Von Günter Bannas
Alles schon gelaufen oder wird jemand unterschätzt, wenn es um die Frage geht, wer die CDU künftig führen wird? Drei Kandidaten gibt es: Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen. Laschet, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, verbucht es als Erfolg, dass die CDU dort stärkste kommunale Partei blieb; doch hat sie drei Punkte verloren und so schlecht abgeschnitten wie seit 1946 nicht mehr. Merz ist seit Jahren nicht mehr in der operativen Politik tätig, erfüllt aber (deshalb?) die Sehnsüchte vieler CDU-Anhänger nach klarer Kante. Keinesfalls würde er als CDU-Vorsitzender auf die Kanzlerkandidatur verzichten. Auch Laschet könnte das nicht.

Aber was ist mit Norbert Röttgen? Der jüngste der Bewerber gilt angeblich als Außenseiter. Manche nannten ihn, wenig schmeichelhaft, „Muttis Klügsten“. Doch seinen Wahlkreis nahe Bonn gewann er seit 1994 stets direkt. Er war Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, Co-Autor des CDU/CSU-Wahlprogramms 2009 und dann Bundesumweltminister. 2010 setzte er sich bei einer Mitgliederbefragung gegen Laschet durch und wurde CDU-Landesvorsitzender in NRW. Wie Laschet gehörte er zum schwarz-grünen Freundeskreis („Pizza-Connection“), der Prätorianergarde Angela Merkels – bis er verstoßen wurde.

Das war nach seiner Niederlage bei der Landtagswahl 2012, die darauf zurückgeführt wurde, Röttgen habe sich nicht festgelegt, ob er auch als Oppositionsführer nach Düsseldorf wechseln würde. Dem „Angebot“ der Kanzlerin aber, „freiwillig“ zurückzutreten, beugte er sich nicht. Maßgebliche CDU-Politiker kritisierten damals Merkels Entscheidung, ihn aus dem Kabinett zu entlassen. Doch Röttgen zog sich nicht schmollend zurück. In der Außenpolitik fand er ein neues Arbeitsfeld. Er setzte andere Akzente als Merkel, wurde aber nicht wie Merz zum Daueropponenten. In manchen Umfragen hat er Laschet überholt. Sollte es Röttgen auf dem Parteitag (mit Merz) in die Stichwahl schaffen, sind ihm Stimmen aus dem unterlegenen Laschet-Lager sicher. Weil er am ehesten auf die Kanzlerkandidatur verzichten könnte, stehen die Delegierten vor der Entscheidung: Wer Markus Söder als CDU/CSU-Spitzenkandidaten haben will, auch weil der CSU-Chef mehr Bundestagsmandate garantiert als Merz oder Laschet, muss Röttgen zum CDU-Vorsitzenden wählen. Unversehens kann es passieren, dass der Außenseiter zum nicht mehr nur heimlichen Favoriten mutiert.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF