Revolution, Disruption & Sex

Von , am Freitag, 1. November 2019, in Genuss, Lesebefehle, Medien, Politik.

Der Wochenzeitung “Freitag” saugt aus der ausgelutschten ’89er Wendeerinnerung noch aktuelle Substanz
Hätte ich nicht gedacht, und möchte mein Kompliment hiermit weitergeben. Zur Wende ’89 ist alles gesagt, nur noch nicht von allen – dachte ich. Der deutsche als Klageweib – oops, ich glaube, das ist schon ein Diskriminierungsklischee. Zur Sache folgende Anlesetipps:
Elsa Koester und Anna Stiede, zur Wendezeit noch nicht Jugendliche (zu denen gabs hier beim MDR mehr), sondern Kleinkinder, kramen – als wahrlich junge Frauen, in ihren Erinnerungen. Älteren wie mir führt das lebhaft vor Augen, wie wenig angebracht es ist, die eigene Sozialisation als Voraussetzung für den politischen Diskurs einzusetzen. Das geht fundamental schief.
Die US-Historikerin und Ethnologin Kristen Ghodsee hat über den Sex geforscht mit dem Buch gewordenen Ergebnis Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben. Über schlechten Sex im Kapitalismus lesen Sie hier mehr im deutsch übersetzten Guardian-Interview mit Rosanna Arquette. Nun ja, im real existierenden DDR-Sozialismus erhielt ich schon in den 80ern Zeuginnenberichte von ähnlichen Traumatisierungen.
Nicht durch Sozialismus, sondern das Smartphone wird unser Sex, und nicht nur der, sondern unser ganzer Körper und unser komplettes Denken und Fühlen weitergeformt. Ich verweigere mich dem zwar privat, politisch und sozial ist es aber nicht möglich. Auch hierzu hat die junge Frau Koester Beachtenswertes zu schreiben. Das Smartphone ist nur das optische Symbol für einen tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Wandel der eine so hohe Geschwindigkeit angenommen hat, dass der gegenwärtige menschliche Intellekt mit einer adäquaten Analyse gar nicht mehr hinterherkommt. In meinen Augen ein schwerwiegendes systemisches Problem. Mich lässt das radikal Parteinehmen gegen Selbstoptimierung und für Entschleunigung (dieses Wort erkennt schon mein Textprogramm als Fehler, warum wohl?).
Oder für subversiven Blödsinn. Jürgen Roth würdigt 40 Jahre Titanic.

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