Die von mir wertgeschĂ€tzte DLF-Mitarbeiterin und -Moderatorin Andrea Gerk hat soeben den Bestseller von Lisa Taddeo: „Three Women – Drei Frauen“ verrissen. Ich habe das Buch nicht gelesen, werde es auch gewiss nicht kaufen. Insofern Dank an Frau Gerk fĂŒr den sachdienlichen Hinweis. Dennoch sitzt Frau Gerk einem Denkfehler auf, den ich bei sehr gut mit mir befreundeten Feministinnen immer wieder feststelle: in ihrem Denken (und politischen Handeln) setzen sie voraus, dass ihre Lebensweise, ihre persönlichen Emanzipationsfortschritte einer gesellschaftlichen Norm entsprechen. Tun sie (leider) nicht.
Frau Gerks Verriss erinnert mich an den Kino-Blockbuster “Fifty Shades Of Grey”. Ich kann mich nicht erinnern, zu dem irgendeine positive Besprechung in einem Medium wahrgenommen zu haben. Geguckt habe ich ihn auch nicht. Softporno wĂ€re wohl schon zu viel des Lobes gewesen. Dennoch rannten Frauenmassen den Kinokassen die Bude ein, hielten es gar fĂŒr ein Abenteuer das zu tun. Weil es das im Vergleich zu ihrem Alltag vielleicht sogar war. Ich bekam damals mit, wie in meinem Beueler Bio-Bistro Damen akustisch gut vernehmbar ĂŒber ihren Filmbesuch und den Vergleich zu ihrem eigenen Leben (mit Gatte, Freund oder wasauchimmer) fachsimpelten. Allein das war und ist schon ein emanzipatorischer Fortschritt gegenĂŒber Schweigen, auch gegenĂŒber schweigend voraussetzen.
Es geht nicht darum, welche Lebensweise links oder rechts, richtig oder falsch, von gestern oder von morgen ist. Sie sind verschieden, sehr verschieden. Und sollen das in meinem VerstĂ€ndnis von Fortschritt auch bleiben. Ich jedenfalls will mir da von keiner Kirche, Partei oder Bewegung reinreden lassen. Und betrachte gerade das als emanzipatorischen Fortschritt. Zu ihm gehört, dass diese wichtigen Dinge des Lebens aus dem Dunkel des Schweigens und VerdrĂ€ngens ins Licht der öffentlichen Erörterung geholt werden. Zumal heute die 8-jĂ€hrigen mehr darĂŒber mitkriegen als ihre Eltern und Grosseltern, Aber nicht, um alles gleichzuschalten, sondern um den Umgang mit dieser Verschiedenheit zu erlernen. Und dieses Erlernen fĂŒr alle zugĂ€nglich zu machen.
Niemand muss ein schlechtes Buch lesen. Aber darf. Jede*r wie sie*er will.