von Bernd Gäbler (mit Vorwort von Jupp Legrand) Otto Brenner-Stiftung
Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt
Vorwort

Armut ist ein politisch umstrittener Begriff, der auf vielschichtige Fragen verweist, facettenreiche Inhalte zum Ausdruck bringt und auch Probleme anreißt, die im­mer wieder diskutiert werden müssen. Es geht um Weltbilder, Werte, Interessen und Vorstellungen von Gerechtigkeit, die nicht selten aufeinanderprallen. In demo­kratischen Gesellschaften ist dabei das durch Medien erzeugte Bild von Armut und sozialer Ungerechtigkeit für gesellschaftliche Aushandlungen zentral. Doch welches Bild zeichnen die Medien in Deutschland von Armut? Welches Zeugnis dieser gesellschaftlichen Realität legen sie ab? Diesen Fragen geht das vorliegende Diskussionspapier der Otto Brenner Stiftung anhand der Darstellung von Armut im Massenmedium Fernsehen nach – und lässt im doppelsinnigen Titel „Armutszeug­nis“ zugleich sein Urteil erkennbar werden.
Dass es in Deutschland Armut gibt, wird zwar nur selten geleugnet, aber Kon­junktur hat die Berichterstattung darüber dennoch nicht. Im Fokus stehen meist andere Themen. Gegenwärtig dominieren Klimapolitik, Globalisierung und Digitalisierung, Flucht und Integration sowie bis auf Weiteres die Corona­-Pandemie die politische und mediale Agenda. Wenn aber das fundamentale Problem der sozialen Ungleichheit ins Hintertreffen medialer Aufmerksamkeit gerät, dann verrät dies eine eingeschränkte Perspektive. Denn es ist beispielsweise keineswegs gesichert, dass der anstehende ökologische Umbau auch sozial verträglich gestaltet wird und dass die fortschreitende Globalisierung soziale Gegensätze verringert. Von Armut Betroffene haben keine starke Lobby, die ihre Belange in den Diskurs einspeist und ihre Interessen durchsetzt. Darum bleibt es wichtig, dass Medien die soziale Frage immer wieder stellen, Armut konsequent im Blickfeld halten und fortlaufend über adäquate Formen der medialen Repräsentation der Betroffenen streiten. Der berufsethische Anspruch der Medien, auch „eine Stimme für die Stimmlosen zu sein“, ist hier von besonderer Relevanz.
In diesem Sinne wollen wir einen Denkanstoß geben und zu einer ergebnisoffe­nen Debatte über Unzulänglichkeiten der journalistischen Praxis ermutigen. Unse­rem Autor Bernd Gäbler, der schon mehrere interessante OBS­-Studien veröffentlicht hat, geht es dabei nicht darum, einen neuen oder gar eigenständigen Beitrag zur Armutssoziologie zu liefern. Einige zentrale Fakten, präsentiert am Beginn des Pa­piers, sollen lediglich den Rahmen für die weitere Diskussion der medialen Armuts­darstellung liefern. Weiterhin geht es in dem Diskussionspapier nicht um eine exakt vermessende empirische Studie aller Armutsberichte in der deutschen Fernsehland­schaft. Stattdessen sollen präzise Beobachtungen einiger markanter Beispiele der medialen Thematisierung von Armut eine weitere Diskussion anregen.
Zum zehnten Geburtstag von RTL im Jahr 1994 hatte Gerhard Zeiler, der damalige Chef des Senders, in seiner Festrede betont, es sei dessen Alleinstellungsmerkmal, denjenigen einen Raum zu geben, die von anderen als „Unterschicht“ verachtet würden. Heute ist diese Affinität zu einer bestimmten Schicht, die sowohl im Pro­gramm gezeigt wie als Zuschauer anvisiert wird, zur DNA des Senders RTL II gewor­den. Sendungen wie Hartz und herzlich oder Armes Deutschland gehören zentral zu dessen Programmprofil.
Viel zu selten sind diese Formate jedoch Gegenstand differenzierter Programm­kritik. Der Sender genießt wenig Ansehen, und deswegen finden viele Medienkriti­ker solche Sendungen von vornherein des Ansehens nicht wert. Dagegen ist die vor­liegende Studie von der Überzeugung getragen: Weil es besonders viel zu kritisieren gibt, hilft es nicht, diese Sendungen einfach zu ignorieren. Stattdessen bedarf es scharfer Beobachtung. Darum nimmt die Darstellung und Analyse der sogenannten „Sozialreportagen“ von RTL II einen relativ breiten Raum ein.
Die öffentlich­-rechtlichen Sender haben einen anderen Anspruch. „Wir wollen Kitt für die Gesellschaft sein“, erklärte kürzlich der neue Vorsitzende der ARD, WDR­-Intendant Tom Buhrow. Dieser Anspruch kann in seiner Vagheit auf vielfältige Weise gedeutet werden, sicher dürfte jedoch folgende Interpretation sein: Es ent­spricht sicherlich nicht dem öffentlich­rechtlichen Auftrag, den unteren Rand der Gesellschaft zu ignorieren oder auf ihn herabzublicken. Als wenig befriedigend ist die Antwort zu werten, die neuerdings häufiger von den Verantwortlichen von ARD und ZDF vorgetragen wird: Hansi Hinterseer und Helene Fischer oder Das Traumschiff seien für das öffentlich­-rechtliche Programm so wichtig, weil dessen Angebot nie eli­tär, sondern unbedingt populär und für jedermann konsumierbar sein müsse. Etwas mehr intellektuelle Anstrengung ist schon nötig, um herauszubekommen, welche neuen ästhetischen Darstellungsformen entwickelt und erprobt werden müssen, um Armut zeitgemäß und zugleich realistisch und würdig darzustellen.
Unser Diskussionspapier zeigt: Die gesellschaftliche Polarisierung findet ihre Fortsetzung in einer medialen Spaltung. Auch im Fernsehen gibt es fragmentierte Parallelwelten, die sich kaum berühren. Wir schlussfolgern: Es ist falsch, die „Unter­schichten“ dem sogenannten „Unterschichtenfernsehen“ zu überlassen. Der „untere Rand“, so das Fazit von Autor und Stiftung, gehört in die Mitte unserer Wahrnehmung.

1. Einleitung
Im vorliegenden Diskussionspapier geht es um Medien, nicht um Soziologie. Gleichwohl wird zum besseren Verständnis des Gegenstands der Untersuchung eingangs kurz der Stand der Armutsforschung referiert (Kapitel 2), auch um darzulegen, dass dem Papier ein weiter, multi­dimensionaler Begriff von Armut zugrunde liegt. Außerdem werden die zentralen Begriffe „Hartz IV“ und „Unterschichtenfernsehen“ re­flektiert.
In der folgenden Inhaltsanalyse wird be­sonderes Gewicht auf die Darstellung und In­terpretation des Formats Hartz und herzlich des Senders RTL II (Kapitel 3.1) gelegt. Das hat mehrere Gründe. Zunächst muss dieses For­mat etwas ausführlicher beschrieben werden, weil es vielen Lesern nicht selbstverständlich geläufig ist. Obwohl in der von RTL II anvisier­ten Zielgruppe recht erfolgreich, spielt es in öffentlichen Diskursen über die Darstellung von Armut ebenso wie in der Medienkritik nur eine untergeordnete Rolle. Dabei stellt es die dominante Form dar, in der aktuell im privaten Fernsehen über Armut berichtet wird. Die Beschreibung ist nach einzelnen Gesichts­punkten einer kritischen Rezeption gegliedert. Somit liegt hier zum ersten Mal eine ausführ­liche, systematische und kritische Betrachtung dieses Formats vor. Das ist wichtig, weil die Machart von Hartz und herzlich sich in einer Vielzahl anderer RTL­-II- ­Sendungen fortsetzt. Sie werden alle unter dem Label „Trotz dem Leben“ ausgestrahlt und tragen Titel wie Armes Deutschland – Deine Kinder oder Armutsatlas Deutschland. Sie sind so angelegt, dass sie im Prinzip nahezu endlos fortgesetzt werden können. Detaillierter untersucht wird im vor­liegenden Papier weiterhin das Format Armes Deutschland – Stempeln oder abrackern? (Ka­pitel 3.2). Produziert wird es von einer anderen Firma und unterscheidet sich vom Mutterfor­mat Hartz und herzlich vor allem dadurch, dass es dieses weiter radikalisiert. Das gesamte Kapitel 3 ist so umfangreich, weil darin eine exemplarische Auseinandersetzung mit einer bestimmten Art und Weise der Darstellung von Armut im Medium Fernsehen stattfindet.
