Antisemitismus in Deutschland war nach 1945 niemals ganz verschwunden. Zu viele Menschen der Kriegsgeneration dachten in den 50er, 60er und 70er Jahren klammheimlich immer noch wie zu Nazi-Zeiten. Obwohl die junge Bundesrepublik Antisemitismus verurteilte und die SolidaritĂ€t mit Israel zur StaatsrĂ€son erklĂ€rte, fanden immer wieder auch Übergriffe von Ewiggestrigen und ihren jungen Nachfolgern statt. Die SchĂ€ndung jĂŒdischer Friedhöfe, der Überfall auf die wieder errichtete Kölner Synagoge, die VerdrĂ€ngung von Schuld, waren Tagesordnung – aber sie geschahen heimlich im Schutz der Nacht. Ich selbst wunderte mich als Kind etwa ĂŒber Bemerkungen meiner Mutter wie “der is au e Jud” – ohne die Bedeutung und den Hintergrund zu begreifen, denn gesprochen wurde darĂŒber nicht. Auch damals gab es rechtsextremes Gedankengut in der Mitte des BĂŒrgertums. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist die Situation nicht besser geworden.

Jeder vierte Deutsche ist latent antisemitisch. Rechtsextremisten trauen sich in der Öffentlichkeit, Juden zu diskriminieren. TĂ€tliche Angriffe sind an der Tagesordnung. Es wird wieder schwadroniert gegen Juden. Jugendliche werden in Schulen wegen ihres jĂŒdischen Glaubens angegriffen. Hakenkreuz- und Wandschmierereien haben einen neuen Höchststand erreicht. Neonazis machen aus ihren rassistischen Parolen im Schutze von AufmĂ€rschen keinen Hehl und die Polizei greift nicht ein. Sie skandieren antisemitische und rassistische Parolen auf Rechtsrock-Konzerten und weder fĂŒhrt der Verfassungsschutz Finanzermittlungen durch, noch wird gegen die RĂ€delsfĂŒhrer vorgegangen. In Halle hat nur eine dicke HolztĂŒr das Massaker in einer Synagoge verhindert. Antisemitismus ist zu einem ebensolchen Problem wie jede Form von Rassismus und das Anwachsen der neonazistischen Denkweise geworden.

Zur Wochenmitte hat der Bundesinnenminister endlich “Combat 18” verboten – einen Verein von militanten Neonazis, dem Sympathisanten sowohl in der Rockerszene wie auch in Sicherheitsbehörden nachgesagt werden, der schon vor Jahren hĂ€tte verboten werden können und mĂŒssen. Aber wie immer stehen die Innenminister vor der Frage, ob sie solche Gruppierungen, wenn sie sie beobachten, gleich verbieten oder noch mehr Informationen per Geheimdienstarbeit sammeln. Das kann, wie man vom NSU-Komplex wissen, auch daneben gehen. Derzeit wird gegen 550 Soldaten wegen Rechtsextremismus ermittelt, so der Chef des militĂ€rischen Abschirmdienstes, davon 20 in der Elite-Tötungstruppe KSK. Es ist um den Skandal des Rechtsextremismus in der Bundeswehr still geworden, seit Ursula v.d. Leyen das Ministerium an ihre Nachfolgerin ĂŒbergeben hat. Die kann sich jetzt bewĂ€hren, falls sie gegen Rechtsextremismus in der Truppe durchgreift.

Die AfD wirkt ĂŒberall als Katalysator, rechtsextremes Denken und Antisemitismus latent und schleichend zu entkriminalisieren, aus dem Keller der geistigen Ursachen des grĂ¶ĂŸten historischen Verbrechens und dem Völkermord auf die Ebene des Denkbaren und Sagbaren zurĂŒck zu holen. Sie vermeiden dabei Straftaten, aber sie benutzen wie die “Fliegenschiss-Verharmlosung” und “wir werden sie jagen” Gaulands straffreie verharmlosende Synonyme, die rechtsextremistische Einstellungen transportieren. Und weite Teile der Politik scheinen dagegen hilf- und machtlos. Das ist in einer rechtsstaatlichen Demokratie nicht hinnehmbar. Wir brauchen eine neue Kultur der Klarheit und HumanitĂ€t. “Aufstand der AnstĂ€ndigen” nannte das mal ein Bundeskanzler.

Die letzten Überlebenden und Zeitzeugen des Holocaust sind inzwischen an die 100 Jahre alt. Sie sterben langsam aus, auch wenn sie tapfer, engagiert und mahnend nicht nachlassen, ĂŒber die Barbarei der Nazis und des Faschismus aufzuklĂ€ren. Es ist eine Schande, dass es 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wieder Deutsche gibt, die aufgrund ihres jĂŒdischen Glaubens oder auch nur ihrer Abstammung Opfer von Rassismus werden und ĂŒberlegen, ob sie Deutschland verlassen sollen, die ihre Kinder aufs Internat in Tel Aviv schicken oder sich nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist offensichtlich das Bewusstsein vieler Deutsche noch nicht vom Sumpf, des Denkens, das diesen Völkermord möglich machte, befreit.