Wir haben versagt

Von , am Samstag, 12. Oktober 2019, in Politik.

Das Gewaltvideo von Halle zeigt, dass der Täter in jeder Hinsicht ein Idiot ist. Und ein Deutscher wie du und ich
Es gibt so viel, worüber man schreiben könnte und sollte, wenn man einen Kolumnenplatz zur Verfügung hat. Über den Verrat an den Kurden beispielsweise und über den Tod von Kindern, den Recep Erdoğan, Präsident unseres Nato-Verbündeten Türkei, mit seinem Angriff auf syrisches Staatsgebiet zu verantworten hat. Oder darüber, dass der ägyptische Demokrat Alaa Abd el-Fattah – dem nichts anderes als eben dies vorgeworfen wird: dass er nämlich Demokrat ist – offenbar im Gefängnis gefoltert wurde und seine Familie um sein Leben fürchtet.

Ja, es gibt vieles, worüber geschrieben werden muss. Aber manchmal, ganz selten, gibt es Nachrichten, die lähmen und so verstörend sind, dass im Kopf vorübergehend kein Platz mehr ist, um sich auf andere Themen zu konzentrieren. Der versuchte Angriff auf eine Synagoge in Deutschland ist eine solche Nachricht.

Ich kann nichts für den Holocaust. Mir ist die „Gnade der späten Geburt“ widerfahren, wie mein Vater, der Publizist Günter Gaus, es genannt hat: zu spät auf die Welt gekommen, als dass ich mich noch hätte mitschuldig machen können. Aber die Verantwortung dafür, dass es gilt, Anfängen zu wehren und Sorge zu tragen, dass so etwas nie, nie wieder geschehen kann – die trage ich, die tragen wir alle in Deutschland. Für immer. Meldungen über unzureichenden Schutz einer Synagoge und eine zunächst zögerliche Reaktion der Polizei auf den Angriff beweisen, dass wir dieser Verantwortung nicht gerecht geworden sind. Sie nicht, ich nicht, wir alle nicht. Wir haben zugelassen, dass in manchen Kreisen eine Stimmung entstand, die diese Tat ermöglicht hat. Wir haben versagt.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass in diesen Tagen so wenig die Rede von dem Mord im Dönerladen ist, den der Täter verübt hat, nachdem es ihm nicht gelungen war, in die Synagoge einzudringen. Aber es sollte die Rede davon sein, genauso oft und genauso eindringlich wie von dem Angriff auf die Synagoge. Denn das Video, das der Täter ins Netz gestellt hatte, beweist, dass er sein nächstes Ziel absichtsvoll ins Visier genommen hatte.

„Döner – nehmwer“, sagte er, als er nach seinem ersten Mord an einer Passantin frustriert und zunächst planlos in Halle herumfuhr. Döner – den nehmen wir: Ja, natürlich. Es geht nicht nur um Angriffe auf Juden, sondern um Hass auf alle und alles, was nicht deutsch ist. Angriffe auf gastronomische Einrichtungen haben in dieser Hinsicht Tradition. Siehe NSU.

Stichwort Video. Gewaltvideos zu sperren ist grundsätzlich eine gute Idee. Ich bin nicht ganz sicher, ob das für das Video des Mörders von Halle auch gilt. Es wird vermutlich nie Kultstatus erreichen, ganz egal auf welchen Plattformen es anzusehen ist. Dafür zeigt sich auf den Aufnahmen zu deutlich, dass der Mann ein Idiot ist. Nicht nur wegen seiner Geisteshaltung, sondern auch, weil er nicht einmal in technischer Hinsicht weiß, was er tut.

Das allerdings entlastet beim Hinsehen nicht. Das Video ist erschütternd. Nicht nur wegen der widerlichen Morde und der unfassbaren Gefühlskälte, mit denen sie verübt werden. Sondern auch wegen der langen Passagen, in denen nichts, gar nichts geschieht. Außer dass sich der Mörder verhält, wie wir alle das auch hundert, tausend, zehntausend Male getan haben: Er hält brav vor einer roten Ampel. Er fragt höflich „Wie bitte?“, als ihm ein Mann etwas zuruft, was er nicht versteht. Er ist ein Deutscher. Wie ich eine Deutsche bin. Wir beide sind ganz und gar integriert in diesem Land. Wir haben vieles gemeinsam. Es wäre mir lieber, ich hätte das Video nicht gesehen.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

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