Trumps Wackelkandidaten – Die Südstaaten Georgia und North Carolina sind eigentlich fest in republikanischer Hand
Wie immer Donald Trump sich das Ende seines Wahlkampfs auch vorgestellt haben mag: Dass ausgerechnet Georgia und North Carolina zu den letzten Schauplätzen seiner Kundgebungen gehören würden, hat er noch vor wenigen Monaten wohl kaum für möglich gehalten. Die beiden Südstaaten gelten nämlich eigentlich nicht als Swing States. Seit Jahrzehnten waren sie (ziemlich) fest in der Hand der Republikaner. Aber in diesem Jahr kann sich das ändern. Und deshalb stehen sie zwar nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wie Florida oder Pennsylvania, können aber überraschend zu den berühmten Zünglein an der Waage werden.

In Georgia hat mit Bill Clinton zum letzten Mal 1992 ein Demokrat die meisten Stimmen bei Präsidentschaftswahlen gewonnen. Auch 1976 und 1980 gewannen die Demokraten, aber das war eigentlich ein Heimspiel: Der ehemalige Präsident Jimmy Carter ist ein Sohn des Bundesstaates. In North Carolina hat Barack Obama zwar 2008 gewonnen, aber schon 2012 war die gewohnte Ordnung wieder hergestellt, und der republikanische Herausforderer gewann. Wenn auch knapp.

Die Entwicklung hin zu möglichen Swing States ist nicht allein auf Donald Trump und Überdruss an seiner Politik zurückzuführen. In beiden Staaten ist der Zuzug von außen hoch, vor allem in Städten. Die Wirtschaft verändert sich von einer Agrargesellschaft hin zu einer, in der Produktions-und Dienstleistungssektoren eine größere Rolle spielen. Das zieht neue, andere Schichten an.

Sowohl in Georgia als auch in North Carolina bestehen übrigens gute Chancen auf demokratische Sitze im Senat. Deshalb ist nicht nur der Republikaner Trump, sondern auch demokratisches Spitzenpersonal – wie die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris – eilig noch einmal in diese Staaten gereist. Es bleibt spannend.

In Texas gibt es viel zu holen

Und zwar 38 Wahlleute für den Sieger. Und der könnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten Demokrat sein.

Der Ausgang der Wahl in Texas ist unsicher. Ernsthaft? Also in dem US-Bundesstaat, der wie kein anderer als Heimat reaktionärer Ölmagnaten und Großfarmer betrachtet und von riesigen Rinderherden und Baumwollfeldern geprägt wird?

Ja, ernsthaft. Auch Texas ist einer der Staaten, in denen ein Sieg der Republikaner nicht mehr als sicher gelten kann. Dabei gilt die Region seit je als Hochburg der Konservativen. Das war schon in den Gründungstagen des US-Bundesstaates so. Wenn man die sentimentalen Nebelkerzen wie den tapferen, blutigen Kampf für die Unabhängigkeit in diesem Zusammenhang mal weglässt – „Remember the Alamo!“ –, dann bleibt übrig: Texas ist 1845 den Vereinigten Staaten beigetreten, weil den Einwanderern aus Mexiko die Abschaffung der Sklaverei in ihrer alten Heimat nicht passte.

Inzwischen allerdings missfällt immer mehr Neuankömmlingen in Texas die konservative Grundrichtung ihrer neuen Heimat. Die Bevölkerung gehört zu den am schnellsten wachsenden in den USA, viele kommen aus dem liberalen Kalifornien. Der hispanische Anteil ist inzwischen fast so groß wie der weiße – Mexiko erobere sich Texas zurück, sagen Spötter.

Noch immer ist es eher unwahrscheinlich, dass Joe Biden in Texas gewinnt, zumal seine Ankündigung, sich mittelfristig vom Öl verabschieden zu wollen, dort nicht überall gut angekommen ist. Aber ausgeschlossen ist ein demokratischer Sieg hier nicht, Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Es geht um viel: 38 Stimmen von Wahlleuten sind zu gewinnen, mehr hat nur Kalifornien zu bieten.
Buhlen um Arizonas Frauen
Dass Präsident Trump den Bundesstaat im Wahlkampf kaum beachtet hat, könnte sich rächen

Kaum jemand schaut im US-Wahlkampf derzeit nach Arizona. Das könnte sich als Fehler erweisen. In Umfragen liegt Joe ­Biden vorn, und die Meinungsforschungsinstitute lagen dort 2016 mit ihren Prognosen besser als in vielen anderen Staaten. Allerdings ist der Vorsprung so knapp, dass eine Wette darauf riskant wäre.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die Republikaner um ihre Mehrheit kaum je sorgen müssen. (Ausnahme: Der Wahlsieg von Bill Clinton 1996) Zwar hat sich die Struktur der Bevölkerung in Arizona besonders stark verändert. Zwischen 1990 und 2015 stieg die Zahl der Latinos von 700.000 auf 2,2 Millionen, die meisten stammten aus Mexiko. Aber viele engagieren sich politisch nicht. Ihr Bevölkerungsanteil liegt inzwischen bei rund einem Drittel, ihr Anteil an der Wählerschaft jedoch nur bei 18 Prozent. Pech für die Demokraten, die in dieser Gruppe populärer sind als die Republikaner.

Ein anderer Trend jedoch droht Donald Trump gefährlich zu werden: Bei vielen Unabhängigen – die etwa ein Drittel von Arizonas Wählerschaft stellen und 2016 noch mehrheitlich für ihn gestimmt hatten – wächst die Kritik am Präsidenten, und auch in den weißen Vorstädten verliert er an Rückhalt. Vor allem bei Frauen. „Vorstadtfrauen, könntet ihr mich bitte lieb haben?“, hatte Trump kürzlich auf einer Kundgebung in Pennsylvania gefleht und behauptet, er sei der Garant ihres Lebensstils.

In Arizona verfing die Botschaft offenbar nicht, obwohl dort Umfragen zufolge die Angst vor Kriminalität höher ist als andernorts. Donald Trump hat Vertrauen verspielt. Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in Arizona könnte zu einer der großen Überraschungen von 2020 werden.
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Über den/die Autor*in: Bettina Gaus

Bettina Gauss ist politische Korrespondentin der taz. Von 1996 bis 1999 leitete sie das Parlamentsbüro der Zeitung, vorher war sie sechs Jahre lang deren Korrespondentin für Ost-und Zentralafrika mit Sitz in Nairobi. Ihre Beiträge sind Übernahmen von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.