Dieselkrise – wie Frontal 21 sich selbst ausbremst

Von , am Freitag, 31. Januar 2020, in Beuel & Umland, Medien.

Ich habe hier schon in der Vergangenheit über mein Diesel Euro 5 Auto berichtet. Ein Benz, sparsam, wenig CO², dafür um so mehr NOx. Es gab ihn kurzfristig von Mai 2015 bis März 2017 mit Euro 6 b. Ich habe hier berichtet, wie ich herausgefunden habe, dass die Teile für Euro 6 alle im Ersatzteillager der DB AG “im Regal” liegen, um eingebaut zu werden. Der KAT, der Bluetech-Tank, Pumpe, Leitungen, die Sensoren alles – nur die Steuergerätesoftware hätte ich nie bekommen. Obwohl ich mannigfaltige Verbindungen zum Hersteller habe, war ich nicht erfolgreich. Ich war frustriert und verärgert, weil ich nicht geschafft habe, was es eigentlich gibt – die Möglichkeit von Euro 5 auf Euro 6 aufzurüsten – besser, als durch sogenannte “Softwareupdates”.

Kürzlich sah ich ZDF und staunte. Ich schätze “Frontal 21” als wirklich guten Journalismus, ein Magazin, das immer gut informiert, auf der richtigen Seite steht und sachlich richtig liegt. Ein Instrument der Aufklärung. Frontal 21 machte letzte Woche eine Geschichte auf, die bei genauerem Hinsehen ärgern muss. Sie testeten einen Mercedes C 220 CDI Diesel Euro 5 – der hat den gleichen Motor wie mein Auto – nur ein etwas anderes Steuergerät, aber die Abgaswerte sind sogar theoretisch noch etwas günstiger, weil er bei gleichem Hubraum weniger “ausgequetscht” wird. Sie fuhren also in Stuttgart herum – 50 km Stadt und die Messwerte waren lausig. 741 mg /km statt 180 mg/km NOx. So weit so OK. Dann haben sie den C 220 CDI per Software updaten lassen – bei Mercedes. Und danach emittierte er 792 mg/km – ein Skandal, richtig, das offen zu legen. Bis dahin als Journalismus OK und eine ungeschickte Reaktion von Daimler. Denn die Journalisten haben sich nicht nur den Spaß gemacht, rund um die Konzernzentrale im maximal belasteten Stuttgarter Kessel zu kreiseln – Daimler war auch noch zu unflexibel, um auf Anrufe zu reagieren, die das etwas provokativ aufklärerische Tun schilderten und den Übeltätern demonstrativ die Gelegenheit gaben, darauf zu reagieren. Voll in die Falle getappt.

Von berechtigter Kritik zur Weglassung zum Fakebeitrag

Ob der Firlefanz mit Kreiseln in Untertürkheim und dem Anruf sein musste, mag dahin stehen, denn die Messung an sich hat zumindest mich nicht überrascht: Dass Software nicht die Lösung des NOx Problems sein könnte, weiss inzwischen jeder halb gebildete Autoexperte mit dem einen oder anderen physikalischen Wissen, hat Dr. Axel Friedrich in seinen Messungen für die DUH immer wieder nachgewiesen. Dass VW und Andy Scheuer sowie sein Vorgänger Dobrindt bis heute das Gegenteil behaupten, liegt auf dem Niveau “die Erde ist eine Scheibe”.  Dass das KBA mitspielt, wundert auch niemanden mehr. Wer einmal “mit industriefreundlichen Grüßen” unterschrieben hat, dem glaubt man nicht.

Aber wirklich ärgerlich ist, dass es Frontal 21 letztlich nicht darum ging, den Sachverhalt umfassend darzustellen und möglicherweise den Betroffenen mit Informationen zu helfen. Am Ende zeigte der Beitrag zwar, dass es inzwischen Hardwarelösungen gibt, die im Gegensatz zu den Softwareupdates die NOx-Emissionen um 80-95% reduzieren, auch dass sie etwa 3.500 € kosten, hieß es da. Fazit: Der C 220 CDI-Kunde, der sein Gebrauchtfahrzeug für die Messung zur Verfügung gestellt hatte, lehnte das ab, weil sich die Investition bei einem fünf Jahre alten Auto nicht rechne. Punkt. So das Ende des Frontal 21-Beitrags.

Täter-Opfer Ausgleich unterschlagen

Was unterschlagen wurde, waren zwei Punkte: Zum einen gibt es seit August 2019 von einem führenden Abgasunternehmen aus Königswinter für genau dieses Fahrzeug ein taugliche Hardware-Lösung, die vom KBA seit Oktober auch zugelassen ist. Basis ist die aus den LKW bekannte Einspritzung von Harnsäure in den Abgasstrang. Sowohl Daimler als auch Volkswagen bieten allen betroffenen Kunden die Übernahme von bis zu 3.000 € Kosten der Umrüstung durch Drittanbieter an. Über ein entsprechendes Portal im Internet kann diese Förderung beantragt werden. Der Besitzer des C 220 CDI, der sich und sein Fahrzeug für die Aktion zur Verfügung stellte, wurde am Ende des Berichts zum völlig wehrlosen Opfer. Aber es wurde verschwiegen, dass er zur Bereinigung der Situation zumindest eine Form von “tätiger Reue” seitens zweier Hersteller gibt und eine Beihilfe für eine solche Hardware-Lösung bis zu 3.000 € geleistet wird.

Ich habe das inzwischen beantragt. Nach der Einspeisung der VIN warf das Daimler-Portal aus, dass ich für eine Förderung in Frage käme. Meine Recherche ergab wahrscheinliche Umrüstungskosten i.H.v. 2.500-3.000 €. Wenn das stimmt und klappt, könnte ich mit dieser Lösung leben. Die Umwelt hätte ein bisschen gewonnen und der Hersteller wäre seiner Verantwortung nachträglich gerecht geworden. Tätige Reue führt im Strafrecht zu Strafmilderung – noch weiter geht der Täter-Opfer Ausgleich, als den ich das Angebot verstehe. Das ist weit mehr, als ich erwartet habe. Dass auch Frontal 21 auf billige Effekte und das Weglassen wichtiger Informationen setzt, damit die Story empörender erscheint, als sie ist, hat mich enttäuscht. Das hat seriöser Journalismus nicht nötig.

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