70 Jahre “was die andere Seite denkt”

Von , am Freitag, 1. November 2019, in Medien.

Das Zitat ist von taz-Redakteurin Ulrike Herrmann, der ich auch in dieser Würdigung zustimme: “Nirgendwo lässt sich besser nachlesen, wie Neoliberale die Welt sehen. … Sobald es ums Geld geht, ist niemand genauer als der FAZ-Wirtschaftsteil. … (er) … berichtet zudem nicht nur über Unternehmen, Börsen oder Wirtschaftspolitik. Auch die theoretischen Debatten der Ökonomenzunft werden liebevoll abgebildet. In der FAZ lässt sich kleinteilig verfolgen, wie sehr die neoklassischen Mainstream-Professoren an ihrer eigenen Theorie leiden.” So lässt sich der Gebrauchswert dieser Zeitung heute zusammenfassen – sofern sie ihr Wissen nicht hinter einer Paywall vermauert.
Über dieses Gesamturteil hinaus möchte ich zwei ehemalige Mitarbeiter würdigen, die seit kurzem den (Un-)Ruhestand erreicht haben.

Bannas

Günter Bannas, mittlerweile Extradienst-Gastautor. Mit seiner und der Redaktion freundlichen Erlaubnis kann ich an dieser Stelle seine sonntäglichen Kolumnen im Hauptstadtbrief der Berliner Morgenpost übernehmen. Bannas kenne ich seit den Gründungsparteitagen der Grünen Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre. Er fiel mir als kluger Zuhörer auf, der sich in die damals im Parteitagsplenum üblichen kungelnden Menschentrauben gesellte. Meinen damaligen VDS-Vorstandskollegen Ali Schmeißner warnte ich mal vor diesem “Klassenfeind” – und der artikulierte erstmals mir gegenüber tiefe Dankbarkeit für diesen Hinweis (mich wiederum liess das tief schmunzeln über so viel Durchschaubarkeit). In der Folgezeit fiel mir Bannas als Chronist der damals stark werdenden Friedensbewegung auf. Im Gegensatz zu fast allen anderen konservativen Wirrköpfen in CDU und SPD verstand er alles. Und berichtete auffällig fair, korrekt und nahezu vollständig. Das verschaffte ihm Respekt weit über die Leser*innen*schaft seines Blattes hinaus. Ich spekuliere, dass sein kurzzeitiger Wechsel 1997 als Bonner Hauptstadtbüroleiter der SZ, die damals von viel Personalfluktuation gequält war, am Ende vor allem den Zweck hatte, von der FAZ ein verbessertes Angebot zu bekommen. Jedenfalls ist es so gekommen. 1998-2018 leitete er das FAZ-Hauptstadtbüro in Bonn und Berlin.
In der “Nervösen Zone” Berlin liess er sich nicht anstecken. Möglich, dass die Rheinland-Sozialisation dabei geholfen hat. Anders als die hektischen jungen Leute, die sich in Berlin die Ellbogen gegenseitig in die Seite rammen und auf die Füsse treten, behielt Bannas immer die langen Linien im Blick. Er schaute von oben auf das wilde Treiben, ohne sich besserwisserisch und arrogant darüber zu erheben. Er behielt Bodenkontakt und profitierte von seinem guten Gedächtnis.
Warum würdige ich ihn so ausführlich? Weil er, was den Politikteil betrifft, zu weit über der Hälfte des Ansehens beigetragen hat, das seine Zeitung bei mir als Leser genoss. Dass er nicht mehr dabei ist, ist täglich spürbar. Sein Ruhestand ist nicht nur journalistisch für seine ehemalige Arbeitgeberin, sondern auch politisch von Gewicht.

Rossmann

Nicht vergessen will ich aber auch Andreas Rossmann, hier schon mehrmals erwähnt. Von Düsseldorf aus, wo ich 1990-2005 arbeitete, lernte ich ihn persönlich kennen als NRW-Feuilleton-Korrespondent in NRW. Er musste, von Köln aus arbeitend, in Frankfurt immer um “Platz” im gedruckten Blatt kämpfen. Ein grosses Ding gelang ihm, als er 2002 den damaligen SPD-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (heute FDP-Sympathisant) ganzseitig als “Allgemeinplatzhirsch” analysierte. Rückblickend muss ich dieses Stück, gemeinsam mit “Hauptsache Spektakel” in der Zeit von Roland Kirbach (1999), als Marker eines Diskurs-Epochenwechsels in der NRW-Landespolitik charakterisieren. Bis davor hatten alle Medien dem angeblichen Macher Clement aus der Hand gefressen. Danach setzte es endlich Kritik, begünstigt u.a. durch die kurzlebige, aber journalistisch grossartige NRW-Redaktion der SZ. Rossmann, in Baden geboren, und in Köln lebend, ist einer, der das Ruhrgebiet noch mehr liebt als ich, der ich aus seiner Mitte komme. Nicht alle wissen das gerecht zu würdigen – aber das spricht für seinen kritischen und eigensinnigen Geist.

Was bleibt?

Was bleibt der FAZ nach diesen Verlusten? Mein höchste Anerkennung haben z.Z. Frauke Steffens (USA) und Hans Hütt. Am Ende aber vermute ich, dass ich das Ende dieser Zeitung noch erleben werde. Sie (70) wird vor mir (62) sterben.

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