Meldungen verdichten sich, dass zwar das Infektionsgeschehen nicht nachlässt, eher im Gegenteil. Die Tödlichkeit des Covid-19-Virus könnte aber abnehmen. Auch, aber nicht nur, weil unter den gezählten Infizierten mehr junge sind. Es wird mehr getestet, also mehr “Positive” gefunden. Ein weiterer Grund für abnehmende Sterblichkeit könnte sein, dass viele gelernt haben, die besonders Gefährdeten zu schützen – auch die Intensivstationen. Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich viele politische Fragestellungen.
Hier eine zusammenfassende Meldung zum weltweiten Infektionsgeschehen von Veronika Szentpetery-Kessler für Technology Review/heise. Christof Kuhbandner/telepolis behandelt den gleichen Gegenstand in ausführlicherer Form auf Deutsschland bezogen, und kommt zu dem radikalen Schluss “die epidemische Lage von nationaler Tragweite als beendet zu erklären und die einschneidenden Maßnahmen aufzuheben.”
Wenn er recht hat, sind Marcus Klöckner und Paul Schreyer/nachdenkseiten etwas spät dran. Sie bewerben Schreyers neues Buch „Chronik einer angekündigten Krise – Wie ein Virus die Welt verändern konnte“, das u.a. die Katastrophenübung “Event 201”, die das aktuelle weltweite Pandemiegeschehen geübt habe, behandelt. Es ist keineswegs nur vergossene Milch, denn aus dem beschriebenen Geschehen müssen natürlich politische Schlüsse gezogen werden.
Besonders hilfreich ist dabei in meinen Augen Steffen Lehndorffs/Blätter Blick auf die Strategie des berühmt gewordenen New Deal des vielleicht letzten wirklich grossen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Das ist mehr Blick in die politische Zukunft, statt nur in die Vergangenheit, weil die verheerendste Wirkung der Pandemie eine ökonomische Krise wird, die die damalige noch übertreffen könnte. Ich habe Ende der 80er Jahre mit dem Autor in Köln mal einen erstklassigen Pferdesauerbraten (direkt beim Metzger) gegessen. Damals zählte er zum “Reformerflügel” der DKP, der diese Partei kurz danach ähnlich geschlossen verliess, wie ich es 1982 mit politischen Freund*inn*e*n aus der FDP getan hatte. Mich überzeugte der Mann mit analytischem Scharfsinn und Mut zu visionärem Denken. Exakt das wird heute gebraucht.
Was dagegen überhaupt nicht gebraucht wird, ist die Konfrontationspolitik der globalen Grossmächte. Dmitri Trenin/IPG, Chef des Carnegie Moscow Center, erklärt die an die Wand gefahrenen deutsch-russischen Beziehungen, ein Symbol für den dramatischen Niveauverfall deutscher Aussenpolitik, die schon mal sehr viel weiter war.