Neue Zeiten bedeuten historisch oft einen Wandel in den Werten und Vorbildern. Im Zuge der “Black Lives Matter” Bewegung wurden erstmalig seit langer Zeit – letztmalig war es wohl 1968 – Denkmäler umstrittener historischer Persönlichkeiten angegriffen oder geschleift. Seit Jahren gibt es auch bei uns die Diskussion über zweifelhafte “Helden” auf Denkmälern, in Strassennamen oder Plätzen. Oder auch Orden und Ehrengräbern, wie aktuell in Bonn.Die aktuelle Diskusion muss Anlass sein, das grundsätzliche Verhältnis zu Strassennamen, Denkmälern, öffentlichen PLätzen einer demokratischen Generalrevision zu unterziehen. Und zwar einer demokratischen, unserer Verfassung angemessenen Revision.

Denkmäler zwischen Geschichte und Demokratie

Denkmäler werden grundsätzlich in Würdigung der Verdienste eines Menschen für die Allgemeinheit oder als Symbol für historische Verdienste errichtet. Ihr Wert liegt in der Erinnerung an die Person und das, wofür sie steht – nicht kritiklos und nicht in einer autoritären Absolutheit. In einem demokratischen Gemeinwesen wie der Bundesrepublik Deutschland sollten sie einen Bezug zu unserer Gegenwart, zur Verfassung, zu unseren Werten von Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit des Grundgesetzes haben. Leider muss bei einer Betrachtung der Denkmäler ein bedenkliches Mißverhältnis zwischen moderner Demokratie und autoritär-reaktionärem Weltbild festgestellt werden. Insbesondere seit der Deutschen Einheit 1990 ist statt eines demokratischen Kunstbegriffs ein Anstieg der Verehrung reaktionärer Symbole festzustellen. Zentrales Symbol dafür war die Wiedereinfügung des “Eisernen Kreuzes” und des Preußenadlers in die “Quadriga” des Brandenburger Tores. Ich empfand es als Bürger der Bundesrepublik des Grundgesetzes als peinlich und reaktionär, dass die Berliner Behörden und die RestauratorInnen nach der Vereinigung der beiden Deutschen Staaten nichts anderes zu tun hatten, als die reaktionären Symbole der preußischen und Deutschnationalen Monarchie des 19. Jahrhunderts ungefragt und unkritisch wieder herzustellen.

Antidemokratischer Skandal in Koblenz 

Die wiedererlangte deutsche Einheit diente auch an anderen Stellen als Vorwand für reaktionäre und rückwärtsgewandte Exzesse. So stiftete der rechtsgerichtete ehemalige Verleger der Rhein-Zeitung, Werner Theisen, verpflichtete sich zusammen mit seiner Ehefrau Anneliese die Rekonstruktion des zerstörten Reiterstandbildes Kaiser Wilhelms I als Sieger des Krieges 1870/71 gegen Frankreich, um es der Stadt Koblenz zu schenken. Zwar lehnte das Land Rheinland-Pfalz das Geschenk am 29. Januar 1988 mit dem Hinweis darauf ab, dass es weiterhin ein „Mahnmal der Deutschen Einheit“ bleiben solle, aber Rudolf Scharping, damals Ministerpräsident, setzte sich nicht durch. Dabei gebe es wirklich demokratische Alternativen für einen solchen geschichtsbelasteten Ort, an dem die reaktionäre Version der Geschichte auf die “Wacht am Rhein” und eine indirekte Beleidigung unserer Freunde und Partner in Frankreich. Dass derartige Exzesse reaktionärer Kultur trotzdem verwirklicht werden kannten, gehört zu den dunkelsten Kapiteln jüngster deutscher Kulturgeschichte. Warum stehen dort nicht die Skulpturen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, den Architekten der deutsch-französischen Aussöhnung? Sie allein hätten es verdient, dort angemessen das geänderte Verhältnis der “Erzfeinde” genau dort zu repräsentieren!

Deutschtümelnder Mist in Köln und anderswo

Es mag ja sein, dass ein Hohenzoller Geld für den Fertigbau der Kölner Doms gegeben hat – seine begrenzte Intelligenz machte er schon dadurch deutlich, dass er darauf bestand, dass die Züge der Reichsbahn über die “Hohenzollernbrücke” in Köln zunächst frontal auf den Dom zufahren sollten – obwohl ausser den Lokführern niemand dabei den Dom sehen konnte. Wofür stehen also die Reiterstandbilder an der Hohenzollernbrücke? Warum stehen da nicht auf der “Schäl Sick” Adenauer als Kölner OB, Theodor Heuss als Bundespräsident und linksrheinisch Charles De Gaulle und Robert Schuman als Begründer der Montan-Union? Wo finde ich in Bonn ein Denkmal mit Willy Brandt und Walter Scheel als Initiatoren der Entspannungspolitik? In Zeiten der Mobilitätswende vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität braucht niemand Reiterstandbilder. Wir bilden ja Willy Millowitsch auch nicht winkend im Fond eines Mercedes 600 oder Frank Schöbel im Trabbi Cabrio ab. – Obwohl: Hans-Christian Ströbele auf dem (Lasten-)Fahrrad der ersten Grünen Bundestagsfraktion mitten in Kreuzberg hätte schon seinen Reiz … Wo sind die Denkmäler für starke Frauen unserer Geschichte, wie die Mütter des Grundgesetzes, oder wie etwa für Prof. Julie Meyer, Jüdin, radikale Demokratin in Weimar, Soziologieprofessorin in USA, verfolgte des Nazi-Regimes, lebenslang verbunden mit ihrer Heimat Nürnberg? Wieso sind die die Denkmäler für Robert Blum, Gustav Struve und Friedrich Hecker, den Helden der demokratischen Revolution von 1848 immer noch in verschwindender Minderheit gegenüber den Verherrlichungen autoritär-absolutistischer Herrschaft, den Antidemokraten und Rassisten auf Marktplätzen, vor Rathäusern oder in Stadtzentren?

