… beleidigen und demĂŒtigen dĂŒrfen? – Nee, meint Claudia Roth, und ist damit nicht mehr allein
Alles beschleunigt sich. Da wissen viele MÀnner nicht mehr, wo ihnen ihr Kopf steht. Jahrtausendelang haben Frauen zu ihrem Besitz gehört. Schon als Kleinkind habe ich gelernt: was mir gehört, da kann ich mit machen, was ich will. So habe ich mir mit Legosteinen eine schöne Stadt gebaut, konnte aber auch jederzeit HÀuser zerstören, UnfÀlle bauen, oder widerspenstige Legosteine in die Ecke werfen (wenn meine Mutter nicht im Zimmer war). Und wenn es in irgendeinem Jahrhundert in irgendeiner Weltgegend anders war? Dann haben wirs nicht erfahren, denn die Geschichtschreibung war ebenfalls stabil in mÀnnlicher Hand.
Durchgelassen haben die geschichtsschreibenden MĂ€nner die Amazonen (griechisch), Cleopatra (römisch) und Brunhild (germanisch). Allen gemeinsam war: wenn sie von einem mĂ€nnlichen Helden mal so richtig … wie sagt mann? … ich nenne es mal: behandelt wurden, hatte der Mann wieder die Oberhand. Das muss sich irgendwie in der Evolution aufs Y-Chromosom geschrieben haben. Das beweisen herrschende Despoten bis hin zu ihren karikaturhaften Miniaturausgaben Merz, Lindner oder dem neoliberal-rechtsradikalen Tichy bis heute. Makaber aber wahr ist, dass auch linksradikale MĂ€nner ihren TestosteronĂŒberschuss nicht unter Kontrolle haben, sondern platt bis dĂ€mlich und definitiv sexistisch in ihre politischen Sprachbilder einfliessen lassen.
Neu ist, dass sie öffentlichen Gegenwind bekommen. Frauen verbĂŒnden sich ĂŒber Partei- und Mediengrenzen hinweg, sogar richtige MĂ€nner gesellen sich zu ihnen. Tichy ist quasi schon draussen, und Merz und Lindner, die sich beide schon mehrfach als Versager bewĂ€hrt haben, nageln selbst ihren Karrieresarg zu. Sicher gibt es Beispiele, aber sie wollen mir nicht einfallen, wann und wo das zuletzt so Ă€hnlich war. Die #metoo-Bewegung ist so wenig zuende, wie die Klimabewegung – im Gegenteil, es geht erst los.
Immer mehr Details der GeschlechterverhĂ€ltnisse mĂŒssen jetzt neu ausgehandelt werden. “Das haben wir immer so gemacht” wird sozial nicht mehr akzeptiert. Beleidigung, DemĂŒtigung, Gewalt, Misshandlung geht nur noch hinter geschlossener TĂŒr. Zuhause, in der eigenen Wohnung, ist es fĂŒr eine Frau am gefĂ€hrlichsten – sicherer ist es im Park, auf der Strasse, in der Öffentlichkeit. Was, wenn die Frau mit jemand darĂŒber spricht? Sich zu wehren beginnt? Mit anderen zusammenschliesst? Diese Gefahr, lieber Mann, wird gerade allgegenwĂ€rtig, und wir sind live dabei.
Die Sache mit der Beschleunigung. Ich bin ja als Slowfood-Mitglied eigentlich nicht dafĂŒr. Andererseits: wenn ich mich auf ein gutes Essen freue, kann es mir natĂŒrlich auch nicht schnell genug gehen. Es gibt nur ein Mittel gegen sie Sehnsucht, dass es schneller gehen möge: beim Kochen helfen, und immer wieder selbst probieren, ob es bereits gelungen und fertig ist. Was beim Kochen hilft, hilft auch in der Politik. Immer mehr junge Frauen tun es. Heute ist Freitag, Klimastreik, gehen Sie mal gucken, da ist es zu sehen, was kommt.