Interview mit Martín Rodríguez von Wolfgang Ecker
Uruguays Schlachthofbeschäftige setzten im April mit einem Streik Schutzmaßnahmen gegen Corona durch

Wenn es ein Land weltweit gibt, wo die Fleischindustrie „systemrelevant“ ist, dann dürfte es das südamerikanische Uruguay sein. Die Viehzucht (v.a. Rinder und Schafe) ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes, Fleisch das Hauptexportprodukt und gleichzeitig das wichtigste Nahrungsmittel für die gut drei Millionen Einwohner*innen. 14.500 Menschen arbeiten in Uruguay in der Fleischindustrie. Rund 4000 davon sind in der Gewerkschaft FOICA-Cerro organisiert. Anfang April setzten sie mit einem einwöchigen Ausstand durch, dass – mit Blick auf die Covid-19-Pandemie – strengere Arbeitsschutzauflagen in dem Sektor gelten. Ein Gespräch mit Martín Rodríguez, Sekretär für Öffentlichkeitsarbeit von FOICA-Cerro.
Was war der Anlass für den Streik. Gab es Corona-Fälle in den Betrieben?
Glücklicherweise nicht. Aber uns war klar, dass eine große Gefahr bestand. Allein schon wegen der Nähe, in der gearbeitet wird. Die Leute stehen bei der Arbeit normalerweise 30 oder 40 cm voneinander entfernt. Also viel weniger als die empfohlene physische Distanz. Als die ersten Corona-Fälle in Uruguay bekannt wurden, gab es ein Drei-Parteien-Treffen zwischen Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften. Allerdings blieb dies ohne konkrete Ergebnisse. Daher entschieden wir uns für einen einwöchigen Streik.
An dem sich aber nicht beide in dem Bereich aktiven Gewerkschaften beteiligten.
Die Gewerkschaft FOICA-Ciudad Vieja, die vor allem in der Fleischverarbeitung, also zum Beispiel in Wurstfabriken, aktiv ist, hat sich nicht beteiligt. Sie hängt mehr der Vorstellung nach, dass eine funktionierende Produktion das Wichtigste sei, um Verbesserungen für die Beschäftigten zu erreichen. Für uns geht die Gesundheit vor. Trotzdem war unser Streik erfolgreich. Die Fleischproduktion ging in der Woche um 65 bis 70 Prozent zurück. Außerdem wählten wir den Zeitpunkt des Streikes so, dass er in die Woche fiel, in der der Höchststand der Neuinfektionen vorhergesagt wurde. In gewissem Sinne hat sich dadurch die Belegschaft in eine „freiwillige Quarantäne“ begeben. Und letztendlich hat er dafür gesorgt, dass die Unternehmen gesprächsbreiter wurden.
Was wurde mit den Unternehmen nach dem Streik vereinbart?
In erster Linie wurden gemeinsame Sicherheitsprotokolle erarbeitet, die an die Situation der einzelnen Betriebe angepasst sind. Beispielsweise wird regelmäßig Fieber gemessen, die Unternehmen stellen Mundschutz und Handschuhe zur Verfügung, es wird Alkoholgel bereitgestellt und so weiter. Darüber hinaus gibt es Vereinbarungen, wie die Distanz am Arbeitsplatz erhöht wird.
Wer kontrolliert die Umsetzung der Protokolle?
In erster Linie wir als Gewerkschaft. Laut Gesetz müssen in Uruguay Betriebe ab einer bestimmten Größe Kommissionen für Arbeitssicherheit besitzen, in denen auch wir vertreten sind.
Während des Streiks gab es Anfeindungen von Seiten der Unternehmerverbände und Metzgereiorganisationen, die die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch gefährdet sahen. Wie waren die Reaktionen in der Bevölkerung auf euren Ausstand? Schließlich ist Fleisch ein zentrales Grundnahrungsmittel in Uruguay.
Die Reaktion war weitgehend positiv. Auch von vielen Mitgliedern der Gewerkschaft, die sich dem Streik nicht anschloss, bekamen wir Zuspruch. Die Aussagen über einen möglichen Versorgungsengpass waren auch unsinnig. Zum einen gab es genügend Fleisch im Umlauf und zum anderen haben wir von Anfang an gesagt, dass wir nicht die Produktion für den Binnenmarkt bestreiken. Sondern die für die Exportwirtschaft. Ich denke, dass die meisten Menschen sehr gut verstanden, warum wir das gemacht haben. Es geht dabei nicht nur um die Gesundheit der Beschäftigten, sondern um Maßnahmen, die die Gesundheit der Bevölkerung im Allgemeinen schützt.
Das Interview führte Wolfgang Ecker am 23.6. in Montevideo. Es erschien zuerst bei labournet.de, hier nach freundlichem Hinweis der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.