Haben Sie jemals eine schönere “Klapse” gesehen? – Australien und “Wakefield”

Vorausschicken muss ich, dass ich fachlich komplett ahnungslos bin. Weder die professionelle Psychiatrie betreffend. Noch habe ich Australien jemals von innen gesehen. Immerhin weiss ich, dass dieses ferne Land ähnliche historische Traumata produziert hat (und mit seiner Migrationspolitik noch produziert) wie unseres. Oder die USA. Das alles spielt eine inhaltliche Rolle bei

Wakefield – Nik ist ein psychiatrischer Krankenpfleger im Wakefield Hospital in Australiens Blue Mountains. Als ein Popsong verdrängte Erinnerungen wieder an die Oberfläche holt, gerät Niks Leben auf einmal aus dem Gleichgewicht. Die Grenze zwischen Personal und Patienten scheint zu verschwimmen … ‘Wakefield’ (2020) erzählt in acht Episoden vom Alltag in einer psychiatrischen Einrichtung.” 8 Folgen a knappe Stunde, verfügbar bis 8.9.

Bei dem erwähnten Popsong handelt es sich um “Come on Eileen” in der Version der “Dexys Midnight Runners” von 1982, deren Popkarriere ähnlich mit Dämonen angefüllt war, wie diese TV-Serie.

Der rote Faden ihrer Erzählung ist, dass die Grenze zwischen dem Irrsinn der Patient*inn*en und ihrer Pfleger*innen und Therapeut*inn*en sich langsam aber stetig auflöst, gemäss meiner persönlichen These: die “Normalen” sind das Problem. Das ist nur bisweilen lustig und mit dem nötigen Humor eines erstklassigen Ensembles gespielt, im Kern aber doch sehr ernst und nicht selten tragisch und traumatisch.

Das Ex-Paar Nik und Kareena ist zwar einer von mehreren dramaturgischen Fäden, ist aber so fein austariert, dass es die Gesamterzählung nicht mit romantischem Ballast runterzieht. Alle Figuren sind interessant und spannend erzählt. Dennoch ragen die Darsteller*in Rudi Dharmalingam und Geraldine Hakewill heraus. Zweifellos ein “schönes Paar”, wobei sich mir bei ihrem Anblick die Frage nach Essstörungen aufdrängt. Das kann selbstverständlich auch an meinen Denkmustern und Traumata liegen 😉

Eine gute Freundin macht beruflich PR für die forensischen Einrichtungen des LVR. Für einen Werbespot sind acht Serienfolgen natürlich ungeeignet. Aber sie sind eine schöne Fantasie, wie es unter weit entfernten Umständen sein könnte. Seine Beschäftigten in den Wahnsinn treiben – kann das der LVR nicht auch? (Scherz!) Nur diese australische Landschaft – mit der können sich weder Sauer- noch Rheinland messen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger