von Emiliano TerĂĄn Mantovani
Über den Corona-Virus hinaus denken

Noch im Januar und Februar diese Jahres galt COVID-19 als chinesisches PhĂ€nomen. Seither aber wurde schnell klar: Es handelt sich um eine Pandemie. Die Gefahr bei COVID-19 ist dessen rapide Ansteckungsgeschwindigkeit in einer globalisierten, hochgradig vernetzten Welt. Wir stehen vor dem Szenario einer potenziell massiven Übertragungswelle auf dem ganzen Planeten, was zum einen viele Menschenleben kosten wird, zum anderen den unhaltbaren Zustand der gegenwĂ€rtigen Form der Globalisierung verdeutlicht. Alle GesprĂ€che, alle Ängste und Debatten drehen sich zurzeit um die globale COVID-19-Pandemie. Aber wir mĂŒssen ĂŒber weitere Dinge reden, die sich hier zeigen.
Nicht nur die Gesundheitssysteme der weltweit am meisten „entwickelten“ Ökonomien kollabieren, sondern auch ein Großteil des internationalen und nationalen Handels kommt zum Erliegen. Fabriken und Unternehmen werden geschlossen, Entlassungen nehmen zu, ökonomische Planungen werden haltlos. Die miteinander verknĂŒpften Effekte zeigen sich im Absturz der WĂ€hrungen, dem beispiellosen Verfall der Erdölpreise sowie dem Niedergang der internationalen Börsenkurse (der Dow Jones verzeichnete Mitte MĂ€rz den zweitschlimmstenAbsturz aller Zeiten).

Was verrĂ€t die Pandemie ĂŒber den Zustand der Welt?

Die aktuelle Pandemie könnte noch mehr Schaden anrichten, oder sie könnte ĂŒberwunden werden. Zurzeit wissen wir das nicht. Aber alles, was gerade passiert, scheint uns noch mehr sagen zu wollen. Deswegen mĂŒssen wir einen Interpretationsversuch starten, was uns diese Pandemie ĂŒber den Zustand der heutigen Welt verrĂ€t.
Die Pandemie schreibt sich ein in einen historischen Prozess des zeitgenössischen Kapitalismus: Wir sehen uns den Pandemien der neoliberalen Globalisierung gegenĂŒber, die seit den 80/90er Jahren stark zugenommen haben. COVID-19 ist nur der letzte auf einer Liste von Influenza- und anderen Viren, die mehr oder weniger die Menschheit bedroht oder zumindest gewarnt haben. SARS-CoV im Jahr 2002, die sogenannte Vogelgrippe (H5N1) im Jahr 2003, die Schweinepest (H1N1) im Jahr 2009, das Atemwegsyndrom MERS-CoV (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus) im Jahr 2012, Ebola im Jahr 2013 oder Zyka (ZIKV) im Jahr 2015. Mit den Worten des ehemaligen Vize-Direktors fĂŒr SanitĂ€re Sicherheit der Weltgesundheitsorganisation, Keiji Fukuda: „Wir haben das GefĂŒhl, dass wir einer Kugel ausgewichen sind“. Aber auch jetzt setzen wir unser GlĂŒck weiterhin aufs Spiel.
Der Notstand, den diese Pandemien der Globalisierung hervorrufen, hat nichts mit einer „Naturkatastrophe“ zu tun. Vielmehr ist er Ergebnis davon, dass das Leben in den letzten Jahrzehnten einer immer stĂ€rkeren neoliberalen Kommerzialisierung unterworfen war und dass in immer mehr Ökosysteme vorgedrungen wurde: durch intensive, industrielle Landwirtschaft (die die Vogelgrippe hervorgebracht hat), den Handel mit Wildtieren (wie in China), genetische Manipulationen, Ausbreitung des rĂ€uberischen Tourismus, Entwaldung, ĂŒbermĂ€ĂŸige Nutzung von Antibiotika, um nur einige Beispiele zu nennen. Solche Faktoren verstĂ€rken sich unter anderem durch die transnationalen Übertragungswege, ermöglicht durch die expandierende MobilitĂ€t, sowohl von Menschen als auch von Waren, durch das außergewöhnliche Wachstum der StĂ€dte und die Prekarisierung der öffentlichen Gesundheitssysteme.

