Beueler Extradienst

Meldungen & Meinungen aus Beuel und der Welt

Wundersame Bahn XXXI

Ein ganz normaler Freitag
Ich wusste ja vorher, dass es ein Abenteuer wird. Dennoch kann die Bahn mich immer noch ĂŒberraschen. Gegen 15 h traf ich am Hbf. von Bonn ein. VerspĂ€tungen wurden fĂŒr das komplette Angebot angezeigt. Der RE5 nach Oberhausen meldete 30 Min., der IC nach Emden ĂŒber Oberhausen nur 15 Min. Da fiel die Wahl nicht schwer. In Essen-Altenessen sollte er jedoch nicht halten. Die Strecke Duisburg-Essen Hbf. wird wg. Bauarbeiten in den Sommerferien komplett nicht bedient, die vermutlich meistbefahrene Strecke bundesweit mit entsprechendem Verschleiss. Das Ruhrgebiet ist Deutschlands grösste Stadt, es weiss es nur nicht. Durch die Teilung seiner politischen Macht wurde und wird es von niemandem ernstgenommen, und hat sich selbst an seine Underperformance gewöhnt.

Einst nach Moskau und Athen, heute: ICs nur gucken – nicht einsteigen!

So kann es geschehen, dass Essen, das mit der grossen Zahl der dort ansĂ€ssigen “Dax-Konzerne” prahlt, sechs Wochen lang vom Fernverkehr durchfahren, und dennoch abgeschnitten wird. Von seinem Bhf. Altenessen konnte man noch zu meinen Lebzeiten nach Kopenhagen, Stockholm, Moskau, Athen und Palermo fahren. Heute ist das BahnhofsgebĂ€ude niedergelegt, der Bahnsteig nur durch eine AngstraumunterfĂŒhrung zu erreichen. Zu einer Bahnsteiganzeige hat es nicht mehr gereicht, zu leibhaftigem Personal sowieso nicht. Vermutlich haben Kommunalpolitiker*innen der Stadt mit der Deutschen Bahn seit 50 Jahren kein Wort mehr gewechselt, und schon gar nicht irgendwelchen Einfluss auf Bundesverkehrspolitik ausgeĂŒbt. Die Ruhrgebiets-SPD war so ausgelastet mit der aussichtslosen Verteidigung alter Industrien, dass es fĂŒr Gedanken ĂŒber moderne Verkehrssysteme seit dem Krieg nicht mehr gereicht hat.
Der Bahnsteig in Altenessen ist immer noch so lang wie frĂŒher, ein ĂŒber 10 m langes StĂŒck sieht sogar wie frisch gemacht und noch nie betreten aus, aber die Bahn konstruiert dennoch irgendwelche Ausreden, warum ICs dort durchfahren statt anhalten mĂŒssen. Um mein Ziel im Norden von Essen zu erreichen, musste ich also in Oberhausen umsteigen, um in Altenessen die aussergewöhnlich tief vergrabene U-Bahn zu erreichen. Die endet jedoch ebenfalls wg. Bauarbeiten bereits dort, wo sie das Tageslicht erblickt. FĂŒr das letzte StĂŒck war ein Umstieg auf “Schienenersatzverkehr” erforderlich. Ein Gelenkbus erwartete die FahrgĂ€ste nach Karnap und Gelsenkirchen-Horst. Ich war im Pulk relativ weit vorne. Als ich mich umdrehte, dachte ich: oweh, wie sollen die alle da reinpassen?

“Sind hier EnglĂ€nder dabei?” und “Altenessener SolidaritĂ€t”

In der U-Bahn witzelten zwei MĂ€nner bereits ĂŒber die englische Durchsage, dass der Zug hier ende: “Sind hier EnglĂ€nder dabei?”, worauf der Andere antwortete: “Auf jeden Fall ist diese Bahn aus England.” Die Essener Verkehrs-AG (EVAG, Essener sprechen das “Efack”, oder, fĂŒr EnglĂ€nder: “A-fuck”) hatte zahlreiche Gebrauchtfahrzeuge der Londoner U-Bahn erworben. Die meiste Zeit stehen sie allerdings in der Werkstatt.
Im vollgepackten Bus kam es nun zu folgender Szene. Aufgrund seiner starken Personenlast war die SchrĂ€gneigung zugunsten von Kinderwagen und RollstĂŒhlen vor der Abfahrt nicht aufzuheben. Der Fahrer bat “die HĂ€lfte der FahrgĂ€ste” nochmal auszusteigen, weil nur dann die Mechanik zur Abfahrtbereitschaft funktioniere. Es dauerte natĂŒrlich ein paar Minuten, bis die FahrgĂ€ste Klarheit fĂŒr sich gewannen, wer nun zu welcher HĂ€lfte gehöre. Das Manöver gelang, der Bus erreichte seine Aufrechtstellung, die ausgestiegene HĂ€lfte trat wieder ein. Die Fahrt begann. Bemerkenswert: die aggressionsfreie Gelassenheit der FahrgĂ€ste: sie bedauerten den Fahrer dafĂŒr, dass er zu diesem Manöver nun an jeder Haltestelle gezwungen werde. Ein Ă€lteres Ehepaar stand an der TĂŒr. Es hatte sich freundlich fĂŒr die “Altenessener SolidaritĂ€t” bedankt, die sich in zahlreichen Sitzplatzangeboten ausdrĂŒckte: “Wir steigen die NĂ€chste aus.”
Altenessen mĂŒssen Unkundige wissen, wurde in den letzten Jahren von Journalist*inn*en, die es vermutlich noch nie gesehen haben, bestĂ€ndig und schlagzeilengeil als “No-Go-Area” diffamiert. Das scheint seine Bewohner*innen zusammengebracht zu haben. Leider war der Busfahrer, vermutlich von einem privaten Monopolisten nur an die EVAG ausgeliehen, auch nicht ortskundig. Er fuhr nĂ€mlich an der Folgehaltestelle durch, weil niemand “den Knopf gedrĂŒckt” habe. Ich frozzelte zu dem Ehepaar “am besten wĂ€hrend der Fahrt abspringen”. Der Bus ĂŒberquerte Emscher und Rhein-Herne-Kanal. Auf der BrĂŒcke waren die stillliegenden Gleisarbeiten zu sehen und an der nĂ€chsten Haltestelle der Bus fĂŒr die Gegenrichtung. Da hĂ€tte es nun nahegelegen, auf das zuvor am Ausstieg gehinderte Ehepaar zu warten, damit es wieder zurĂŒckfindet. Doch das Naheliegende lag schon zu fern. Zu “meiner Schulzeit” in den 60ern, frozzelte ich erneut, “hatten die Busfahrer sowas Altmodisches wie Sprechfunk”, ĂŒber den sie sich verstĂ€ndigten. Manches war also frĂŒher tatsĂ€chlich besser.
Bilanz meiner Hinfahrt: Start: 15 h, Ankunft: kurz vor 18 h. 3 Stunden fĂŒr 110 km. Ist das ein “Industrieland”? Oder wie sollen wir das nennen?

