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Zucker, Zucker, Zucker

von Svenja Schulze
Der taz-Autor Manfred Kriener schildert im Buch „Lecker-Land ist abgebrannt“ Probleme des heutigen Ernährungssystems, auch die der Bio-Branche.

Dass Manfred Kriener jemand ist, der gewinnend und lebendig formuliert, weiß ich spätestens, seit ich ihn im Rahmen meines Engagements für den Verein Slow Food kennengelernt habe. Er war damals Chefredakteur des Slow Food-Magazins, ich einfach nur Vereinsmitglied. Seitdem schätze ich ihn und seinen kritischen Geist sehr.

Leider ist unser Kontakt irgendwann eingeschlafen, und umso mehr habe ich mich gefreut, als mich Freunde auf sein neues Buch „Lecker-Land ist abgebrannt“ aufmerksam gemacht haben. Spannend wie ein Krimi liest es sich, was (leider) nicht bedeutet, dass die darin beschriebenen Zustände frei erfunden sind.

Wer sich von dem Buch allerdings plakative Botschaften à la „alle Fleischesser sind schlechte Menschen“ erhofft, wird enttäuscht werden. Auf 238 Seiten beschreibt Kriener sachlich, aber pointiert und mit viel Humor die Höhen und Niederungen der Ernährungstrends, die unsere heutige Zeit zu bieten hat.

Was mich – die sich schon berufsbedingt viel mit den Auswirkungen unseres Ernährungssystems beschäftigt – am meisten gepackt hat, sind die vielen gut recherchierten Fakten zu unserem Essen und unserer Esskultur. Die manchmal schon fast religiösen Züge der Veganer-Bewegung werden dabei ebenso unter die Lupe genommen wie die krankmachenden Konsequenzen eines scheinbar nicht enden wollenden Fleischhungers.

In den insgesamt elf Kapiteln seines Buches behandelt Kriener so ziemlich alles, was auf unsere Tische kommt: pflanzliche Fleischersatzprodukte, zelluläre Hackbraten, Putenbrust von überzüchteten Tieren der Rasse „B.U.T. Big 6“, verlauster Lachs und immer wieder Zucker, Zucker, Zucker. Die fatalen Zustände, die in vielen Ställen herrschen, sind längst kein Geheimnis mehr.

Das Thema Ernährung ist heute so präsent wie nie zuvor

Auf detaillierte Beschreibungen von Spaltböden und wenig artgerechten Haltungsmethoden verzichtet Kriener deshalb. Stattdessen lenkt er unseren Blick auf die ökologischen, ökonomischen und gesundheitlichen Folgen eines Fleischkonsums, der mit rund 1.100 Gramm pro Person und Woche deutlich über den Empfehlungen der FAO oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt.

Auch die Bio-Branche entpuppt sich bei einem genaueren Blick häufig allein als „das kleinere Übel“. Paradoxerweise trägt gerade der Erfolg des ökologischen Landbaus dazu bei, dass sich einige Entwicklungen der konventionellen Landwirtschaft und die damit einhergehenden Probleme zu wiederholen scheinen. Großbetriebe mit mehr als 30.000 Hennen, das will nicht so ganz zu unserem Bild vom glücklichen Bio-Huhn passen.

Aus meiner Sicht etwas zu kurz kommt in „Lecker-Land ist abgebrannt“ das Thema Klimawandel. Zwar beschreibt der Autor an vielen Stellen die Auswirkungen, die unsere Ernährung auf das Klima hat. „Unbestritten ist, dass unsere Ernährungsgewohnheiten einen wesentlich größeren Einfluss auf das globale Klima haben als lange angenommen“, heißt es etwa. Gerade deshalb hätte dem Klimawandel allerdings ruhig ein eigenes Kapitel gewidmet werden können. Aber es gibt ein solches zum Thema Wein – auch nicht uninteressant.

Dass unser heutiges Ernährungssystem nicht gesund ist, weder für uns noch für unseren Planeten, wird einem bei der Lektüre von Krieners Buch jedenfalls schnell deutlich.

Weitreichende Folgen fürs Klima

Auch die Europäische Kommission hat dies erkannt und kürzlich mit der Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ erstmals ein umfassendes Papier vorgelegt, das sich mit dem gesamten Ernährungssystem – von der Landwirtschaft über die Herstellung, die Verarbeitung, den Handel bis zu den Endkonsumenten – beschäftigt. Und in meinem Ministerium arbeitet seit Mitte Mai 2020 ein eigenes Referat „Umwelt und Ernährung“ ausschließlich zu Fragen der nachhaltigen, umweltverträglichen Ernährung.