Abschmelzende Gletscher könnten alte, unbekannte Viren freisetzen

Dieses systematische, zerstörerische und rĂ€uberische Vordringen des Kapitals in den letzten Jahrzehnten hat nicht nur die Eigenschaften solcher PhĂ€nomene verschĂ€rft, sondern macht auch das heutige globalisierte System zukĂŒnftig unhaltbar. Ein Beispiel veranschaulicht dies: Das Abschmelzen von uralten Gletschern in Folge des Klimawandels könnte 15 000 Jahre alte Viren freisetzen, die der Wissenschaft völlig unbekannt sind und deren Tödlichkeit ebenso wenig bekannt ist.
​Dass gerade heute die COVID-19-Pandemie auftaucht, ist aufschlussreich, denn zurzeit zeigt sich eine Reihe von Grenzereignissen, die in Wirklichkeit miteinander verkettet sind, wie etwa die WaldbrĂ€nde in Amazonien, die BuschbrĂ€nde in Australien oder die Tatsache, dass das Jahr 2019 das wĂ€rmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnung war. Die Ökosysteme geraten an eine Schwelle, an denen systemische Prozesse mit neuen Eigenschaften starten, es kommt zu beschleunigten und unerwarteten VerĂ€nderungen, die die sozialökologischen Dynamiken, wie wir sie bis heute kennen, modifizieren werden. Die Jahre 2019 und 2020 zeigen uns das in aller Deutlichkeit.
Diese Schwellen sind, wie angedeutet, nicht nur ökologisch. Das ganze System, das die ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Dimensionen mit dem Gewebe des ökologischen Lebens verknĂŒpft, wird bis aufs Mark erschĂŒttert. Deswegen erscheint die COVID-19-Pandemie wie der fulminante Auslöser der nĂ€chsten globalen Wirtschaftskrise, die historisch eng verknĂŒpft ist mit der Wirtschaftskrise von 2008/2009, aber auch mit der systemischen Krise, die sich seit den 1970er-Jahren vollzieht, inklusive der Krise der westlich-modernen Zivilisation. Die Pandemie des neuen Corona-Virus ist ein weiteres Symptom fĂŒr die zivilisatorische Krise, die wir gerade durchmachen.

Virale Hepatitis: 1,3 Mio. Tote jÀhrlich

Haben also COVID-19 und die von ihm ausgelöste Pandemie eine Besonderheit, die vorherige globalisierte Pandemien nicht hatten? Ja. NatĂŒrlich wird viel weniger davon gesprochen, dass die virale Hepatitis weltweit 1,3 Millionen Menschen pro Jahr tötet; eine Ă€hnliche hohe Zahl weisen die jĂ€hrlichen Unfallopfer auf (ja, das Auto tötet!) oder die Durchfallerkrankungen (unter denen hauptsĂ€chlich die Ă€rmsten Schichten der Gesellschaft leiden), um nur einige dramatische Beispiele zu nennen. Aber wir sehen uns mit einer Ansteckungsgeschwindigkeit, mit einer „ViralitĂ€t“ konfrontiert, die vor Nichts und Niemandem Halt macht. Der Virus gleitet ĂŒber jeden Weg, der von den Menschen beschritten wird. So schafft er es, alles seiner Dynamik zu unterwerfen. Seine MassivitĂ€t ĂŒberlastet alles: die Gesundheitssysteme, die Politik, die Medien; er ĂŒbersĂ€ttigt die Wahrnehmung von Bedrohung und Tod; er ĂŒberfordert die MobilitĂ€t und die sozialen Beziehungen, den Staat und die Macht.

Kapitalismus infiziert seine Handelswege

NatĂŒrlich gibt es Unterschiede hinsichtlich der Klassen, der Geschlechter und rassifizierter Zuschreibungen, die bestimmen, wer als erstes und am stĂ€rksten unter der Pandemie leidet. Aber das ĂŒberschreitet die Grenzen dessen, was das System aus Macht und Privilegien noch selbst kontrollieren kann. Es entblĂ¶ĂŸt die Trugbilder der Macht. Paradoxerweise infiziert der Kapitalismus mit seiner rĂ€uberischen, extraktivistischen und kommerzialisierenden Dynamik seine eigenen Handelswege, seine MĂ€rkte und Institutionen. Er verunmöglicht die notwendige Expansion des Kapitals.
Im Gegensatz zu der Situation vor 100 Jahren, als die „Spanische Grippe“ Millionen Menschen umbrachte, entsteht die aktuelle COVID-19-Pandemie in einem globalen System, das viel anfĂ€lliger und untragbarer ist als zuvor. Wir sind so verletzlich wie noch nie. Es scheint klar geworden zu sein, dass hier eine TĂŒr aufgestoßen wurde: Nichts wird mehr sein wie zuvor. Das scheint uns auch zu zeigen, dass wir uns gleichzeitig auf eine neue Verwaltung und Organisierung des Systems zubewegen. Kommt jetzt also das Ende der Globalisierung?

