Is’ schon wieder Krieg?

Von , am Donnerstag, 31. Oktober 2019, in Medien, Politik.

Nein, aber selbst Kluge werden älter und ängstlich
Der innovativ orientierte und jedem technischen Fortschritt aufgeschlossene Thomas Knüwer ist mir noch nie so alt vorgekommen wie hier. Die Jugend von heute hat kein Benimm. Es gibt keine Höflichkeit mehr. Keiner lernt mehr gute Umgangsformen. Es gibt keinen Anstand mehr. Kurz: es geht bergab. Der Weltuntergang ist nah. Meine Gegenthese: das Internet ist zwar gerade 50 geworden, aber ein Massenmedium ist es erst seit gut 20 Jahren; die (a)sozialen Netzwerke (in meinen Augen der recht erfolgreiche Versuch des Grosskapitals, relevante Teile des Internet unter Datenkontrolle zu bekommen) sind halb so alt. Und in der kurzen Zeit soll die Menschheit, die in Deutschland schätzungsweise eine halbe Million Jahre alt ist und vor gut 2.000 Jahren Oppositionelle gekreuzigt, bis vor gut 200 Jahren Hexen verfolgt und Frauen erst vor 100 Jahren das Wahlrecht erlaubt hat, und noch vor 75 Jahren ganze Zivilisationen mit Atombomben in die Luft sprengte, schon Kulturtechniken zur zivilisierten Nutzung gefunden haben?
Es mag zwar sein, dass sich alle paar Jahre das digitale Speichervolumen und die Rechnergeschwindigkeit verdoppelt – der Mensch ist halt langsamer. Was Knüwer, zum Teil mit Bezug auf Lobo, als Geschehnisse beschreibt, gibt es alles wirklich. Es ist auch richtig, das zu kritisieren, und nicht einfach geschehen zu lassen. Das ist sogar der springende Punkt.
Als Knüwer und ich aufwuchsen, war der Höhepunkt von Respekt und Achtung für gewählte Politiker*innen. Sie wurden, das können sich junge Leute heute kaum vorstellen, für die Besten gehalten. Weil sie gewählt wurden. Ich selbst bin im Ranking meiner Schulklasse von ganz unten nach ganz oben aufgestiegen, weil ich mich politisch organisiert hatte und mir schnell Wissensvorsprünge aneignen konnte, die nicht im Unterricht vermittelt wurden. Die westdeutsche Gesellschaft war nie so politisiert wie 1972, über 90% Wahlbeteiligung und (verbotene!) politische Streiks für (!!!) die Regierung. Welch ein Gegensatz zu heute. Wer heute in Parteien geht, wird im günstigsten Fall für einen unzurechnungsfähigen Überflieger, in der Regel für einen karrieregeilen Streber gehalten – die hatten auch in unserer Zeit in den Cliquen der Schule nix zu melden.
Was eine Grundregel der Menschheitsgeschichte ist, ist, dass die “Normalen” den “Extremisten” die (digitalen) Marktplätze halt nicht überlassen dürfen. Inruhegelassenwerdenwollen ist in der Demokratie keine Option. Schon in den 80ern (und davor) in der Friedensbewegung lernten wir, dass Demos um so friedlicher sind, je mehr Menschen daran teilnehmen. Weil die “Normalen” darin eine viel grössere Mehrheit haben, als bei kleinen Aktionen, und so die Bekloppten durch Integration ruhigstellten. So funktioniert es noch heute bei Fussballfans, z.B. auf der Dortmunder Süd. Und so funktioniert es eigentlich überall.
Knüwer schreibt richtig, dass wir heute viel mehr wissen. Ich habe den gleichen Weltspiegel gesehen wie er: nicht nur Peter von Zahn, auch Dieter Gütt, Klaus Bölling, Hans-Walter Berg, und die jungen Gerd Ruge und Fritz Pleitgen; nicht zu vergessen die wenigen Damen wie Juliane Stephan oder die vom Bayrischen Rundfunk übel misshandelte Franca Magnani. Das war das schwarz-weisse Fenster zur Welt, sonntags eine 3/4-Stunde vor oder nach der Sportschau; erst 53 Jahre alt ist die Tatsache, dass eine Fussball-WM in der Glotze lief (und mit Videobeweis wären wir 1966 wieder Weltmeister geworden). Das seitdem angehäufte Wissen über die Welt (das sogar 1974 schon einen schlimmen verbrecherischen Krieg in Vietnam beendete!) lässt uns immer weniger Ruhe. Das ist nicht schlecht, sondern gut.
Die Politiker*innen, die sind heute wirklich schlechter als damals. Mit den Teilnahmemöglichkeiten an politischem Streit von heute ist es mit der Ruhe des Raushaltens und Wegdelegierens durch ein Wähler*innen*kreuzchen vorbei. Die “Normalen” und angeblich Vernünftigen müssen den Mund aufmachen, Kräfteverhältnisse und Zivilisationsniveau des öffentlichen Streits mitbestimmen. Dass sie es nicht (genügend) getan haben, war schon beim letzten historischen Aufschwung des Faschismus das Problem. Da gab es nur Radio und Telefon.

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