Das Bewusstsein für die weitreichenden Folgen der Lebensmittelherstellung für Klima und Umwelt ist inzwischen auch in den Köpfen vieler Konsumentinnen und Konsumenten angekommen, auch deshalb ist das Thema Ernährung heute so präsent wie nie zuvor. Es gibt unzählige Kochshows, Foodblogs, Ernährungsmessen, Kochbücher und Ratgeber. Letztendlich führt dies bei vielen vor allem zu Verunsicherung. Was kann man heute überhaupt noch essen, wenn man sich gesund, umweltbewusst und genussvoll ernähren will?

Manfried Kriener versucht bewusst nicht, diese Frage zu beantworten. Vielmehr gibt er den Leserinnen und Lesern das Rüstzeug an die Hand, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ein Ratgeber soll sein Buch nicht sein. So gibt es am Schluss auch nur eine einzige Empfehlung: „Kochen Sie selbst so oft wie möglich, meiden Sie jeden Industriefraß, misstrauen Sie den Fertiggerichten der Ernährungskonzerne.“

Manfred Kriener: „Lecker-Land ist abgebrannt. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“. Hirzel Verlag, Stuttgart 2020, 238 Seiten, 18 Euro

Die Autorin ist seit 2018 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

3 Kommentare

  1. Karin Nolte

    Genau, Schulze hat die richtige Replik auf Kriener.
    Alles was sie sagt, unterschreibe ich.
    Leider hält sie sich in ihrer Politik nur sehr partiell daran.
    Schliesslich sollte sie, und nicht nur sie ,endlich mal Persönlichkeit und Stärke zeigen gegenüber der “Null Nummer” Klöckner , die dem übermächtigen , alles beherrschenden ,
    massentierhaltenden, auf durch Massenproduktion ausgelaugten Böden wirtschafteten GROSS Bauern SPRACHROHR
    BAUERNVERBAND
    den Kotau macht, genau so
    wie gegenüber der Ernährungsindustrie.
    Liebe Frau Schulze als immer noch SPD Mitglied und mich sehr gut auskennend in Politik, Gesellschaft , Umwelt.
    Das Naturland Bio Label ist nichts wert.
    Ich kaufe nur Demeter oder Bioland. Hier gibt’s den Dottenfelder Hof in Bad Vilbel. Auf dem Markt in Bad Homburg und Frankfurt auf den Wochenmärkten. u.n.andere mehr.
    Ich bin so erzogen und habe es bis heute so gehalten, jetzt 77 Jahre , pro Woche nur 1 Mal Fleisch und 1 x Fisch.
    Dann kann Fleisch auch 3 x so teurer sein als der andere Schrott. Und täglich selbst Kochen. Dann gäbe es nicht die Groß Schlachthöfe wie Tönnies, über die ZUSTAENDE jetzt die Leute drum herum, auch Adenauer und Laschet, BÜRGERMEISTER
    Etc. soooo ÜBERRASCHT SIND. SCHINKEN AUS WESTFALEN WIRD IN DEN SCHWARZWALD GEKARRT DORT GERÄUCHERT, UND Edeka VERKAUFT DEN DANN ALS BIO SCHWARZWAELDER SCHINKEN MIT EU SIEGEL, PREIS für den Schrott nicht, aber für Bio viel zu niedrig.
    Echter Schwarzwaelder Schinken gibt’s eben wenig.
    UND MUSS MAN DEN ÜBERHAUPT JEDE WOCHE ESSEN? NEIN!
    DAS WÄRE BEI DEMETER NICHT MÖGLICH.
    FAZIT: WENIGER IST MEHR.
    IN ALLEN SCHULEN MUSS WIEDER WERKUNTERRICHT UND INTELLIGENTER
    KOCHUNTERRZICHT HER,
    FÜR BEIDE, JUNGEN UND MÄDCHEN!

    • Martin Böttger

      Sehr geehrte Frau Nolte, als Moderator habe ich Ihren Kommentar soeben freigeschaltet. Einen guten Rat möchte ich Ihnen aber geben: das Schreiben in Grossbuchstaben wirkt auf die (meisten) Leser*innen wie Geschrei, und untergräbt damit die Kraft Ihrer Argumente.

  2. Karin Nolte

    “Sehr geehrte Frau Nolte, als Moderator habe ich Ihren Kommentar soeben freigeschaltet. Einen guten Rat möchte ich Ihnen aber geben: das Schreiben in Grossbuchstaben wirkt auf die (meisten) Leser*innen wie Geschrei, und untergräbt damit die Kraft Ihrer Argumente”.

    Sehr geehrter Herr Böttger, ich habe Ihnen eine Mail geschrieben.
    Es sollte zumindest ein Aufruf sein, vielleicht kann man es auch Aufschrei nennen, nach
    30 Jahren des “Nichtspassierens”..
    Alles weitere an Kritik an Ihrem! Kommentar auf der öffentlichen Kommentarseite habe ich
    Ihnen per Mail geschrieben..
    Das war das letzte Mal, dass ich überhaupt Ihre Seite aufmache!
    Vg Karin Nolte, Bad Homburg

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