei Rolle. “Mit Abschluss der Übernahme geht die Arbeit erst richtig los”, hatte Baumann den Aktionären auf der Hauptversammlung Ende Mai zugerufen. Weltweite Widerstände bilden sich seit Jahren gegen “Roundup”. Das Gift von Monsanto, durch das der US-Gentechnikkonzern in Kombination mit Saatgut, dessen Pflanzen steril sind, und das deshalb jedes Jahr wieder neu gekauft werden muss, Millionen Landwirte und ganze Landstriche im mittleren Westen, in Südamerika und in Asien abhängig gemacht hat. Glyphosat ist Gegenstand von Prozessen und Gutachten über die Krebsgefährlichkeit weltweit. Trotzdem gab der Bayer-Konzern in diesem Jahr über 63 Milliarden Euro aus, um mit einem Konzern zu fusionieren, dessen Name in Teilen des Planeten verhasst ist und sich Bürgerinitiativen und Prozessen gegenüber stehen sieht. Für Monsanto ist der Namenswechsel zu Bayer ein Segen, denn der ist weltweit mit Produkten wie “Aspirin” positiv konnotiert.

Baumann eignet sich noch weniger als sein Kollege Weigand zum Feindbild. Ein netter Manager, durchaus diskussionsbereit – so portraitierte ihn der WDR im Mai 2018. Politisches Fingerspitzengefühl oder ein Blick fürs gesellschaftliche Ganze – Fehlanzeige. Macht, aber keinen Plan. Wirtschaftswissenschafler und – seit 1991 in verschiedensten Funktionen im Bayer-Konzern immer wieder Controller und Finanzchef, zunächst von Unternehmensteilen, dann vom Konzern. Die politische Ignoranz könnte ihm das größte Desaster eines der Flaggschiffe der Deutschen Wirtschaft kosten: Sollten weiter Prozesse um Glyphosat Erfolg haben und die Kunden rund um den Globus erkennen, dass wie bei der “Raider-Twix- sonst ändert sich nix” Spiegelfechterei jetzt Bayer draufsteht und Monsanto drin ist, könnte die Bayer-Aktie ins Unendliche  fallen – um dann flugs von einem amerikanischen Finanzunternehmen wieder eingesackt zu werden. Ist jetzt sicher den Teufel an die Wand gemalt – aber ich an seiner Stelle würde bei der Vorgeschichte der beiden Unternehmen auf eine solche Idee kommen. Dafür bin ich nicht so gut mit Excel-Listen.

Edzard Reuter: Fremdschämen und verantwortunglose Politik

Seit drei Jahren gibt es nun den Diesel-Skandal. Automobilkonzerne von Citroen bis BMW, von Renault bis VW und Fiat, Ford, Toyota und auch Daimler – alle müssen sich für untaugliche Motoremissionen verantworten. Damit gingen Manager unterschiedlich um. Während beim “Diesel Gipfel” VW-Chef Müller vollmundig prahlte, wie gut man einerseits die Sache im Griff habe und mit Vehemenz jede Hardware-Nachrüstung als technische Ketzerei stigmatisierte, obwohl gerade ein mittelständisches Unternehmen die Nachrüstung eines Euro 5 Passat mit Originalteilen erfolgreich vollzogen hatte, konnte man der Körpersprache Zetsches erkennen, wie peinlich ihm der Auftritt seinen Kollegen war – er selbst mahnte zur Bescheidenheit. Seitdem sitzt Audi-Chef Stadler in Untersuchungshaft, Ex-VW-Chef Winterkorn steht unter Anklage in den USA.

Aber passiert ist seitdem nichts, außer den immer neuen, immer vehementer vorgetragenen Angeboten nach Förderung des Neukaufs und mit dem “Aus” für den Diesel das “Aus” für den CO² sparenderen Verbrennungsmotor. Und auch der neueste Murx der GroKo zur Lösung der Dieselkrise wird wieder von den Autokonzernen torpediert. Wie lange glauben diese eigentlich noch, die Gesellschaft für dumm verkaufen zu können, bis Absatzflaute, ruinierter Ruf und chinesisches Kapital – bei Daimler hat es schon begonnen – sich das Know-how per Übernahme kaufen werden? Edzard Reuter, ehemaliger Daimler-Benz-Chef erklärte dazu kürzlich, dass er sich für die gesamte deutsche Automobilindustrie fremdschäme.

Was sind das für Manager ohne politische Moral, soziale Skrupel, ohne gesellschaftliche Verantwortung und ohne ethische Agenda, ohne jede Verpflichtung auf liberale Demokratie bei der Globalisierung des Planeten? – Ich erinnere mich gut, dass Lothar Späth, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, im Wahlkampf in Tübingen erklärte, – Betriebswirte und Techniker brauche das Land. Mit “denne Studente, die am liebschte Diskussionswisseschafte studiere würdet” müsse endlich Schluss sein. Das war 1983. Heute haben wir diese Manager. Und es kommt noch schlimmer: Eine Freundin, die in Mannheim und Karlsruhe Soziologie z.T. an Privatunis lehrt, berichtet, dass Bachelor- und Masterstudenten keine “Tagesschau kennen”. Geschweige denn den Zusammenhang von Politik mit dem, was sie da studieren. Das Gemeinwesen und auch die Wirtschaft, viel schlimmer aber die globalisierte Welt müssen – allem Social Responsibility- und Compliance-Wortgeklingel zum Trotz – Hybris, Engstirnigkeit, Gewissenlosigkeit und Profitgier dieser Fachidioten ertragen. Und Politiker vom gleichen Schlag namens Dobrindt, Scheuer, und Julia Klöckner, Gerhard Schröder und Peer Steinbrück sowie viele andere ließen und lassen sie gewähren. Das muss sich ändern.