Allein das wäre es wert gewesen. Dem Herrn Hans-Joachim Löw scheint dagegen seine Verwandlung gelungen: vom arrivierten Weltmeistertrainer zum ehrgeizigen Emporkömmling. Denn Favorit waren seine Versager von 2018 gestern Abend in Amsterdam nicht mehr. Jan Christian Müller/FR hat in seiner exzellenten Spielanalyse gewiss Recht, wenn er den Niederländern unterstellt, die deutschen Gegner – zunächst – unterschätzt zu haben.
Ich wunderte mich zunächst über das Fehlen von Reus in der Startelf. Der Oberschenkel soll schuld gewesen sein. In der Vorberichterstattung wurde seine Rolle so heftig überhöht, dass es vielleicht besser so war. Denn in der ersten Halbzeit war eine einzigartige, nur schwer umzusetzende Verbindung von Aggressivität und Disziplin zu sehen. Die Niederländer kamen überhaupt nicht ins Spiel, weil alle (!) elf DFB-Spieler radikale Defensivarbeit verrichteten. Im Weltfussball ist derzeit keine Mannschaft zu sehen, die diesen kraftraubenden Spielstil 90 Minuten durchhalten kann. Darum ist es so wichtig, dabei Torerfolge einzufahren, die sich dann mit reduziertem Kraftaufwand in der eigenen Hälfte verteidigen lassen. Für diesen Spielstil kommt es nicht auf die vom Journalistenpulk herbeidelirierte Hierarchie an, sondern auf die Solidarität von Gleichberechtigten. Dafür lieferte die gestrige 1. Halbzeit ein Lehrbuchvideo.
In der 2. Halbzeit drohte diese Konstruktion gegen starke, ehrgeizige, eingespielte, technisch starke Gegner wieder einzustürzen. Das 2:2 auf engstem Raum erspielt zeigt, zu was diese Niederländer fussballerisch fähig sind. Da können die Deutschen noch was lernen.
In diesem 2:2-Szenario zeigte der Herr Löw, was Lucien Favre schon die ganze Saison vormacht. mit einer weltklassebesetzten Bank das I-Pünktchen setzen. Gündogans – kürzlich noch rassistisch ausgepfiffen – genialer Pass, ein frisch eingewechselter nicht verteidigbarer Reus als präziser Flankengeber und der Ex-Gladbacher Schulz mit einer schönen Krönung seiner harten Arbeit. Die andern beiden deutschen Torschützen, Sane und Gnabry, übrigens: Schwarze Deutsche. Noch Fragen?