Von Günter Bannas
Nun, da der Bundestag bis Anfang September in den Sommerferien weilt, ist an die altbackene Redewendung von der „Saure-Gurken-Zeit“ zu erinnern, in der die Geschäftsleute schlechte Geschäfte machen, weil die Kunden in Urlaub sind, und in der den Journalisten angeblich der Stoff ausgeht, weil die Politik Pause macht. Wie meist in solchen Fällen ist die etymologische Herkunft des am Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommenen Wortes nicht ganz klar. Eine Zeit kann gemeint sein, in der es – außer sauren Gurken – kaum frische Lebensmittel gab, wozu das Synonym „Jahreszeit der kleinsten Kartoffeln“ im Englischen passt. Auch könnte es sich um eine Verballhornung aus dem Jiddischen handeln: „Zóres- und Jókresszeit“ bedeutet „Zeit der Not und der Teuerung“. Überliefert ist andererseits, der zunächst in Berlin verwendete Begriff erinnere daran, dass in diesen Wochen die ersten frisch eingelegten sauren Gurken aus dem nahen Spreewald auf den Markt kämen.

Eine gute Zeit also. Auch für den politisch-medialen Betrieb – freilich anders, als es der ausgelutschte Begriff vom „Sommertheater“ nahelegt, in dessen Session Politballons aufgeblasen werden, die alsbald platzen und sich in Nichts auflösen? Doch so, wie es das Nichts logischerweise nicht geben kann, sind saure Gurken bisweilen wohlschmeckend und bekömmlich. Nun denn: Markus Söders angedeutete Verneigung vor Angela Merkel, sein Fingerzeig, wo es langgehe, und die opulenten Bilder jüngst aus Herrenchiemsee als sommertheatralische Inszenierungen. Wolfgang Schäubles Er-hat-einen-klaren-Kopf-Lob für Jens Spahn. Berliner Sandkastenspiele mit Corona-Ausreisesperren. CDU-Frauenquoten. Was Olaf Scholz und Angela Merkel für Wirecard taten. Gedöns um Tempo 130 und Andy Scheuer. Peinliche Twitter-Tweets. Nicht nur das Internet vergisst nichts. Wirkungen gibt es – wenn die Zeit gekommen ist. Welche und wie? Wer wen? Einstweilen gilt die Volksweisheit: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt, wie es ist. Eines aber ist sicher in diesem Sommer: Im Berliner Regierungsviertel gibt es keine Feste mehr. Die Empfänge der Vertretungen der Bundesländer wurden gecancelt. Sogar der Bundespresseball Ende November, für manche gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres, wo sich Politik, Lobbyismus und Journalismus nahekommen, ist abgesagt. Kein Hotspot am Brandenburger Tor! Stattdessen: Masken, wohin das Auge schaut.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF