Fachvorträge zum Geburtstag

Von , am Sonntag, 14. Juli 2019, in Politik.

von Günter Bannas
Geburtstagsansprachen von Angela Merkel sind doppelbödig und für den Jubilar nicht ohne Risiko. Eine Selbstcharakterisierung auch? Gar Wegmarken ihres Lebens? Die Kanzlerin hat ein Faible für Eigenarten politischer Akteure. In ihrer Rede auf Joachim Gauck, als der 70 Jahre alt geworden war, sagte sie: „Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten. Denn da er ein herausragender Redner und prägnant in der Ansprache ist und das, was er ausgeführt hätte, vielleicht auch noch einen höheren Neuigkeitswert hätte als das, was ich zu sagen habe, wäre das ein interessantes Experiment gewesen.“
So die Kanzlerin 2010. Gegen Merkels Willen wurde Gauck 2012 Bundespräsident, weil die FDP unter Philipp Rösler, damals Vizekanzler, sich auf die Seite von SPD und Grünen geschlagen hatte. Gleichwohl bat Rösler im Jahr darauf zu seinem 40. die Kanzlerin um ein paar Worte.
Merkel: „Ich weiß nicht, was zum 80. von Philipp Rösler passieren soll, wenn zum 40. schon so viele Leute da sind. Ich vermisse aber einen Fachvortrag. Als ich meinen 50. feierte, gab es einen zur Hirnforschung. Bei dir hätten wir irgendetwas zum Augenlicht oder zur Klarsicht erwartet.“ Rösler, der Augenmedizin studiert hatte, hatte zu lächeln.
Als Guido Westerwelle 50 geworden war, erzählte Merkel 2012 vom Alltag unter Helmut Kohl. Westerwelle, in jener Zeit FDP-Generalsekretär, sei aus dem Koalitionsausschuss „geflogen“, weil er Interna an Journalisten durchgestochen habe. Da habe sie, mit Bewunderung, gedacht: „Super, der Typ kann was.“
1990 war Merkel als stellvertretende Sprecherin der frei gewählten DDR-Regierung mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Moskau. Genscher war berühmt für politische Allgemeinplätze. Daran erinnerte Merkel bei dessen 80. im Jahre 2007 so: „Die aus meiner Sicht doch in seinen Äußerungen vorhandene Unbestimmtheit über den Gegenstand, den er beschrieb, und die gleichzeitige Zufriedenheit der Journalisten, die hat bei mir, ehrlich gesagt, auf meinem politischen Lernweg eine nachhaltige Wirkung entfaltet.“
Vor Jahren gab es Festreden auf die Kanzlerin. Gerda Hasselfeldt (CSU) zitierte Horst Seehofer (CSU): „Angela, du bist die Größte.“ Auch Merkel hatte ein Seehofer-Zitat parat: „Wenns heute schön ist, muss es morgen nicht genauso sein. Das ist das Wesen von Politik.“ Das war bei Merkels 60. Nächsten Mittwoch wird sie 65 Jahre alt.
Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs am Sonntag der Berliner Morgenpost. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.

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