Konsolidierung einer neuen Logik angesichts des Ausnahmezustands

Die maximale Überlastung, die von der COVID-19-Pandemie ausgelöst worden ist, ist von den Staaten unterschiedlich beantwortet worden, mit verschiedenen Resultaten. Weltweit nehmen Regierungen strikte QuarantĂ€ne-Maßnahmen vor, begleitet von der Warnung der Expert*innen und wissenschaftlichen Berater*innen, dass der Virus einen Großteil der Weltbevölkerung erreichen werde und dass das soziale Leben auf dem Planeten viele Monate lang durcheinandergebracht werde.
Das ebnet eindeutig den Weg fĂŒr die Konsolidierung einer neuen Logik angesichts des Ausnahmezustands. Das erlaubt, die Demokratie aufzuheben und Pflöcke einzuschlagen im Hinblick auf die Normalisierung eines Regimes von Ausnahmen. Das ist Biopolitik in ihrer höchsten Ausformung, die sich schon vorher ankĂŒndigt hat: mit den Vorgaben des Ausnahmezustands, der neuen Doktrin fĂŒr nationale Sicherheit, der Militarisierungsmaßnahmen von Gesellschaft und Territorien, mit denen die gesamte Bevölkerung im Namen der BekĂ€mpfung von „Terrorismus“, Drogenhandel, Organisierter KriminalitĂ€t und irregulĂ€ren bewaffneten Banden ĂŒberzogen wurde, gegen die ausufernde Migration und den „Vandalismus“ der Proteste (erinnert sei hier an das VerhĂ€ltnis zwischen Protesten und AusnahmezustĂ€nden letztes Jahr in Lateinamerika). Hinzu kommt, dass diese Logiken mit dem Aufkommen der extremen Rechten in verschiedenen Teilen der Welt einhergehen, die mit Hilfe rassistischer und nationalistischer Muster die gegenwĂ€rtige Situation „auslĂ€ndischen Infektionen“ und einer laxen Migrationspolitik zuschreiben sowie auf autarke Ökonomien pochen (hier also erneut die Frage, ob die Globalisierung obsolet ist).
Eiserne, drastische Sozialkontrollen wie in China, Taiwan, Japan, Korea und spĂ€ter, zu einem geringeren Grad, in Italien und Spanien zeigen sich in Maßnahmen wie einer offiziellen Ausgangssperre und der Etablierung persönlicher Krankenakten (mit Namen, Körpertemperatur, Bewegungen und Reisen, Personenkontakten), die danach Teil von „Big Data“ werden, in die große Datensammlung einfließen. Oder in der DurchfĂŒhrung von Schnelltests, die im Fall SĂŒdkoreas so aussahen, dass die Leute ihren Nasenabstrich in einem speziellen „Drive-In“ bekamen. Hinzu kommen weitere Maßnahmen, wie etwa in China der Einsatz des MilitĂ€rs.

