Die Normalen sind das Problem

Von , am Mittwoch, 10. Oktober 2018, in Medien, Politik.

Anzeichen für linke Bewegung (III)
“Normalitarismus” – schon mal gehört? Ich auch nicht. Aber der These, dass die “Normalen” das Problem sind (“Extremismus der Mitte”), hänge ich schon länger an. Nun habe ich mit Hilfe eines Hinweises der nachdenkseiten Jonas Schaible entdeckt. Da war doch was …. Ja, der Name tauchte schon mal im Zusammenhang mit dem Rücktritt eines unbedeutenden Bundespräsidenten auf.
Jetzt taucht Schaible in meinem Blickfeld mit einem bemerkenswerten klugen Text “Wieso es keinen Rechtsruck gibt, aber die extreme Rechte trotzdem wächst” wieder auf. Auf einer Plattform mit einer Massenrelevanz wie “Bild”, von der ich mich bislang ferngehalten habe. Seit wann soll t-online journalistische Kompetenz besitzen? Eine Konzernseite hat klar definierte Interessen. Naja, so ganz klar ist es doch nicht. Sie gehört nämlich nicht der Telekom sondern zum Ströer-Konzern. Das sind die mit den Plakatwänden, und den Reklamedisplays in Bahnhöfen, sogar solchen, in denen es keine lebendigen Menschen der DB mehr gibt (Troisdorf z.B.). Ich kenne sogar jemand sehr sympathisches sehr gut, die dort, in Rodenkirchen schon mal gearbeitet hat. Aus dem einstigen Familienunternehmen ist ein profitabler börsennotierter Konzern geworden, in dem der Hedgefond Cerberus ein wichtiger Grossaktionär ist.
Die Strategie des Konzerns geht dahin, in Onlinegeschäften möglichst weit vorne mitzumischen. Dafür ist Marketingmacht eine wichtige Voraussetzung. An der im alten Journalismus geheiligten Trennung von Redaktions- und Anzeigengeschäft besteht da kein gesteigertes Interesse. Zur Entwicklung von Marketingmacht gehört aber u.U. auch redaktionelle, journalistische Macht. Hier spielt für Ströer wiederum t-online.de eine offensichtlich wichtige Rolle. Sie brachte von der Telekom schon eine bemerkenswerte technische Reichweite mit, die über Kooperation auch aufrechterhalten wird. Dazu wurde – gross denkend – gleich ein Spiegel-online-Chefredakteur eingekauft, um eine Redaktion aufzubauen. Die selbstverständlich in Darmstadt dichtmachte und nach Berlin ins Zentrum des deutschen Medienzirkus umgesiedelt wurde. Und der Chefredakteur, nicht dumm, kaufte diesen schlauen Schaible als Parlamentskorrespondenten ein. Ein kluges Kerlchen ist günstiger als ein alter Hase, leistet mehr für weniger Geld.
Lange Vorrede, dieser Schaible-Text bestätigt solche Vermutungen.

Der Normalitarismus verwildert einst zivilisierte demokratische Politik

Wie schlimm es der Normalitarismus treibt, wie er demokratische politische Systeme selbst in die Verwilderung treibt, sehen wir an den aktuellen Geheimdienstaffären, die einst übliche Mittel der aussenpolitischen Diplomatie weitgehend ersetzen. Es ist der Fall Kashoggi zwischen Saudi-Arabien und der Türkei, also zwei unterschiedliche Systeme, von jähzornigen Despoten geführt und regiert. Vor kurzem hätten wir diese Sache noch als “orientalisch” abgetan.
Der Betrieb zwischen Westeuropa und Russland läuft aber nach gleichem Modus, wie die Skripal-Affäre zeigt. Hier hat nicht mehr eine nach rechtsstaatlichen Kriterien unabhängig arbeitende Kriminalpolizei (Scotland Yard) die Federführung, sondern ein dem Atlantic Council nahestehendes angeblich “investigativjournalistisches” Internetportal des Briten Eliot Higgins (“Bellingcat”). Als Journalist kann der Mann meinetwegen tun und schreiben, was er für richtig hält. Aber seit wann nehmen solche Leute, seit wann übernehmen – legitim streitbare – Medien die Rolle von Botschafter*inne*n, Regierungssprecher*inne*n, Aussenministerien und Ministerräten von EU und Nato ein? Für wie doof will uns demokratisch gewählte Politik behandeln? Wie beschämend ist das?

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