Der WDR lässt “Schimmi” (Götz George) wiederauferstehen
Für das Branding des Senders, auch in meinem Hirn, ist es sicher kein Vorteil. Dem WDR fällt schon lange nichts mehr ein – ein Allgemeinwissen in der Medienbranche, das – den wievielten? – Geburtstag feiert, könnte schon volljährig sein, nee “Mord mit Aussicht” kam noch (2007-2014). Diese Last, die uns via Haushaltsabgabe auf der Tasche liegt, wirft, zumindest für die Alten unter uns, und der WDR ist ja ein bewährter Altersheimsender, nun einen Kollateralnutzen ab: die Schimanski-Tatorte werden nicht nur komplett wiederholt, sondern – noch besser – danach drei Monate in der Mediathek vorgehalten.
D.h. zwar, sie sind durch den Sendeablauf nicht an einem Stück Binge zu watchen, aber das würde eh niemand verkraften. Wer “Schimanski” als Zeitgenosse wahrgenommen hat, kann hier mit Lesen aufhören. Warum kann es für Jüngere Wert haben, das zu glotzen?
Die Figur Schimanski hat die westdeutschen Honoratioren der 80er Jahre geschockt. Er sprach weitgehend wie das dreckige Volk. Das mochten die Ruhrgebiets-Oberbürgermeister überhaupt nicht. Und die ganzen Flüche und Schimpfwörter – im “Fernsehen”! Das reichte für Skandälchen und Aufregung in Lokal- und Boulevardpresse. Entscheidend für mich aber war: das komplette Setting der Rollen und Geschichten war links vom antikommunistischen-SPD-Kanalarbeiter-Mainstream. Erst nachdem Schimmi alle Einschaltquotenrekorde gebrochen hatte, begriffen die ersten, dass er auch für regionales und Stadtmarketing geeignet war. Das war ein weiter Weg.
Zu sehen gibt es in den Geschichten nicht nur Kritik des seinerzeit real existierenden westdeutschen Kapitalismus, schmierige Industriebosse, lahmarschige Bürohengste im öffentlichen Dienst und mannigfache weitere Kriminelle und soziales Elend (das wahrlich nicht übertrieben wurde), sondern auch Arbeitskämpfe, Abbildung emanzipatorischer Kräfte aus Bürgerinitiativen und Gewerkschaften. Und im Rückblick besonders beachtlich ist das Frauenbild, das ich hier bereits erwähnt hatte. Wir sehen die Frauen in der gesellschaftlichen Hierarchie noch weit unten, sehen sie wühlen, arbeiten und kämpfen – auch gegen Schimmis grosskotzigen Macho-Auftritt.
Ein Fall von ausgleichender Gerechtigkeit war in diesem Fall die von Götz George ausgestellte Körperlichkeit und Sexyness, zur Freude von Millionen Damen im TV-Publikum. Wenn sie gesellschaftlich nix zu sagen hatten, hatten sie wenigstens was zum Gucken. Die meisten – wie ich schmalschultrigen, vom Brustkorb ganz zu schweigen – Männer fanden das wahlweise “blöd” oder “albern”. Mein Tipp: das hat sich der Adorno-Schüler (s.u.) im Team ausgedacht. Aus den in diesen Krimis zu sehenden Männer- und Strassenbildern resultierte der populärste Sprechchor bei den Friedensdemos gegen den ersten Golfkrieg Anfang der 90er Jahre, mit einem akustisch klaren Mädchen-Übergewicht: “Das ist doch die Härte – Oberlippenbärte!”
Götz George und Eberhard Feik sind mit dieser Reihe berühmt und gutverdienend geworden, verdient. Chiem van Houweninge als Sidekick, als antifaschistischer niederländischer Deutschland-Kritiker und häufiger Drehbuchmitarbeiter ebenfalls. Besondere Erwähnung verdient der hochdekorierte Entwickler, häufige Regisseur und Adorno-Schüler Hajo Gies. Und wenig beachtet blieb die heutige Pensionärin und langjährige Redakteurin Heidi Steinhaus. Als eine der wenigen Frauen in dieser Männermannschaft musste sie vermutlich den meisten Stress nicht nur aushalten, sondern auch von den Jungs fernhalten und wegräumen, damit diese Arbeit überhaupt möglich wurde und blieb. Behilflich war ihr dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit Günter Rohrbach, als damaliger Chef der Bavaria-Produktionsgesellschaft (1979-1994), der Chefproduzent eines grossen öffentlichen Programmvermögens. Rohrbach war direkt aus der WDR-Programmdirektion zur Bavaria nach München gewechselt – er kannte sie alle, Programmverhinderer und Programmermöglicher (inkl. hetzender Politiker in den Rundfunkräten und Landesregierungen).
Ihnen allen ist zu danken. Programmieren Sie ihre Festplattenrekorder. Es ist ein Programmschatz aus der Zeit, als der WDR noch kreativ und – in Teilen – mutig war.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net