Totaler Wirklichkeitsverlust (1)

Von , am Samstag, 21. März 2020, in Politik.

How dare you?

Wer vorgestern die “Jahrespressekonferenz” des NATO-Generalsekretärs Jens Stoltenberg verfolgt hat, musste rasch an die Grenze menschlichen Verständnisses für Wirklichkeitsverlust eines Politikers oder besser eines Rüstungsfunktionärs kommen. Da stellt sich dieser ehemalige Ministerpräsident von Norwegen – er war Politiker, nicht Beamter – hin und während das NATO-Mitglied Italien mit einem Zusammenbruch des Gesundheitssystems und tausenden Toten durch das Virus kämpft, entblödet sich dieser Cretin, hierzu nichts anderes zu erklären, dass die Bedrohung von “außen” – nicht das Virus, sondern Staaten – mit einer weiteren Steigerung der Rüstungsausgaben beantwortet werden müsse. Schließlich komme jeder Euro, der in die Rüstung gesteckt wird, und der dadurch die Gesellschaften der Mitglieder sicherer machen werde, ja auch in Krisenzeiten der Bevölkerung in Form von Transportkapazitäten oder Lazaretten zugute. Die Transporte von nahezu hunderten Särgen auf Militärlastern waren dann am gleichen Abend im Fernsehen zu sehen. Einen zynischeren, amoralischeren und frevelhafteren Auftritt eines NATO-Funktionärs und Rüstungslobbyisten hat es wohl seit ihrer Gründung nicht gegeben.

Dank Corona-Krisenberichterstattung geht dieser Skandal derzeit unter. Während Europa unter der Ausbreitung der Corona-Pandemie stöhnt, hat der oberste Geschäftsführer des Nordatlantik-Militärpakts nichts anderes zu tun, als Säbelrasseln und ideologische Aufrüstung gegen – ja gegen wen eigentlich? – aufzuhetzen. Natürlich meinte er, ohne ihn zu nennen, niemand anderen als das Russland des Wladimir Putin, das wie der Bösewicht “Lord Woldemort” bei “Harry Potter” nicht direkt benannt, sondern als “Du-weisst-schon-wer” oder “der, dessen Name nicht genannt werden darf” umschrieben wird. Sogar in der Corona-Krise, die bekanntermaßen vor keinerlei Grenzen halt macht und schon die von China nach Europa und USA überwunden hat, und sich auch in Russland breit macht, kann es Stoltenberg nicht unterlassen, den kalten Krieg, in dem er zu leben glaubt, zu beschwören.

Stoltenberg entblödete sich nicht, inmitten der Corona-Krise eine lächerliche, mehrere Monate alte Umfrage unter den NATO-Staaten zu zitieren, nach der angeblich große Mehrheiten der Bevölkerung nicht nur die NATO befürworten, niemand etwa austreten möchte, alle sich hervorragend beschützt fühlen, und das Militärbündnis wegen der Bedrohung aus dem Osten für unverzichtbar halten. Danke für diesen Transfer in die 50er Jahre! Europa hat in der Tat derzeit keine wichtigeren Probleme als eine Steigerung der Rüstungsausgaben! Ein Planet, dessen menschliche Bevölkerung spürt, dass sie durch ein tückisches Virus bedroht wird, rückt zusammen – China schickt Italien Hilfsgüter – ob aus Propagandagründen oder Humanität – sie tun es! Das zählt. Ein deutscher Schnapsproduzent schickt einer Apotheke seine Alkoholvorräte, damit sie daraus Hektoliter dringend benötigtes Desinfektionsmittel herstellt und hunderttausende kleiner Heldinnen in Krankenhäusern, an Ladenkassen, im Pflegedienst, Supermärkten, Apotheken, Rettungsdiensten und wo auch immer verrichten ihren solidarischen Dienst und rücken zusammen.

