Medien lieben Personalisierung und Polarisierung. Duelle sind das Grösste, wenn danach glorreiche Gewinner*innen und tragische Verlierer*innen identifiziert und ausgiebig durch den Wolf gedreht werden können. Darum war Lisa Inhoffen so enttäuscht (Paywall, ich habs am Schaufenster gelesen), dass die digitale Grüne Mitgliederversammlung am Freitag sich überhaupt nicht mit dem umgefallenen Sack Reis beschäftigen wollte, sondern lieber mit kommunalpolitischen Weichenstellungen. Sach- und Strategiefragen können kompliziert sein. Jedenfalls zu kompliziert für das Medienpublikum, das die Medienmacher*innen für zu dumm halten, um es ihm erklären zu können. Wer hier tatsächlich zu dumm ist, lasse ich jetzt mal offen.
In diesem Spannungsfeld bewegte sich gestern Nacht auch “Luisa”, ein Dokumentarporträt von Romy Steyer, das auf 3sat in der vielgelobten Reihe “Ab 18” lief. Viele Elemente erinnerten mich an die Friedensbewegung der 80er Jahre, in der ich ähnliche Arbeit leistete, wie sie in diesem Film zu sehen ist. Eine in kurzer Zeit gewachsene Massenbewegung so präsentieren, dass die was-mit-Medien-Leute was damit anfangen können, und nicht mit zuviel politischen Inhalten überfordert werden. Der Film zeigt Frau Neubauer bei der professionellen Bewältigung dieser Gratwanderung, und ausserdem einige weniger bekannte Leute, die ihr dabei helfen.
Was nicht zu sehen ist, und die was-mit-Medien-Leute nicht interessiert, weil es sie überfordert, ist die inhaltliche Arbeit, wie eine grosse Anzahl, eine kritische Masse, von Menschen sich damals zu Abrüstungs- und heute zu Klimaexpert*inn*en selbst schult und politisiert. Eine bessere Staatsbürger*innen*kunde gibt es nicht, und auch kein besseres Praktikum. Das ist es, was die Gesellschaft über die gezeigten Aktionen hinaus verändert und über lange Zeit politisch prägen kann. In ihrem Interview auf der 3sat-Homepage präsentiert die Regisseurin selbst, dass sie das nicht versteht, sondern nur die Oberfläche gängiger Schlagzeilen.
Neubauer macht einen guten Job, jedenfalls so weit er öffentlich sichtbar ist. Ein grosser Unterschied zu den 80ern ist die grosse Segmentierung und quantitative Vervielfältigung der Medienkanäle, die bespielt werden müssen. Da kann eine schon mal die Übersicht verlieren, und braucht darum viel Teamarbeit im Hintergrund.
Bin ich froh, dass ich aus dem Alter raus bin. Denn wenn ich was hasse, dann, wenn Strategieentwicklung und (kollektive) Reflektion unter medieninduzierter Hektik unter die Räder kommen. Wenn das passiert, ist es der Anfang vom Ende der eigenen politischen Souveränität und Steuerungsfähigkeit. Ebenfalls eine Gratwanderung, bei der Neubauer und ihre Freund*inn*e*n eine glückliche Hand und einen klaren Kopf brauchen. Ob sie selbst noch einen irgendwie gearteten Karriereweg sucht, wie gerne spekuliert wird, mag für ihre persönliche Entwicklung wichtig sein – für die politische Bewegung ist es eine Nebensache. Es spielt eine Rolle, ist aber nicht entscheidend für die Klimapolitik. Die ist grösser, viel grösser.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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