Kontrollgesellschaft wird plausibel und machbar

Aber eben wegen dieser maximalen Saturierung infolge der COVID-19-Pandemie zeigt sich ein erstes Paradox: Der Erfolg, den China bei der EindĂ€mmung der Neuinfektionen hatte, hat die Schleusen geöffnet fĂŒr die Legitimierung dieser hochintensiven Biopolitik (guckt euch das chinesische Beispiel an!). Die soziale ZurĂŒckgezogenheit, die zustande kommt aufgrund der Möglichkeit, dass die globale Pandemie aus dem Ruder lĂ€uft, kann dazu fĂŒhren, dass eine Kontrollgesellschaft mit diesen Kriterien einer Biosicherheit plausibel und machbar wird.
Somit ist dieses Szenario nicht nur Produkt einer auferlegten Politik, sondern erfĂ€hrt die Zustimmung von einem Teil der Gesellschaft. Aber welche Alternativen zu diesem Format biopolitischen Regierens gibt es ĂŒberhaupt im Kontext der Pandemie?
Wenn uns das Fortschreiten der zivilisatorischen Krise an diese Schwelle mit ihren Extremereignissen und dem stĂ€ndigen Ausnahmezustand gebracht hat (erinnert sei an den „Klimanotstand“), stellt sich die Frage, ob wir uns auf einen stĂ€ndigen „Katastrophenkapitalismus“ zubewegen? Wie könnte die Demokratie in solch einem Regime funktionieren?
Es gibt ein zweites Paradox: Die Politik der strikten QuarantĂ€nemaßnahmen ist absolut kontrĂ€r zur MobilitĂ€t und Dynamik, die die MĂ€rkte benötigen. Der soziale Einschluss ist notwendig, bedeutet aber zugleich den wirtschaftlichen Selbstmord des Kapitalismus. Die Regierungen der Welt debattieren ĂŒber das epidemiologische versus das wirtschaftliche Debakel. Und hier gilt es hervorzuheben, welche Politik bis vor kurzem noch die britische Regierung unter Boris Johnson verfolgte: eine Art von Bio-Liberalismus: „machen lassen, sterben lassen“. Sir Patrick Vallance, Chef des wissenschaftlichen Beraterstabs der Regierung, verkĂŒndete am 13. MĂ€rz auf Sky News, dass die „HerdenimmunitĂ€t“ erreicht werden mĂŒsse, indem sich 60 Prozent der britischen Bevölkerung anstecken, ohne dabei grĂ¶ĂŸere soziale BeschrĂ€nkungen von MobilitĂ€t und AktivitĂ€ten zu erlassen. Das wĂŒrde bedeuten, dass sich im Lauf der nĂ€chsten Zeit mindestens 40 Millionen Menschen anstecken wĂŒrden, um dieses Ziel zu erreichen, von denen Regierungskalkulationen zufolge etwa ein Prozent sterben wĂŒrde (etwa 400 000 Personen).

“Bevölkerung” ist nur eine operative Angelegenheit

Diese schaurige Politik unterstreicht, wie hier gnadenlos zwischen Schutz des Lebens und Wachstum des BIP abgewogen wird und dass die Regierung Johnson Letzteres priorisiert. Er hat schon vor kurzem gesagt, dass er „alles unternehmen werde“, um die Wirtschaft vor dem Corona-Virus zu schĂŒtzen. Aber das enthĂŒllt vor allem einen instrumentellen Umgang mit dem Leben von Millionen von menschlichen Wesen. Sowohl die Regimes mit der eisernen Kontrolle als auch diejenigen mit einem solchen Bio-Liberalismus teilen diese instrumentelle Vorstellung vom menschlichen Leben, indem es in funktionale Zahlen ĂŒbersetzt wird: 50 000, 500 000 oder 5 000 000 Personen; 0,5 Prozent, 5 Prozent oder 15 Prozent. Die „Bevölkerung“ radiert Gesichter aus, persönliche Geschichten, Vielfalt, um nur noch eine operative Angelegenheit fĂŒr den Staat zu sein. Auf jeden Fall fĂ€llt auf, dass hier die Foucault’sche biopolitische PrĂ€misse aufrechterhalten wird: „leben lassen, sterben lassen“, nun allerdings vor dem Hintergrund eines Zeitalters der Extreme. Bei diesem Bio-Liberalismus zeigt sich eine sozial-darwinistische Logik, mit der ein Teil der Gesellschaft (mit Sicherheit die Ă€ltesten und am meisten kranken Menschen) dem Tod ĂŒberlassen werden.

