Gerade linke Theoretiker von Lenin bis Marcuse haben über die oft als bürgerlich verschriene bildende Kunst nachgedacht. Jens Kastner leistet den ersten großen historischen Überblick
„Sind Sie ein Mann der Kunst, Premierminister?“ In der Netflix-Serie „The Crown“ schüttelt Harold Wilson den Kopf, als ihn Königin Elizabeth bei der Eröffnung eines Kunstmuseums zur Rede stellt. „Nein, ich bin Wirtschaftswissenschaftler“, wehrt der Labour-Politiker die Monarchin ab, „da weiß man, was man hat.“

Linke Theorie und Praxis, dafür ließe sich die fiktive Szene heranziehen, steht unter dem Primat der Ökonomie. Kunst gilt da höchstens als Nebensache. Dass sie im linken Denken aber eine wichtige Rolle spielt, zeigt nun der Soziologe und taz-Autor Jens Kastner in seinem neuen Buch.

„Die Linke und die Kunst“ ist keine Streitschrift zum Verhältnis von Kunst und Politik. So wie der Dozent an der Wiener Akademie der bildenden Künste, Jahrgang 1970, den Stellenwert der Kunst in der Philosophie von Karl Marx über Antonio Negri bis ­Juliane Rebentisch oder Gayatri Spivak, der indischen Theoretikerin des Postkolonialismus, verfolgt, gibt er diesem wieder aufgeflammten Streit aber eine unverzichtbare, philosophiehistorische Grundlage.

Souverän arbeitet Kastner in seinem Überblick die prägenden Phasen heraus. Von regelrechten Kunsttheoretikern wird man bei den Gründervätern des Marxismus nicht wirklich sprechen können. Aber immerhin sprach Karl Marx in seinem „Grundrissen der Politischen Ökonomie“ von der „künstlerischen Aneignung der Welt“.

Und beim Betrachten der Bilder schlesischer Weber des romantischen Landschaftsmalers Carl Hübner soll Friedrich Engels bemerkt haben, sie „agitierten mehr als 100 Flugschriften“. Ein Interesse an dem „visual impact“ der Künste darf man den beiden also durchaus unterstellen.

Orthodoxe Denker wie Lenin oder Georg Lukács deuteten Kunst vor allem als „Überbauphänomen“, als Reflex der Produktionsverhältnisse und eine Form von Ideologie. Aus dieser Zeit stammen auch die linken Vorurteile.

Rosa Luxemburg polemisierte einst in einem Aufsatz über Lew Tolstoi gegen die „dekadenten Klecksereien eines Max Slevogt oder Ferdinand Hodler“. Und mit seiner Begeisterung, wie Kunst „konventionelle Illusionen“ zu zerreißen vermöge, legt Engels die Saat für das zyklisch wiederkehrende Realismus-Gebot der ästhetischen Orthodoxie.

Mit Walter Benjamin vollzieht sich für Kastner gleichsam eine kopernikanische Wende. Seine 1935 im Pariser Exil entwickelte Schrift „Das Kunstalter im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist für ihn weniger wegen des Theorems vom Verlust der Aura interessant. Sondern weil Benjamin, so Kastner, mit den in dem berühmten Traktat entwickelten Gedanken in Frage stellt, dass man Kunst überhaupt noch ohne ihre technischen sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen deuten, erklären, beurteilen kann.

Hier sieht Kastner einen folgenreichen Umschlag von der marxistischen Kunstphilosophie zur materialistischen Kunstsoziologie. Der Sichtweise also, dass diese Bedingungen die Kunst mindestens genauso prägen wie die ästhetischen Intentionen ihrer Produzenten. So gesehen ebnet Benjamin den Poststrukturalisten und „Feld“-Theoretikern wie Pierre Bourdieu den Weg.

Mit diesem Ansatz Kastners ließe sich der Autor des Passagen-Werks gegen Adorno und seine Idee des autonomen Kunstwerks ins Feld führen. Bei aller Klage über die Dominanz der Kulturindustrie weist der Ahnherr der Kritischen Theorie mit der Definition von Kunst als dem „Ort des Nicht-Identischen“ dieser dann doch eine eher unmaterialistische, weil geheimnisvolle Kraft zu, das Realitätsprinzip und die instrumentelle Vernunft negieren zu können.

Kastner widerlegt das rechte Vorurteil, die Linke respektiere das Eigenständige der Kunst nicht. Aber auch das linke, Kunst lenke vom Klassenkampf ab

Kastner macht ein Paradox aus: Die meisten der von ihm angeführten Denker gestünden der bildenden Kunst zwar großes emanzipatorisches Potenzial zu. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu nennt sie ausdrücklich ein „Instrument der Freiheit“. Keiner von ihnen habe diesen Gedanken jedoch als kohärente Theorie ausgearbeitet. Es bleibe bei Andeutungen und Bruchstücken. Die großen Ausnahmen sind allerdings Antonio Gramscis Bemerkungen zur Populärkultur in seinen legendären „Gefängnisheften“ oder Bourdieus unvollendet gebliebene Studie zu Édouard Manet, an der er seine Idee des „künstlerischen Feldes“ exemplifiziert.

Diese eigene große Theorie legt auch Kastner nicht vor. Und in der Literaturliste seines Parforcegangs durch fast drei Jahrhunderte Philosophiegeschichte fehlen ein paar Namen, ohne die die materialistische Ästhetik unvollständig wäre: John Berger, Konrad Farner, Slavoi Žižek, Terry Eagleton und Frederic Jameson. Dennoch ist sein materialreiches Panorama eine echte Pionierleistung und füllt eine Lücke. Erstmals erschließt sie das heterogene Feld linken Kunst-Denkens so umfassend wie verständlich. Kastners Studie widerlegt das rechte Vorurteil, die Linke respektiere das Eigenständige der Kunst nicht. Sie widerlegt aber auch das linke Vorurteil, Kunst lenke bloß vom Klassenkampf ab.

Anders als der „Art-Aktivismus“ heute sehen die meisten der von Kastner angeführten Denker die kritischen Möglichkeiten der Kunst freilich eher darin, die Wahrnehmung zu verändern, als ad hoc andere gesellschaftliche Verhältnisse durchzusetzen.

Gerade die zeitgenössischen Theorien des Feminismus und der Dekolonisierung, die Kunst als privilegierte Praxis von Männern und der West-Moderne kritisieren, suchten eher nach Methoden, die koloniale oder geschlechterspezifische Matrix visuell aufzubrechen, als den Weg auf die Barrikaden.

Eigentlich nicht verwunderlich: Ein Mann wie Anthony Blunt beispielsweise bezog seine Inspiration bekanntlich von den Werken des Barockmalers Nicolas Poussin, nicht von Gustave Courbets Sturz der Siegessäule auf der Place Vendôme während der Pariser Kommune. In seinem Roman „Der Unberührbare“ legt der britische Schriftsteller John Banville diesem Anthony Blunt, dem marxistischen Kunsthistoriker, schwulen Intellektuellen, sowjetischen Spion und langjährigen Kurator von Königin Elisabeths Gemäldesammlungen deswegen den Satz von dem „unerschütterlichen Glauben an die verändernde Kraft der Kunst“ in den Mund.

Jens Kastner: „Die Linke und die Kunst. Ein Überblick.“ Unrast Verlag, Münster 2019, 300 Seiten, 18 Euro
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.
Zum Weiterlesen: Stefan Ripplinger: Rubens am Apparat (Junge Welt, gestern noch Paywall, heute offen)