Sportschau-Quoten sind kein Rätsel – ein Superkoch macht wieder wach
Ein Selbstversuch mit klarem, aussagekräftigem Ausgang. Warum guckt keine*r mehr Sportschau? Die Agenturen, die solche dummen Fragen stellen, lesen halt diesen Blog nicht. Um ganz sicher zu gehen, habe ich es gestern noch mal ausprobiert. Das erste Einnicken passierte mir unmittelbar nach dem Unentschieden des Zweitliga-Spitzenreiters Bielefeld in Karlsruhe. Das zweite dann bei Irgendwer gegen Hoffenheim. Wer will sowas sehen?
Das “Spitzenspiel” der Konzerne, Bayermonsanto gegen den andern Laden aus Süddeutschland, wollte ich sowieso nicht sehen. Kaum jemand geht für sowas ins Stadion, selbst das kleine Ding in Leverkusen kriegen sie meistens nicht voll. Aber ist ja sowieso verboten. Sepp Herberger soll mal gesagt haben, die Leute gingen hin, weil sie vorher nicht wüssten, “wie es ausgeht”. Ja, schöne Geschichte aus der Zeit vor dem “modernen Fußball”. Spannender als diese Schlaftabletten war Arte.
Bevor Sie meinen folgenden Tipp nachverfolgen, sollten Sie sich vorbereiten. Wenn Sie nicht sowieso gerade was Leckeres gekocht haben, stellen Sie sich ein wenig luftgetrockneten Schinken und/oder einen aromatischen Ziegenkäse sowie einen passenden Wein dazu. Arte porträtierte in einer sehenswerten Dokumentation den französischen Koch Auguste Escoffier (1846-1935; Mediathek bis 4.8.).
Was zeichnete den Mann aus? Neben seiner Kochkunst. Er verstand den Prozess der globalen Industrialisierung, schmiegte sich an ihn an, und entwickelte dazu eine exakt passende Marketingstrategie. Damit wurde er zum seinerzeit vielleicht wirkungsmächtigsten Botschafter Frankreichs in der Welt. Der Film von Olivier Julien (Produktion: Imagissime) verherrlicht den zweifellos beeindruckenden Kerl kritiklos. Denn angesichts seiner beeindruckenden global orientierten Expansionsstrategie, im Bündnis mit seinerzeit kraftstrotzenden Hotelkonzernen (Ritz-Carlton), bleibt die Frage: warum hat nicht er, sondern warum haben McDonalds, CocaCola und Starbucks den Kampf um die kulinarische Weltherrschaft gewonnen?
Warum hat Escoffier seine Zeitgenossen Heinrich Heine (1797-1856) und Karl Marx (1818-1883) nicht zur Kenntnis genommen? Obwohl doch beide gutem Essen und Trinken nachweislich zugetan waren, und sogar wichtige Zeiten ihres Lebens in Escoffiers Paris zugebracht haben? Von ihnen hätte er etwas über die Klassenfrage lernen können, über untergehende und aufsteigende Klassen.
Nur ganz zart lässt der Film durchschimmern, dass Monsieur Escoffier vielleicht allzu nationalistisch französisch eingestellt war, wenn er globale Gelage inszenierte, bei denen an allen Standorten das Gleiche von gleicher Qualität verzehrt werden sollte (wie heute bei McDonalds oder Starbucks). Hier hat wohl der französische Kolonialismus dem kulinarischen Verstand Escoffiers einen Streich gespielt. Sonst hätte er Respekt vor regionalen Erzeugnissen, Traditionen, Kulturen und Märkten gelernt, vor Vielfalt, Abwechslung und Neuentdeckungen. Entsprechende Voraussetzungen, das zeigt Juliens Film sehr schön, wären für ihn – erstmals – gegeben gewesen. Den Job muss halt heute die Slowfood-Bewegung machen.
Nach den Mitternachtsspitzen – Höhenpunkt ein weiteres Mal: die überschätzten Paare der Weltgeschichte (ab Min. 18) – stellte sich wie so oft die Frage, ob das Wachbleiben fürs ZDF-Sportstudio lohnt. BVB – Hertha 1:0 erwartete einen dort. Was soll das sein, ohne die Süd im Westfalenstadion? Dann doch lieber mit Fazit/DLF-Kultur einschlafen … und so geschah es.
Quoten: ARD-Sportschau 4 Mio; ZDF-Sportstudio < 2 Mio.. Über 80 Mio. hatten anderes zu tun.