Klarer Gegensatz zu PulsschlÀgen des Lebens

Das fĂŒhrt uns zu einem dritten und letzten Paradox: Die staatliche Entscheidung darĂŒber, wer sich einschließt, wer noch arbeiten geht, wer lebt und wer stirbt, steht im klaren Gegensatz zu den PulsschlĂ€gen des Lebens, die sich von unten zeigen. Auch wenn wir gesagt haben, dass das Einschließen und die QuarantĂ€ne notwendig sind, sind sie doch auf lĂ€ngere Sicht sozial unhaltbar. FĂŒr die Milliarden von Prekarisierten auf der Welt sind sie unmittelbar nicht machbar. FĂŒr andere bedeuten sie die LĂ€hmung von SehnsĂŒchten, sozialen ZusammenkĂŒnften, Unzufriedenheiten und Projekten. Diese LĂ€hmung stellt sich just zu einem Zeitpunkt ein, an dem sich Millionen Menschen auf der ganzen Welt mobilisiert hatten, weil sie der Situation in ihren LĂ€ndern ĂŒberdrĂŒssig waren (erinnern wir an Chile, Irak, Libanon, Hong Kong, Ecuador, Katalonien etc.). Was passiert nun mit diesen PulsschlĂ€gen? Wo geht es lang?
Die LĂ€hmung und das Einsperren können nur schwerlich die soziale Unzufriedenheit auflösen, die als Symptom fĂŒr den Niedergang des herrschenden Systems aufgekommen ist. Das wissen die großen Verwalter dieser Notstands-Biopolitik. Deswegen macht die Regierung von Boris Johnson nun auch einen RĂŒckzieher mit seiner Politik der „Herdenimmunisierung“; deswegen vollzieht der französische PrĂ€sident Emmanuel Macron, ein Neoliberaler durch und durch, einen diskursiven Schwenk und weist darauf hin, dass die öffentliche Gesundheitsversorgung ein wertvolles Gut sei, das ĂŒber den Gesetzen des Marktes stehe; und deswegen weichen andere Regierungen zurĂŒck mit ihrer Politik der sozialen KĂŒrzungen fĂŒr die Arbeiterklasse.
Diese drei erwĂ€hnten Paradoxa schreiben sich in ein grĂ¶ĂŸeres Paradox ein: Niemand kann die Kontrolle der Situation garantieren. Das kapitalistische System wird in seinen Grundfesten erschĂŒttert. Niemals zuvor in der Geschichte hat es so viele Risse im Kapitalismus gegeben.

Kollaps/Chance

Die soziale Verbannung in Form von QuarantĂ€ne, aber auch die verlassenen oder halbleeren Straßen, die zerstörten MĂ€rkte, das Abschieben der Ärmsten in eine seltsame sozio-ökonomische, verlangsamte Prekarisierung öffnen uns den Weg fĂŒr andere Geschwindigkeiten, andere Rhythmen, andere soziale ZusammenkĂŒnfte, andere WertschĂ€tzungen und SensibilitĂ€ten. Nie zuvor schien die Möglichkeit zur Entfaltung anderer Logiken und Rhythmen nĂ€her greifbar. Der zentrale Punkt hierbei, angesichts der paradoxen Herausforderung Kollaps/Chance, scheint in einer Politik des Gemeinsamen, der FĂŒrsorge, der Reproduktion des Lebens zu liegen. Dieser Weg hat sich vor uns geöffnet, ohne dass dies eine Erfolgsgarantie darstellt.
Da ist nach wie vor der kollektive Raum der Unzufriedenheit, der KĂ€mpfe, der sozialen Forderungen, der Transformation. Wie kann die Verwahrung, die „soziale Distanzierung“ mit der Notwendigkeit eines Wiedertreffens und der Herausforderung der Macht verbunden werden? WĂ€hrend wir das Leben in diesem bestimmten Raum schĂŒtzen, mĂŒssen wir weiterhin gewisse Forderungen stellen: radikale Umverteilung des bestehenden Reichtums, damit er einer universellen öffentlichen Gesundheitsversorgung zugute kommt; Erlass der Auslandsschulden des globalen SĂŒdens; Einstellen der Besteuerung der AllerĂ€rmsten, stattdessen die reichsten Sektoren zur Kasse bitten; wissenschaftliche Kenntnisse der Gesellschaft zugĂ€nglich machen; die Natur respektieren und die fortschreitende Kommerzialisierung aufhalten.
Der globale Notstand muss in den Aufbau eines anderen Systems verwandelt werden, das dem Leben und der Bevölkerung zugutekommt. Wenn der Systemkollaps zu unvorstellbaren Szenarien fĂŒhrt, mĂŒssen wir realistisch sein, wie es das berĂŒhmte Motto der 68er war, und das Unmögliche versuchen. Eine andere Welt als diese, jetzt sofort.
Der Autor ist Soziologe an der Universidad Central de Venezuela und promoviert an der Universidad AutĂłnoma de Barcelona in Umweltwissenschaften. Er ist Teil der „StĂ€ndigen Arbeitsgruppe zu Entwicklungsalternativen“ der Rosa Luxemburg Stiftung. Übersetzung: Britt Weyde. Leicht gekĂŒrzte Version von: www.ecopoliticavenezuela.org
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 434 April 2020, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn (heute ohne Verlinkung, weil die ila-Webseite Opfer eines Hackerangriffs geworden ist; die Reparaturen laufen noch).

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