Zieht ein neuer Generationenkonflikt herauf? Es gibt die These, dass die Coronaviruskrise bereits angelegte gesellschaftliche Entwicklungen beschleunigt, und wie durch ein Brennglas sichtbarer macht. Sie ist nicht Grund oder Ursache, sondern “nur” Beschleuniger. Da ist wohl was dran. Ein Brennglas ist erneut das Fussballbusiness. Das testet, ob es auch ohne richtige Menschen (= Fans) funktioniert. Sie wünschen es sich so sehr, es könnte Kosten senken und Profite steigern. In allen anderen gesellschaftlichen Bereichen ebenso: Handel ohne Kaufhäuser, Parteien ohne Parteitage, Wahlen ohne Wahlkämpfe, Schule ohne Schule …
Martin Krauss/taz erläutert die Fussballfantasie, Friedrich Küppersbusch meint, “sie” hätten das “schon immer gewollt”. Immerhin sind am vergangenen Wochenende die Einschaltquoten der Fussball-TV-Anbieter um 1 Mio. (= über ein Viertel gegenüber der Vorwoche) in den Keller gesunken. Wer will sowas auch sehen? Ausser den Süchtigen?
Dennoch gibt es ein Kapitalismusprinzip neben dem Wachstum und dem Profitstreben, das diesen bereits eingeschrieben ist: die Beschleunigung. Und die Entsozialisierung. Je schneller, um so Wachstum. Je unsozialer, umso weniger störende, solidarische Menschen. Die Modernisierung der Kommunikationstechnik ist dieses Ei des Kolumbus.
Facebook simuliert “soziales” Netzwerk, Tinder simuliert Sex mit oder ohne Liebe, Amazon simuliert Handel, das Telefon simuliert miteinander sprechen, hat nur den Nachteil, dass die menschliche Stimme noch zu hören ist. Sie verrät einen Restbestand an Gefühlen, wie es auch Mienenspiel und Körpersprache tun. So sind z.B. Lügen besser zu erkennen. oder Gefühle. “Wenn ich etwas sehe, aber nicht fühle, ist es leer.” (Jean-Luc Nancy in einem lesenswerten taz-Interview über “Berührung”)
Gestern der DFB-Bundestag oder am Wochenende der CSU-Parteitag lassen die Führungen Gefallen an der Virtualität finden. Sie ist nicht nur billiger. Sie macht auch das Führen einfacher. Der störende Anarchismus menschlicher Begegnung, die darin verborgene, latente Dynamik wird ausgeschaltet. So steht es uns nun unmittelbar mit der NRW-Kommunalwahl (am 13.9.) bevor: Wahl ohne Wahlkampf. Virtuelle Versammlungen, Bildschirmkommunikation, blechernes Reden/Predigen, gesteuertes Streiten, Ausschalten von Störer*inne*n aller Art. Am Ende wird auch die Wahl unnötig; das Ergebnis kann von der Demoskopie verkündet werden.
Wollen wir das? Brauchen wir das? Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen. Ich bin z.B. vorzeitig aus dem Berufsleben ausgestiegen und in Rente gegangen, weil ich auf diese Veränderungen keine Lust habe. Alles, fast alles, was ich im jungen wie im fortgeschrittenen Alter als sexy empfunden habe, wird wegrationalisiert. Sie versuchen uns ja sogar den “Sex des Alters”, nein – nicht Kreuzfahrten, das gute Essen und Trinken wegzuzüchten. Immerhin gibt es dagegen relevanten Widerstand. Da bleibe ich dabei.