Demokratietest für Straßennamen

A propos Mercedes und co.: Nichts gegen die Mercedesstr.123 in Stuttgart Bad Cannstatt. dort hat 1884 Gottlieb Daimler seine Fabrik eröffnet und bis heute die Daimler AG ihren Firmensitz. Aber wieso muss die 50 Meter kurze Stichstraße in Köln-Braunsfeld, an der die Daimler-Niederlassung liegt, “Mercedesallee” heißen? Wieviele Robert-Bosch-Straßen, Siemens- und Bayer-Alleen, Ferdinand-Porsche-Straßen gibt es in deutschen Industriegebieten? Oder Wernher von Braun-Straßen, nach Thyssen- Krupp- Degussa- Junkers- Bayer- Messerschmitt- benannte Wegungen, ohne deren Rolle im Nationalsozialismus jemals zu hinterfragen? Und wie können wir länger Straßen ertragen, die nach Rassisten und Mördern wie Paul v. Lettow-Vorbeck, v. Trotha, und anderen Schlächtern der Kolonialkriege benannt sind? Oder nach Fürsten und Generälen, die die demokratische Revolution von 1848 niedergeschlagen haben?

Antidemokraten in Quarantäne

Nein, es geht nicht um Geschichtsklitterung und auch nicht um ihre Auslöschung. Es gibt gute Gründe für den Marx-Kopf in Chemnitz – er ist ein Stück DDR-Geschichte und sollte es bleiben, aber er muss kommentiert werden. So muss es auch mit den reaktionären Symbolen der Geschichte im Westen geschehen. Stürzen reicht nicht aus – sie durch demokratische Alternativen ersetzen ist der richtige Weg und die alten Relikte in Museen zu packen und zu erklären, welche Geschichte sie verkörpern und warum sie für unsere Gegenwart und Zukunft nicht mehr tauglich sind – so wird ein Schuh daraus. Ich bin wahrlich kein Fan Helmut Kohls, aber er hat es, weil ihn “die Stunde der Gechichte” streifte, verdient, statt irgendwelcher blödsinnigen Hohenzollern oder anderer Antidemokraten Hand in Hand mit Francois Mitterrand auf dem Sockel zu stehen. Denn bei allen tagespolitischen Ansichten, die mich als Grünen und Radikaldemokraten von ihm trennen, meine ich, hat es dieser Mensch, dessen Herzensanliegen die Aussöhnung mit Frankreich war, ebenso verdient, wie Willy Brandt, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher und Egon Bahr, als Vorbilder Anerkennung zu finden. Die Ausführer des “Wandel durch Annäherung” – Vordenker, die sie entwickelten und die zu würdigen wären, waren wiederum andere – die Europas Friedensordnung vorbereiteten und denen wir – im Gegensatz zum reaktionären und manchem mörderischem und monarchistschen Abschaum der Denkmäler, an denen jede Menge Blut klebt – 70 Jahre Frieden und Wohlstand zu verdanken haben.

Demokratischer Denkmalssturz ist überfällig

Ja, ich bin dafür, die alten, antidemokratischen Relikte radikal zu entfernen, vom Sockel zu stoßen und zu ersetzen. Nicht unreflektiert und spontan, sondern systematisch und im klaren historischen Kontext. Weg mit Kaisertum, falschen Symbolen und antidemokratischen Unterdrückern. Her mit verdienten, auch mit durchaus widersprüchlichen Personen wie Willy Brandt und Helmut Kohl, starken Frauen wie Elisabeth Lüders oder Julie Meyer, Annemarie Renger oder als Symbol der Friedensbewegung und des gewaltfreien Widerstands Manfred Stenner – meinetwegen sogar Petra Kelly. Den Opfern Jakob Morenga oder Hendrik Witbooi als Anführer der von den deutschen “Schutztruppen” vor dem ersten Weltkrieg in Namibia niedergemetzelten Völkern der Herero und Nama, denen die Bundesregierung bis heute einen Entschädigungsanspruch für erlittene Massaker und Unterdrückung durch das ehemalige Deutsche Reich verweigert. Nein, Denkmäler dürfen durchaus kontrovers sein – sie müssen die Realität der Gesellschaft des Grundgesetzes der letzten 70 Jahre widerspiegeln und Finsternis und Menschenrechtsverletzungen der Monarchie ebenso überwinden wie die Verbrechen des Rassismus jüngster Zeit, Amadeo Antonio, Zainab Saado und die Familie Genc gedenken.

Alles muss sich dringend ändern – vor allem das Gedenken.