Was läuft schief zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?
Meine Jahre an der Universität Bonn haben mich nicht traumatisiert, aber abgestumpft. Im Studium der Politikwissenschaften habe ich eigentlich nichts gelernt, sondern draussen im wahren Leben Erlerntes zur Anwendung gebracht, um Scheine zu erwerben. Das damalige System an der Uni Bonn war für mich dadurch so desavouiert, dass ich auf einen Abschluss meines Studiums verzichtete, und mich der Berufswelt zuwandte, in der ich bereits sozialversicherte Jobs erobert hatte. Die Ordinarienuniversität, die in Bonn alle 68er-Stürme überwintert hatte, blieb für mich ein lächerlicher Witz.
Die nachhaltigste Erfahrung – dieses Modeadjektiv drang erst Jahrzehnte später in meinen Wortschatz ein – war ein rechtsradikaler Professor vom “Bund Freiheit der Wissenschaft” (der Wikipedia-Eintrag ist von seinen Protagonisten unterwandert, darum führt dieser Link zum Bund demokratischer Wissenschaftler*innen), dessen Namen zu nennen hier zuviel der Ehre wäre, der mir und fünf weiteren Personen eine Strafanzeige wegen “Hausfriedensbruch und Nötigung” anhängte, die sich für meine Persönlichkeitsentwicklung als grosser Gewinn entpuppte: ich gewann mit diesem Ehrabzeichen als Opfer politischer Drangsalierung vier Wahlkämpfe: zwei fürs Studentenparlament und zwei Fachschaftswahlen (u.a. gegen den ewigen Verlierer Stephan Eisel, der später Kohl-Reden schreiben musste). Während der zweijährigen staatsanwaltlichen “Ermittlungen” besuchte ich offensiv ein Seminar dieses Professors und machte dort erfolgreich einen Schein (Über “die nationale Frage in der Diskussion der Linken”, Dutschke, Peter Brandt etc.). Der Herr Professor machte sich zwar in den Seminarsitzungen nicht in die Hose, aber es war knapp. Mein Sadismusbedürfnis war voll befriedigt. Dozent Klaus Günther engagierte mich anschliessend für 4 Semester als Tutor, aus Solidarität mit meinem Engagement. Für mich war es eine gute Zeit. Aber die Wissenschaft stieg in meinem Ansehen nicht.

Ein neuer Wind für die Wissenschaft

Fridaysforfuture hat sie nun wieder ans gesellschaftliche und politische Tageslicht geholt, aber wo war sie nur die ganze Zeit?
Bodo Mrozek entlarvte heute in der DLF-Reihe “Essay&Diskurs”, deren Redakteurin Barbara Schäfer langsam auch mal eine Ehrung verdient hätte, den “Abgehängten”-Diskurs als rechtsradikales deutsches Elitenprojekt. Wohlgemerkt: es geht um Diskursstrategie, nicht um das Bestreiten der Existenz tatsächlich “Abgehängter”. Es wäre an der Zeit, dass die gesellschaftliche Linke sich nicht mehr von den Rechten durch diese Manege ziehen lässt, sondern selbst initiativ würde, wie es die Kinder gerade vormachen.
Andrea Roedig wiederum ruft in Erinnerung, dass Expert*inn*en in einer Demokratie nicht dazu da sind, gleich die ganze politische Verantwortung wegzudelegieren. Österreich hatte es sich gerade so gemütlich gemacht, und heute wird vielleicht der gleiche Dreck wieder in die Macht gespült. Demokratie ist halt kein Wunschkonzert, sondern nervt und macht Arbeit.

Wissenschaftlicher Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) – schon mal gehört?

Doch das eigentliche Phänomen, das mich zu diesem Text animierte ist Frau Maja Göpel. Den Namen hatte ich schon mal irgendwo aufgeschnapppt, aber wieder vergessen. Mein Vater (87) meint dann immer sofort, er sei dement. Um einen katastrophalen gesellschaftlichen Demenzfall muss es sich hier tatsächlich handeln. Frau Göpel ist nämlich Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Nie gehört? Ich auch nicht. Doch jetzt weht ein neuer Wind. Und vielleicht trägt Frau Göpel, seit 2017 in diesem schönen Amt, nicht unwesentlich dazu bei, z.B. durch ihr persönliches Engagement bei den Scientists for Future. Jedenfalls wurde sie jetzt von der FAZ interviewt und hat politisch Gewichtiges zu sagen. Und siehe da: soeben hat die FAZ es hinter ihrer Paywall vermauert. Dann lesen Sie ersatzweise mal hier, was dieser Beirat von der Frau Göpel die letzten Jahrzehnte alles so angestellt hat. Ich kannte das nicht, Sie kannten das nicht. Und die Bundesregierung hat es offensichtlich noch nicht einmal mit ihrem Arsch angeguckt.
Zu lesen ist über diesen Beirat, dass er von den Bundesministerien für Forschung und Umwelt benannt wird (Gerhard Schröder: “Gedöns”) – und Überraschung – dass es dabei zu Streit kommt. Im Fall von Frau Göpel würde ich sagen: ein Streit, der sich lohnt.