Wie pervers, moralisch verkommen, ideologisch verblendet oder von Rüstungsinteressen bestochen muss diese Person Jens Stoltenberg sein, um mit einer derartigen Ignoranz seine Phantasien des “kalten Krieges” unter diesen Umständen und zu diesem Zeitpunkt auszuleben? How dare you? Welch einen kranken Charakter muss jemand haben, der für die Wirklichkeit derartig unempfindlich ist, der auch in der drohenden politisch-gesundheitlichen Apokalypse westlicher Staaten nichts anderes zu tun hat, als die Interessen der – vorwiegend US-amerikanischen – Rüstungskonzerne und des Rüstungswahns eines Donald Trumps und seiner feuchten Träume vom 2%  Bruttosozialprodukt – Ziel der Militarisierung aller Staaten trotz drohendem wirtschaftlichen und humanen Zusammenbruch der Gesellschaften weiter zu verfechten und zu propagieren?

Leider hat wegen der Corona-Krise fast niemand auf diese skandalöse Pressekonferenz geachtet. Leider wird dieser Dreckskerl vermutlich politisch überleben, weil Regierungen und Bürger*innen derzeit wirklich andere Sorgen haben. Spätestens, wenn die Krise überwunden sein wird, sollten sich alle daran erinnern, welcher gewissenlose Schwachkopf derzeit das höchste NATO-Amt bekleidet. Ich glaube fest daran, dass nach Corona alles anders sein wird – Michael Horx hat es gut beschrieben. Und ich bin sicher, dass sich etwas ändern wird und solcher Auswurf des politischen Systems hoffentlich in Zukunft nicht mehr auf hochdotierte und gefährliche Jobs internationaler Organisationen entsorgt wird.

3 Kommentare zu “Totaler Wirklichkeitsverlust (1)

  1. Martin Böttger

    Ich möchte hier zwei Korrekturen anmerken:
    1. Der “Dreckskerl” macht nur seinen Job – verantwortlich für sein Tun sind die Nato-Regierungen, die ihn ernannt haben.
    2. “Vorwiegend US-amerikanische” Rüstungskonzerne ist ein beliebtes, aber nicht zutreffendes antiamerikanisches deutsches Vorurteil. In Wahrheit sind insbesondere Deutschland und Frankreich emsig bemüht, ihre eigenen Rüstungskonzerne mit einer massiven militärischen Aufrustung der EU zu beschäftigen. Dabei ist eins sicher: billiger wird das nicht.
    Und eine Ergänzung:
    die “hunderttausenden kleinen Held*inn*en”, werden derzeit mit einem Tsunami von salbungsvollem Gerede behelligt. Ich habe irgendwo gelesen, sie würden sich jetzt sehr über eine 20%ige Gehaltserhöhung freuen. Mindestens. Geld scheint ja jetzt für alles und Jede*n da zu sein ….

  2. Roland Appel Beitragsautor

    Lieber Martin zu 1.: Ja, ich weiss, wer für welchen Job ausgesucht wird. Aber nein, es liegt an jedem einzelnen Menschen als verantwortlichem Individuum, wie er handelt. Das muss seit Adolf Eichmann die Maxime zur Beurteilung von persönlicher Verantwortung sein. Niemand hat diesen Stoltenberg dazu gezwungen, in der größten Krise der Menschheit seit 70 Jahren perverse und menschenverachtende Forderungen zu stellen. In einer freien Gesellschaft hat auch so einer jderzeit die Wahl zwischen Apparatschik/Unmensch und Mensch. Er allein ist für sein Handeln verantwortlich.
    2. Ja, aber hätte er Rückgrat, wäre er keine Marionette. und
    3. diese Lohnerhöhung trage ich mit.

  3. Harald Möller

    Jeder macht halt seinen Job in der Funktion, in der er gerade ist. Warum darüber aufregen? Der russische und chinesische Militärkomplex werden sicherlich auch nicht die Forderung stellen, die Rüstungsausgaben zu senken und alles Geld für zivile Projekte zu verwenden. Dass jemand das Augenmerk auf seinen ureigenen Wirkungsbereich legt ist ganz natürlich. Sonst wäre er am falschen Platz.

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