Wenigsten einen RE “pĂŒnktlich” durchbringen

Zur RĂŒckfahrt wurde ich zum Bhf. Altenessen gebracht. Dort war der RE1 versprochen, der meistfrequentierte Zug NRWs. Er sollte mich umsteigefrei bis Köln bringen. Zuvor brauste noch ein verspĂ€teter IC aus Gelsenkirchen durch, der sich mit einer rabiaten Hupe Respekt auf dem Bahnsteig verschaffte. Der RE1 traf dann mit 15 Min. VerspĂ€tung ein. Ich glaubte, das reicht, um in Köln den RE5 nach Bonn zu erreichen, der im Fahrplan auf der Rheinstrecke 20 Min. hinter dem RE1 verkehrt. Zwischen Oberhausen und Duisburg mussten wir jedoch erneut auf freier Strecke warten, weil der IC in Oberhausen zu lange aufgehalten wurde, und erneut ĂŒberholen musste. Hinter Duisburg, kurz vor DĂŒsseldorf-Flughafen kamen wir erneut zum Stehen. Und wer ĂŒberholte uns? Der RE5! Das kannte ich noch nicht: ein gleich”wertiger” RE ĂŒberholt einen verspĂ€teten RE vor ihm. Was könnten die Motive der in einem Computerraum fern der Strecke regierenden Disponenten sein? Der eine RE könnte als “pĂŒnktlich” in die Planwirtschaft der DB eingehen, wĂ€hrend der andere, meiner, sowieso nicht mehr zu retten war. Der RE5 muss ausserdem hinter Köln auf die enge Rheinstrecke einfĂ€deln, die sowieso mit zu geringer GleiskapazitĂ€t verkehrsĂŒberlastet ist. Wenn er das verspĂ€tet tut, zieht das eine riesige Kettenreaktion bis hinein in den GĂŒterverkehr nach sich.

Wie ist es wohl “auf dem Land”?

Kurz: den habe ich verpasst. In Köln gestrandet grĂŒbelte ich nun, ob ich lieber Bonn Hbf. oder Beuel anfahren soll. VerspĂ€tung hatte alles, ausser Beuel (und ausser dem RE5, der war weg). Dann kam der National Express nach Mehlem mit 15 Min.; eine Überholung durch den folgenden IC drohte nicht, der hatte noch 10 Min. mehr.
Von Essen-Altenessen bis Beuel waren es am Ende erneut ziemlich genau 3 Stunden. Wie es wohl “auf dem Land” ist?

3 Kommentare

  1. Herr Holger Koslowski

    Bin froh, dass Du heil zurĂŒck bist. habe ja versprochen vor 12 zu schauen. Sag doch noch was die „normale“ Fahrzeit ist….Großartiger Text!

  2. Martin Böttger

    Eine umsteigefreie IC-Fahrt von Bonn nach Essen dauert planmĂ€ssig, ohne Baustellenbetrieb, 1 St. 11 Min; hinzuzurechnen wĂ€ren 20 Min. fĂŒr die U-Bahn in Essen, und 10 Min. fĂŒr die Fahrradfahrt von Beuel zum Hbf., also zusammengerechnet “von TĂŒr zu TĂŒr” 1:45. Das wĂ€re der Idealfall mit den heute aktuellen Verkehrsangeboten. Meine These: an einem Werktag mit dem Auto, den Kölner Ring als Teil des Weges, die Baustelle RuhrtalbrĂŒcke – das wĂŒrde selbst Roland Appel kaum unterbieten können. Man nennt es Infrastruktur.

  3. Rainer Bohnet

    Das ist die multible Krise des öffentlichen Verkehrs in Deutschland. Seit Jahrzehnten unterfinanziert, gepaart mit FachkrĂ€ftemangel und fehlender politischer UnterstĂŒtzung. Das kann ins Desaster fĂŒhren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Beueler Extradienst

Theme von Anders NorĂ©nHoch ↑