Von Günter Bannas
Auf diese Idee ist noch keine Partei gekommen: eine Liebeserklärung in einen Geburtstagsglückwunsch zu verpacken, der einer Koalitionsaussage nahekommt. Mit „Liebe CDU, alles Gute zum Geburtstag!“ wurde ein Text von Annalena Baerbock und Robert Habeck überschrieben, veröffentlicht als offener Brief in der FAZ, der Zeitung, die (gefühlt) in jedem CDU-Büro zur Pflichtlektüre gehört, und der über den Gratulanten mindestens so viel aussagt wie über den nun 75 Jahre alten Jubilar. Nicht um die „Zerstörung der CDU“ geht es, sondern um Gemeinsamkeiten. „So wie wir immer schon etwas wollten, seid Ihr immer schon etwas gewesen“, schreiben die beiden Grünen-Vorsitzenden, voller Bewunderung und Empathie – bis in die Anrede hinein. Nicht distanziertes „Sie“ und „Ihnen“, sondern vertrautes „Ihr“ und „Euch“. Die CDU als Vorbild: „Mehr als jede andere Partei in Deutschland schaut Ihr vor allem auf die Welt, wie sie ist, und weniger auf die Welt, wie sie sein könnte.“ Baerbock, wie erwähnt wurde, Jahrgang 1980, und Habeck, Jahrgang 1969, wurden nicht in Frankfurter Straßenkämpfen oder Sitzblockaden in Mutlangen politisch sozialisiert. Stattdessen: „In guten Zeiten war die CDU immer ein Garant für Stabilität und Verlässlichkeit.“ Sodann: „Und auch wenn uns diese Begriffe nicht so in die Wiege gelegt waren, haben wir ihren Wert für die Politik zu schätzen gelernt.“ Lob für den „klaren Kompass der CDU“, auch wenn „bei Euch“ einiges „zu kurz kam“. Immerhin: „Umso entschiedener konnten wir für mehr Reformtempo eintreten.“ Als Gemeinsamkeit erwähnen sie, dass im Namen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen das Wort „Partei“ nicht vorkommt. „Was Euch die Union ist, ist uns das Bündnis.“

Die Entwicklung der CDU zeichnen sie freundlich nach. „Ihr habt als katholisch dominierte, westdeutsche Männerpartei eine ostdeutsche Protestantin zur prägenden Figur einer Epoche werden lassen und dabei Grundfesten Eurer politischen Orientierung verschoben. Genau das hat Euren Erfolg ausgemacht, während andere christdemokratische Parteien in Europa versunken sind.“ Und: „Große Ereignisse und Zeitenwenden verschieben die Koordinaten unseres politischen Handelns. In solchen Momenten ist der Tanker CDU beweglicher als manches Schnellboot.“ Ob die beiden mit der Hymne an eigene Interessen gedacht haben? Motto: Ran an den Speck der Nach-Merkel-CDU. Von der SPD sind ja kaum noch Wähler zu holen.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF