Cliffhanger im Essay

Von , am Sonntag, 8. Dezember 2019, in Medien, Politik.

Miniserien sollen in der Glotze z.Z. der heisse Scheiss sein. Sie lassen sich gut Bingewatchen. Wenn das nur auch den öffentlich-rechtlichen Sendern auffallen würde. Sie müssten sie dann nicht als Einzelfolge, sondern als komplette Staffel in ihren Mediatheken anbieten. Aber das begreifen sie sicher erst im nächsten Jahrzehnt. Oder … ääh … doch erst Jahrhundert?
Nehmen wir Matthias Greffraths “Saisonschluss” im Deutschlandfunk, in der lobenswerten Reihe “Essay&Diskurs” (Redakteurin: Barbara Schäfer), im linearen Programm sonntags um 9.30 h – manche sollen dann schon wach sein. Ein schöner Auftrag, drei halbe Stunden. Da ist viel Platz zum (gedanklichen) Spielen, es kann gründlich zur Sache gehen. Greffrath ist einer, der das kann. Also kein Neid!
Allein diese schöne Rousseau-Passage war das Aufwachen wert: „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen ‚Dies gehört mir‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört.“
Stutzig wurde ich nur, als ich heute, an einem Sonntag, wieder stundenlang warten musste, bis Greffraths Manuskript auch online erschien. Es gibt wohl nicht viele, die sonntags beim DLF arbeiten wollen. Wäre auch nicht nötig. Ich nehme an, auch die nächsten zwei Folgen sind längst aufgeschrieben und als Audio aufgezeichnet. Bleibt die Frage: warum stehen sie nicht jetzt schon komplett im Netz?

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