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Wettbewerbsverzerrung

Ich darf ja hier nicht ĂŒber den 1. FC Köln schreiben (grins), also schreib ich ĂŒber Corona. FC-Fans sind ja ohnehin eine leidgeplagte Spezies, wahrscheinlich gibt es deshalb im linksrheinischen Rhein-Siegkreis, wo ich wohne, so viele. Wer seit Jahrhunderten mit Kappes und Brombeerwein sowie als Handwerker reich geworden ist – immerhin gehört die Region zu den wohlhabendsten NRW’s – kann sich die Fahrstuhlmannschaft als Maskottchen leisten und mit Gelassenheit ertragen. Das monatelange hin und her um Geisterspiele war ja schon schlimm genug. Aber was sich die Kölner Verwaltung am vergangenen Wochenende geleistet hat, toppt alles.  14,5 Stunden vor Anpfiff erfuhren Club, Spieler, und Zuschauer, dass es nu nix wird mit dem Wiedereinzug ins Stadion.

Weil die 7-Tage Zuwachsrate der Infektionen von Corona, deren Grenze auf 35,0 festgelegt worden war, sich der 34,8 nĂ€herte. 9.000 Zuschauer durften nicht ins Stadion, der FC verlor durch die ĂŒbliche Schusseligkeit in letzter Minute – aber egal: In Leipzig beim Zuckerwasserkapitalisten und in vielen anderen Orten durfte angefeuert werden.  Es habe ein Überschreiten der 35%-Marke gedroht, konnte man die OB Reker im “Stadtanzeiger” zur Rechtfertigung lesen. Wahrscheinlich haben alle “eine ArmlĂ€nge Abstand gehalten”, jedenfalls in Köln sank danach die Infektionsrate wieder, die Viren zogen sich aus Abscheu vor dem Spielergebnis beleidigt zurĂŒck. Das war also eine Absage in putativer Corona-Gefahr. Mal im Ernst: Was machen Politik und dieser Fußballkonzern DFL/DFB da eigentlich?

Waren die Geisterspiele der vergangenen Saison schon eine fragwĂŒrdige Angelegenheit mit teils ebenso fragwĂŒrdigen Ergebnissen – Fußball ist nun mal ein Sport, der wie Volleyball oder Handball ganz stark von der UnterstĂŒtzung der Mann/Frauschaft lebt, anders als Tennis, Golf oder Motorsport. Wie kann es da die ĂŒbliche Clique von FunktionĂ€ren zulassen, dass die Frage, ob ein Verein zu Hause UnterstĂŒtzung bekommt oder nicht, quasi dem seuchenpolitischen Zufall ĂŒberlassen wird? Das langweiligste Spiel des langweiligsten Clubs aus SĂŒddeutschland, dessen Name nicht genannt werden soll, lassen wir mal außen vor. Aber selbst Fans von “Du-weisst-schon-wem” haben ein Recht auf Gleichbehandlung. Was ist aber noch Chancengleichheit, wenn die Frage der UnterstĂŒtzung eine Frage der Corona-Infektionsindizes wird?

Schlimm genug, dass die Ungleichgewichte der Fußball-Bundesliga von Sponsoren-Despoten wie Mateschitz oder Hopp geprĂ€gt und die Hierarchien durch die zutiefst ungerechte Geldverteilung durch die DFL zementiert werden. Was zum Teufel ist der Grund, dass Du-weisst-schon-wer, Dortmund und Limonade Leipzig seit Jahren fast doppelt so viel Geld aus den Übertragungsrechten erhalten, wie die Vereine des unteren Drittels der Liga? “Wer hat, dem wird gegeben” sagt das KĂ€nguru bei Marc-Uwe Kling und charakterisiert damit die kapitalistischen MachtverhĂ€ltnisse. Mit Fairness und Chancengleichheit, einst Lernziel der Teamsportarten, hat das alles nichts mehr zu tun. “Raffe an Dich, was Du kriegen kannst und nutze rĂŒcksichtslos jeden sich bietenden Vorteil und sei er noch so unfair”,  ist die Botschaft der modernen Sozialisationsagentur Fußball.

Wie soll das alles bei steigenden Corona-Infektionen im Herbst und Winter weitergehen? Geisterspiele waren und sind schon zweifelhaft genug. Die Scheinöffnung der Stadien und die Zufallsvergabe von HeimunterstĂŒtzung machen den Bundesligafußball zur Farce. Mein Vorschlag: Die Ziehung der Lottozahlen wieder live ĂŒbertragen und dabei gleich die Bundesligaergebnisse mit auslosen. Ist genauso spannend und belanglos aber wahrscheinlich fairer, weil nur noch der Zufall entscheidet. Und das Geld fĂŒr die Übertragungsrechte stĂŒnde endlich wieder fĂŒr investigativen QualitĂ€tsjournalismus zur VerfĂŒgung.

2 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Mit “fragwĂŒrdigen Ergebnissen” meinst Du wahrscheinlich besonders dieses:
    https://www.fussballdaten.de/bundesliga/2020/34/bremen-koeln/
    Wenn Ihr da auf eine Anreise verzichtet hĂ€ttet, wĂ€re das fĂŒr den Infektionsschutz aller Beteiligten sicher das Beste gewesen, wĂ€hrend die die Sache verkaufenden Medien gezetert hĂ€tten. Und am GrĂŒnen Tisch hĂ€ttet Ihr nur ein 0:2 kassiert, § 14 Abs. 2:
    https://media.dfl.de/sites/2/2018/11/spielordnung-SpOL-2018-07-01-1.pdf

  2. Roland Appel

    Ja, aber war wohl nich gewollt – Timo Horn ist erst gar nicht mit nach Bremen gefahren…

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