Selbstreferentielle Medien machen mir heute das Leben schwer
Versuchen Sie heute mal den Tag und den Abend ohne die US-Präsidentenwahl rumzukriegen. Sie werden scheitern. Was soll der Zirkus? Vor morgen früh – frühestens! – weiss sowieso keine*r, wer gewonnen hat. Wir werden also nicht nur stunden-, sondern tagelang von Medien besendet, die es auch nicht wissen. Ein Muster mussten gestern Abend die bedauernswerten Kolleg*inn*en von ZIB2/ORF abliefern: ein Terroranschlag in Wien, sie wussten auch nichts, mussten das aber den ganzen Abend und die ganze Nacht live senden.
Und heute morgen die “Überraschung”: es soll ein (oder mehrere?) IS-Arschloch gewesen sein, das den Sicherheitsbehörden “gut bekannt” war. Manche melden angesichts dieser skandalösen Tatsache sogar lobend, dass die Geheimdienste “lange gewarnt” hätten. Doch warum lassen sie ihre guten Bekannten laufen, am Ende Amok? Weil sie sich davon mehr Ressourcen versprechen? Dann wäre es Zeit für einen Politikwechsel.
Medienkritik und ihre Selbstreferentialität
Anne Fromm/taz lobt die Altpapierkolumne/MDR, zu deren regelmässigen Leser*inne*n ich auch gehöre. Fromms Problem, ihren Job als Medienredakteurin zu erklären, kann ich abhelfen: Medien sind Macht. Macht kommt ohne Medien nicht aus. Darum sind sie relevanter als so ein Friedrich-Merz-Waschlappen. Die gewachsene Unübersichtlichkeit der Medien hat – leider – an den Machtverhältnissen nichts geändert, lediglich die Namen der machthabenden Oligarchen. Wer Demokratie will, muss diese Macht kritisieren, bekämpfen, verändern. Das war so, und ist so geblieben.
Medienjournalist*inn*en leben mit Existenzangst: Stellen- und Etatkürzungen in kapitalistischen Konzernen wie in öffentlichen Anstalten. Angst breitet sich aus, Kritik wird als Angriff verstanden, kann also eingespart werden. In einem Altpapier-Gespräch von Jenni Zylka und René Martens mit den Grimme-Preis-Verantwortlichen Lucia Eskes und Vera Lisakowski wird das geschildert. Mit der Chefin der beiden Damen, Frauke Gerlach, habe ich viele Jahre in der Grünen NRW-Landtagsfraktion (gut) zusammengearbeitet. Sie ist keine Rampensau wie die meisten ihrer männlichen Vorgänger, aber für qualifizierte Menschen und die Führung eines komplizierten Betriebes hat Frauke ein gutes Auge.
Mediendiät
Heute werde ich mich also auf Mediendiät setzen, wenn die für Trump/Biden ihre Alltagsarbeit aussetzen. Borussia Mönchengladbach spielt schon am frühen Abend in der Ukraine gegen Donezk (Ukraine hat heute eine 7-Tage-Inzidenz von 125, also auch nicht gefährlicher als Bonn; es wird ohne Masken gespielt, körperloses Spiel wie in den 70er Jahren ist leider nicht mehr möglich). So ein Spiel schaue ich mir aus gesundheitlichen Gründen nie live in der Glotze an – ich kann ja nur ohnmächtig und wirkungslos nichtstun (anders als Fan im Stadion!). Danach weiss ich, ob die Champions League schon vorbei ist, oder doch ein bisschen losgeht. Dann gönne ich mir Die Anstalt, und dann gehts ins Bett, das neu erworbene Kissen testen. Um 7 weckt mich der Deutschlandfunk. Ob er dann schon weiss, wer gewonnen hat? Das erfahre ich dann früh genug.