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“Keine fundierte Lagebeurteilung”

Michael Haller hat schon vor wenigen Tagen darauf hingewiesen. Die Zahlen, mit denen uns deutsche Massenmedien den Tag lang beballern, sagen (fast) nichts. Alle, insbesondere auch die verantwortlichen gewählten Politiker*inn*en suchen dennoch an ihnen Halt, finden ihn aber nicht. Seit Wochen wurden wissenschaftlich fundierte Erhebungen versäumt, aus einer Mischung von intellektueller Orientierungslosigkeit, heruntergesparter und darum fehlender wissenschaftlicher Strukturen – und politischer Opportunität.
Da hat es Island leichter. Auf der vergleichsweise grossen Atlantikinsel leben gerade mal ungefähr so viele Einwohner*innen wie in Bonn. Darum hat Island einen mehrmonatigen Vorsprung, so weit es aussagekräftige empirische Daten über Infektionen, Erkrankungen und Sterblichkeitsraten betrifft. Bernd Murawski/telepolis berichtet darüber mit der gebotenen Vorsicht. Denn Inkubationszeiten, Infektionsverläufe und die daraus resultierende Verzögerung aussagekräftiger Daten müssen berücksichtigt werden. Die Tendenz der isländischen Zahlen scheint dahin zu gehen, dass sie grösser werdende Fragen an das staatliche Krisenmanagement aufwerfen, als die gegenwärtige deutsche Demoskopie.
Bittere Analysen zu diesen Fragen liefern heute Sibylle Berg/Sp-on und Georg Schuster/telepolis. Frau Berg meint schon unter Ratten mehr Humanität zu entdecken als unter Menschen. Schuster arbeitet mit einer meiner Meinung nach im Grossen und Ganzen zutreffenden Staatsanalyse.
In der Frage der an die deutsche Naziherrschaft erinnernden Selektion/Triage schiessen sie jedoch über das politische Ziel hinaus. Ich habe mich belehren lassen. Tatsächlich lehnen zahlreiche bereits abgezeichnete Patientenverfügungen “künstliche Beatmung” ab. Ich persönlich würde das für mich nicht verfügen; viele tun es. Derzeit geht ein Palliativmediziner durch die Medien, Matthias Thöns, Facharzt für Notfall- und Palliativmedizin in Witten – von den Spin-Doktoren Armin Laschets befördert? – der die traumatische Wirkung künstlicher Beatmung, mit häufig, sehr häufig sich anschliessender Schwerbehinderung betont. Dass der Mann jetzt, in diesen Tagen, so grosse Medienresonanz hat, ist auch in meinen Augen kein Zufall. Dennoch beschreibt er die Dinge, so weit ich mich bei meinen Vertrauenspersonen erkundigen konnte, zutreffend.
Sein Beispiel zeigt jedenfalls, wie interessegeleitet die Inanspruchnahme von “der” Wissenschaft durch “die” Politik und “die” Medien funktioniert. Um eigene Meinungsbildung kommen wir als demokratische Staatsbürger*innen nicht herum. Schockierend in der aktuellen Phase ist, wie viele glauben darauf verzichten zu können. Aber es sind auch nicht so viele, wie Sie denken!

2 Comments

  1. Klaus Böttger

    Danke, Martin, für den Hinweis auf Georg Schuster / Telepolis. Seine Beiträge tragen tatsächlich zur (rückblickenden) Aufklärung bei. Ich hätte das (wie so viel anderes) wohl nicht gelesen – weil ich nicht danach gesucht hätte. Inzwischen habe ich mir einen Favoriten auf seine Autorenseite bei TP eingerichtet. https://www.heise.de/tp/autoren/?autor=Georg%20Schuster

  2. Rolf Sachsse

    Lieber Martin, ich kann Deinem Kommentar zu Schuster und Berg nur zustimmen: Meine Mutter hat bei Einlieferung ins Krankenhaus (Helios Siegburg) mit glasklarem Kopf entschieden, dass sie keine Intubation wünscht – so wie es auch in ihrer Patient*innen-Verfügung stand, die meine Schwester und ich mit ihr vor zwei Jahren verfasst haben. Sie ist übers Wochenende palliativ behandelt worden und am Dienstagmorgen gestorben. Sie war definitiv eine COVID-19-Patientin, dennoch haben sich die Wohnanlage (St. Monika in St.Augustin) und die Klinik zunächst geweigert, sie als Tote dieser Pandemie anzuerkennen. Das lässt auch Rückschlüsse auf den politischen Druck zu, unter dem die Heim- und Klinikleitungen stehen.

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