“FinCEN-Files” – Geschäftsmodelle stehen gutem Journalismus im Weg
Vorweg, was alles gut ist. Wenn 200 Journalist*inn*en aus 70 Ländern (welche Verschwörungstheoretiker*innen haben nur wieder den Soros in den Wikipedia-Eintrag reingeschrieben?) sich zusammentun, um dem global agierenden Grosskapital hinterherzurecherchieren ist das gut. Und besser, als wenn sie gegeneinander konkurrieren und sich von Spindoktor*inn*en instrumentalisieren lassen würden. Wenn sie im konkreten “FinCEN”-Fall internationalen Grossbanken (inkl. der “Deutschen”) und der Geldwäsche krimineller Oligarchen diverser Länder auf die Finger gucken, und das damit verbundene Staatsversagen diverser Länder aufdecken, ist das gut.
Da die 200 Journalist*inn*en aus 70 Ländern schon genug auf sich, ihre Arbeit und ihre guten Seiten aufmerksam machen, möchte ich an dieser Stelle meinen Schwerpunkt auf Kritik legen.
Inwieweit haben die Journalist*innen geprüft, wer sie in wessen Interesse instrumentalisiert? Welchen Anteil an ihrer Recherche hat gezielte interessengeleitete Durchstecherei? Welchen Anteil hat eigeninitiative Recherche gegen interessengeleitete Widerstände?
Wie wird die journalistische Beute geschäftlich aufgeteilt? In Deutschland fällt auf, wie gross die Süddeutsche sich und ihren Anteil aufmacht. Ihre Printausgabe hatte gestern ein eigenes “Buch” zu dem Thema. Ihre Onlineausgabe hat die meisten Inhalte in ihrer Paywall eingemauert – Verkauf geht vor Aufklärung.
Das Onlinemagazin Buzzfeed, dessen deutsche Ausgabe vor kurzem von dem Grossverlagshaus Ippen aufgekauft wurde, spielt eine eigene Rolle, vielleicht durch seine frühere US-Konzernzugehörigkeit. Ippen ist bisher nicht durch Investigativjournalismus verhaltensauffällig gewesen, sondern ausschliesslich durch regionale Monopolbildungen. Der deutsche Buzzfeed-Chef Daniel Drepper hat dagegen einen guten Namen in der Branche. Ich kenne ihn noch aus gemeinsamen ruhrbarone-Zeiten.
Die angeblich mitbeteiligten NDR und WDR haben das Thema in ihrem Onlineangebot so geschickt verborgen, dass es auf der jeweiligen Startseite nicht aufzufinden ist. Gestern um Mitternacht versendete die ARD eine Dokumentation. 1,2 Mio. haben sie gesehen – das ist nicht Nichts, aber auch nicht politisch umstürzend. Im sekundenbruchteilkurzen Abspann entdeckte ich als Mitautor Georg Wellmann, den ich ebenfalls kenne und hochschätze, als Rechercheur des Köln-Bonner Filzes (Oppenheim, Josef Esch, Stadtsparkasse usw.).
Der Film ist in der Mediathek abrufbar; die ARD-Onlinepräsenz liefert Null Informationen zur Geschichte, Hintergründen und Entstehungsbedingungen des Films, wahrscheinlich um damit einen Bückling vor den Zeitungsverlegern zu machen, denen Online-Buchstaben “presseähnlich” und damit Anlass zu Zeter und Mordio sind. Ihr Geschäftsmodell basiert schliesslich nicht auf Informations- und Meinungsfreiheit, sondern ihrer Verknappung.
Die ARD-Doku enthielt für mich keine Neuigkeiten, sondern war eine (gute) Zusammenfassung alter allgemein zugänglicher, aber zuwenig bekannter Tatsachen. Insofern lobenswert, und besser als das meiste, was dieser Sender liefert. Ein Wiedersehen konnte ich mit meinem alten Bekannten Felix Sater feiern. Wäre auch überraschend gewesen, wenn dieser Vielfachagent hier nicht aufgetreten wäre. Unvermeidlich war wahrscheinlich auch – der zweifellos berechtigte – Anti-Putin-Spin.
Nur fehlten leider wichtige Geldwäsche-Akteure. Der arabische Raum war nur durch die Deutsche Bank vertreten. Bei ihr ist Katar Grossaktionär. Nicht vertreten sind die neuen Banker Donald Trumps, und strategischen Widersacher Katars (und des Iran): Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, kapitale Kriegsverbrecher im Jemen, und neue gefährliche Freunde der israelischen Rechtsregierung. Zu ihnen pflegt nicht nur Donald Trump gute Beziehungen, sondern gelegentlich liess auch Angela Merkel “Stabilitätsanker” Saudi-Arabien mit Panzern und Munition beliefern. Liegt das Weglassen daran, dass die ausgewerteten “geheimen Dokumente aus dem US-Finanzministerium” aus diesem selbst durchgestochen wurden?
Es muss irritierend für die bislang “westlichen” Zentren des globalen Grosskapitals sein, wenn einstige “Kommunisten” und arabische Kameltreiber sein System entschlüsseln, radikalisieren, clever adaptieren und zur allgemeinen Kenntlichkeit auf die Spitze treiben. So war das nun wirklich nicht gedacht …
Dass René Benko völlig unerwähnt blieb – liegt es daran, dass er im Vergleich auch nur ein kleines Würstchen ist? Geldwäsche in Immobilien … macht doch jeder, oder? Oder wie hat unser’ Omma ihr klein’ Häuschen finanziert?