Auch der größere Privatsender RTL versucht sich – allerdings bedeutend zaghafter – an die­sem Thema. Mit einer Reportagereise der Mode­ratorin Vera Int­Veen offeriert er ein Format, das sich selbst als warmherzige Alternative zu den Formaten des Senders RTL II darstellt. An die­sem Anspruch wird es gemessen (Kapitel 4.1).
Zumeist in den Nachmittagsprogrammen der Privatsender werden sogenannte „Scrip­ted-­Reality“-­Formate gesendet. Diese sind angelegt wie klassische Soaps, sollen aber mehr Authentizität vermitteln, weil hier Laien­darsteller die vom Drehbuch vorgeschriebe­nen Konflikte dramatisch in Szene setzen. Zu diesem Genre gehören RTL­II-­Formate wie Berlin – Tag und Nacht oder Köln 50667. Weil die Medienwirkungsforschung festgestellt hat, dass insbesondere viele jugendliche Zuschau­er diese Inszenierungen in der Regel nicht als solche durchschauen, haben sich Sender und Medienaufsicht im Jahr 2014 darauf geeinigt, dass diese Formate zumindest im Abspann als „frei erfunden“ gekennzeichnet werden müssen. Diese Sendungen sind oft in einem ähnlichen sozialen Milieu angesiedelt wie die Armutsberichterstattung. Obgleich Hartz und herzlich mit ähnlichen Handlungssträngen und Konfliktmustern arbeitet, wie sie in „Scrip­ted­Reality“­-Formaten üblich sind, gehört es nicht zu diesem Genre. RTL II nennt seine Armes-Deutschland-­Formate „Sozialreporta­gen“. Wir werden untersuchen, inwiefern sie dem Anspruch, der an eine Reportage zu stel­len ist, gerecht werden.
Die journalistische Reportage ist nach wie vor eine der geeignetsten Formen, die Wirk­lichkeit für Leser oder Zuschauer zu erfor­schen. Der Fernsehreporter geht hinaus in die Welt und lässt seine Zuschauer am Geschehen teilhaben. Im Informationsprogramm aller Sender spielt die Reportage noch immer eine große Rolle. Es handelt sich um eine recht offene Form mit fließenden Grenzen zwischen Handwerk und Kunst. Dieses Genre lässt sich schlecht in ein paar definierende Sätze pres­sen, doch es gibt einige grundlegende Regeln. Bereits im Jahr 2010 hat der schreibende Re­porter Johannes Schweikle einige kurze, aber sehr präzise Thesen dazu verfasst, die immer noch zutreffen (Schweikle 2010). Eine Reporta­ge muss plastisch sein und soll möglichst eine Geschichte erzählen. Der Reporter will den Rezipienten mit allen Sinnen an seinen Erfah­rungen teilnehmen lassen. Er hat den Ehrgeiz, die Wirklichkeit zu erfassen und „ein kleines Stück dieser Welt genauer zu erklären“ (ebd.). Laut Schweikle muss eine Reportage nicht un­bedingt einen „Überblick über ein Großthema wie Bildungspolitik geben“, aber sie könne ge­nau zeigen, „wie es in der neunten Klasse einer Hauptschule in Hamburg­Mümmelmannsberg zugeht“ (ebd.). Dabei geht es nie ohne Recher­che. Die Reportage will tiefer schürfen und nicht nur eine Oberfläche wiedergeben. „Wer nicht mehr staunen kann,“ schreibt Schweikle, „soll am Schreibtisch bleiben.“ Wer also nur berich­tet, was er ohnehin schon im Kopf hat, verfehlt die Absicht der Reportage. Deren Sinn besteht nicht darin, Klischees zu reproduzieren. Eine Reportage kann und darf subjektiv sein, aber es wäre ein fundamentales Missverständnis von Subjektivität, daraus abzuleiten, der Repor­ter dürfe Fakten erfinden, unterschlagen oder verfälschen, damit seine Erzählung stimmiger oder interessanter wird. Im Print­-Journalismus ist die Reportage durch die Fälschungen des Spiegel­Reporters Claas Relotius (vgl. Moreno 2019) in Misskredit geraten. Es wurde gearg­wöhnt, die der Reportage immanente Tendenz zum „Storytelling“ verführe geradezu zum Fäl­schen, was allerdings auf mildernde Umstände für den Fälscher hinausliefe. Das Gegenteil ist richtig: Nicht die Form der Berichterstattung ist letztlich entscheidend für deren Wahrhaftig­keit, sondern das Format des Journalisten.
Das gilt auch für das Fernsehen. Der gro­ße Privatsender RTL versteht sich vor allem als Unterhaltungssender. Definiert man „Unter­haltung“ als Gegenteil von Langeweile, so gilt dieser Anspruch natürlich für jedes Fernsehen. Viele Menschen schalten den Fernseher ein, um abzuschalten. Im engeren Sinne aber zählen zur Fernsehunterhaltung spezielle Formate wie Quiz und Show. Alle Formen von Casting­, Dating­, Rollentausch­ oder Coaching­-Shows sind dabei insbesondere im Programm der Privatsender zu Hause. Das Fernsehen ist ein Medium der Pas­sivität. Unterhaltung gilt dann als gut, wenn sie beim Zuschauer das Gefühl erzeugt, er werde gut unterhalten. Zugleich ist das Programm von sozialtherapeutischer Bedeutung.
Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz sieht in der Unterhaltung, die immer mit Stereotypen arbeite, die Helden und Versager präsentiere und so Normen setze, sogar ein „moralisches Training“ (Bolz 2007b, S. 95), ja eine „Schule der sozialen Intelligenz“ (ebd., S. 93). Protagonisten aus den Unterschichten haben in der RTL-­Unterhaltung schon früher eine Rolle gespielt. Von 2004 bis 2011 brachte die Pädagogin Katharina Saalfrank als Super Nanny Familien bei, wie sie die Erziehung ih­rer Kinder bewältigen könnten. In Erinnerung geblieben ist die „Schweigetreppe“, auf die schwer zu bändigende Kleine zu verbannen waren. Von 2007 bis 2015 half der mal strenge, mal nachsichtige Schuldnerberater Peter Zwe­gat hoch verschuldeten Familien Raus aus den Schulden. Er popularisierte die Möglichkeit einer „Privatinsolvenz“. Heute lebt er fort als Werbefigur für einen Lebensmitteldiscounter.
Weil es sich nicht ziemt, mit Armut zu spie­len, ist es von vornherein heikel, zu diesem Thema eine Unterhaltungssendung zu konzi­pieren. RTL hat es dennoch versucht mit Ilka Bessin, die als Comedy­-Figur „Cindy aus Marzahn“ erfolgreich war, und dem ehemaligen Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Busch­kowsky, der sich als Milieukenner und Mann, der Klartext redet, profiliert hat. Zahltag! Ein Koffer voller Chancen, heißt dieses als „Sozial­experiment“ titulierte Format. In Kapitel 4.2 wird es gründlich untersucht.
Die Ergebnisse zu den maßgeblich mit Ar­mut befassten Formaten der Sender RTL II und RTL werden anschließend (Kapitel 5) zusam­menfassend bewertet.
„Das Fernsehen“ ist facettenreich un vielschichtig. Ebenso der Wahrhaftigkeit ver­pflichtet wie die journalistische Reportage ist der Dokumentarfilm. Gegenüber der Reportage ist er meist länger und noch stärker ein ge­staltetes Kunstwerk. Es gibt eine eigene, lange Tradition der dokumentarischen Filmkunst. Im Fernsehen haben sich insbesondere die öffent­lich­-rechtlichen Sender ARD und ZDF um die Entwicklung dieses Genres verdient gemacht. Ein Dokumentarfilm will die Wirklichkeit in al­len Facetten erfassen. Das geht nicht, indem man einfach die Kamera auf den Gegenstand der Berichterstattung hält. Die Oberfläche soll durchdrungen werden. Recherche ist notwen­dig. Ein Dokumentarfilm verlangt nach ästheti­scher Gestaltung, nach Formbewusstsein, nach Dramaturgie. Die immer noch beste Einführung in die Dramaturgie des Dokumentarfilms gibt Thomas Schadts Bändchen Das Gefühl des Augenblicks (2002). „Offenheit, Neugierde, Re­spekt, ehrliches Interesse sowie Mitgefühl und Geduld gegenüber den Menschen und ihren Situationen vor der Kamera sind unbedingte Voraussetzungen“ (ebd., S. 55), schreibt Tho­mas Schadt, der ein bedeutender Dokumentarfilmer ist und seit dem Jahr 2005 als Direktor die Filmakademie Baden-­Württemberg in Lud­wigsburg leitet. Nicht alles sei zeigbar. Des­wegen könne „[e]twas weg­ oder auszulassen […] authentischer und damit aussagekräftiger sein, als etwas bewusst nachzustellen oder gar zu fälschen“ (ebd., S. 25). Sehr ausführlich reflektiert er das Verhältnis von Nähe und Dis­tanz des Dokumentarfilmers zu den Protago­nisten. Immer sei dies eine „Begegnung auf Zeit“ (ebd., S. 63), deren Kern die „Vertrauens­arbeit“ sei. „Aber Vertrauen braucht Zeit, Zeit jedoch verursacht Kosten“ (ebd., S. 137). Und immer müsse dem Dokumentarfilmer bewusst bleiben, dass die Kamera ein Machtinstrument sei. „Sie ist in der Lage, Menschen zu denun­zieren, bloßzustellen“ (ebd., S. 49). Thomas Schadt hat so einen brauchbaren Maßstab entwickelt, an dem alle TV­-Formate zu messen sind, die dokumentarisch sein wollen.
Solche finden sich vor allem im Programm der öffentlich-­rechtlichen Sender ARD und ZDF. „Das Fernsehen“, schrieb Thomas Schadt schon vor 18 Jahren, „ist der größte Auftrag­geber und der größte Verhinderer von Doku­mentarfilmen in einem“ (ebd., S. 37). Heute fällt die Analyse nicht anders aus. Im vorliegenden Diskussionspapier spielen Dokumentarfilme zum Thema Armut naturgemäß insbesondere in dem Kapitel über ARD und ZDF (Kapitel 6) eine Rolle. Solche Filme werden zwar gezeigt, aber dennoch entsteht nie der Eindruck, dass hier eine entschlossene Programmplanung existiert oder das Thema durch kraftvolle Initia­tiven vorangetrieben würde. Deswegen werden hier vor allem einzelne Beispiele besprochen und gewürdigt. Diesem Kapitel ist das Inter­view mit Aelrun Goette zugeordnet. Sie hat sich sowohl als Dokumentaristin (Die Kinder sind tot) wie als Regisseurin von Spielfilmen einen Namen gemacht und unterrichtet an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.
Ähnliche Beobachtungen wie bei den Do­kumentarfilmen in ARD und ZDF treffen auf die Darstellung von Armut in fiktionalen Pro­duktionen zu – gemeint ist die Themen­- und Formentwicklung in Spiel­ und Fernsehfilmen. Auch hierzu (Kapitel 6.2) erfolgt keine auf Voll­ständigkeit angelegte empirische Programm­analyse, vielmehr werden einzelne herausra­gende oder in anderer Hinsicht exemplarische Werke hervorgehoben. Als besonders interes­sant erweist sich hier die Arbeit der Redaktion des „Kleinen Fernsehspiels“ des ZDF, wo im­merwieder bemerkenswerte Einzelsendungen zum Thema Armut zu finden sind. Filme, die zu den Hauptsendezeiten ausgestrahlt werden, sind dagegen häufig in Wohlstandsmilieus der Mittelschichten angesiedelt. Im Vergleich mit sozialkritischen Filmen aus unseren Nachbar­ländern, von denen einige vorgestellt werden, schneidet der deutsche Film – unabhängig davon, ob er für das Fernsehen oder das Kino produziert wurde – nicht gut ab. Hier ist das Fernsehen kein Motor der Innovation.
In Kapitel 7 werden die Ergebnisse der Untersuchung thesenartig zusammengefasst, und der Diskussionsbeitrag endet mit einem Appell, der hoffentlich nicht ungehört verhallen wird.


7. Resümee und Aufruf

1. Armut ist ein relevantes gesellschaftliches Problem. Am unteren Rand einer reichen Ge­sellschaft leben viele Armutsbetroffene. Es gibt eine gesellschaftliche Spaltung: Durch Globa­lisierung und Digitalisierung entstehen auch neue Verlierer. Ob man sie „Unterschicht“ (Paul Nolte) nennt, „die Ausgegrenzten“ (Heinz Bude) oder von einer „prekären Klasse“ (Andreas Reckwitz) spricht – es gibt ein gesellschaft­liches „Unten“, das von Niedriglöhnern bis zu Langzeitarbeitslosen reicht. Diese leben nicht nur in einer schwierigen materiellen Lage, son­dern erfahren eine umfassendere soziale und kulturelle Entwertung.
2. Das Wort „Hartz IV“ ist dafür zum Symbol ge­worden. Es prägt die Wahrnehmung. Gedacht als Maßnahme einer modernen, flexibleren Sozialgesetzgebung, die durch Fördern und Fordern Menschen wieder an die Arbeitsge­sellschaft heranführen sollte, ist „Hartz IV“ zu einem Makel geworden, zu einem Abstempeln von Bedürftigen, zum Synonym für Abgrenzung und Ausgrenzung.
3. Es ist wichtig, nicht wegzusehen, sondern hinzuschauen, zu verstehen und nicht zu ver­achten. Dafür spielt es eine große Rolle, wie Medien – insbesondere die Sendungen im Massenmedium Fernsehen – mit dem Thema Armut umgehen.
4. Der Sender RTL II hat es zum Wesenskern seines Programms gemacht, von den „Unter­schichten“ für die „Unterschichten“ zu be­richten. Die Analyse dieser Formate zeigt: Die Berichte sind einseitig und klischeehaft, mani­pulativ und diffamierend. RTL nähert sich mit einigen Sendungen dieser Art Fernsehen ver­suchsweise an. Deren Format Zahltag! Ein Koffer voller Chancen ist eine zynische Show­-Ver­anstaltung.
5. Von der kritischen Öffentlichkeit und den öffentlich­-rechtlichen Sendern werden diese Programme kaum beachtet, ja sogar ignoriert. Notwendig wäre stattdessen eine kritische Auseinandersetzung und ein Angebot funda­mentaler Alternativen.
6. Wenn Armut vor allem im „Unterschichten­fernsehen“ thematisiert wird, in den öffent­lich­-rechtlichen Programmen aber eher beiläu­fig vorkommt, weil diese stark mittelschicht­zentriert sind, dann droht die Gefahr, dass es zu einander kaum berührenden medialen Parallelwelten kommt.
7. In den Programmen von ARD und ZDF ist Ar­mut zwar Thema in einzelnen journalistischen Berichten, in Reportagen, doch kaum noch in längeren Dokumentationen. In fiktionalen Pro­duktionen kommt sie allenfalls sporadisch vor. Es gibt keinen koordinierten, systematischen oder nachhaltigen Umgang mit diesem gesell­schaftlich relevanten Thema.
8. Anders als in Großbritannien, Belgien oder Frankreich ist in Deutschland keine Schule des sozial­realistischen Films entstanden.
9. Nachgedacht werden müsste über neue Erzählformen. Es müssten Räume geschaffen werden, die für kreative ästhetische Experi­mente und einen Austausch der Filmemacher offen sind. Die traditionellen Programmsche­mata von ARD und ZDF sind dafür offenkundig wenig geeignet.
10. Am Ende bleibt nur ein emphatischer Ap­pell oder Aufruf. Es ist für eine Gesellschaft von großer Bedeutung, wie das Thema Armut medial bearbeitet wird. Das ist natürlich eine Frage der Haltung, zu der unbedingt die vorur­teilsfreie Recherche gehört, aber insbesondere ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen selbst. Sie dürfen nicht nur Objekt der Bericht­erstattung sein, sondern müssen einbezogen werden in die Erarbeitung journalistischer und ethischer Standards für das Schreiben und Berichten über Armut. In Österreich hat die dortige „Armutskonferenz“ einen Leitfaden für respektvolle Armutsberichterstattung (Armuts­konferenz 2018) erarbeitet, die für Deutschland ein Vorbild sein kann.
Autor und Stiftung appellieren an die Journalisten­ und Sozialverbände und an die auch in Deutschland existierende „Nationale Armutskonferenz“, gemeinsam genau solche Stan­dards zu diskutieren und verbindlich festzulegen. Sie böten allen Beteiligten eine dringend notwendige Orientierung und könnten in Zukunft als Maßstab für Medienkritik dienen
Dieser Beitrag ist eine auszugsweise Wiedergabe der gleichnamigen Studie der Otto-Brenner-Stiftung, hier in ihrer kompletten Fassung mit allen genannten Kapiteln.