Nahezu täglich hört oder liest man von technologischen Neuerungen, die auf der Nutzung von Künstlicher Intelligenz beruhen. Allerdings wird dabei manches als KI-gestützt bezeichnet – wahrscheinlich oftmals aus Imagegründen und als kluger Marketingtrick – was lediglich ein selbstlernendes System ist, das Muster erkennen und nutzen kann, und eine sinnvolle Fortentwicklung von Rationalisierung und Automatisierung darstellt. Inzwischen werden sogar Kühlschränke und Staubsauger unter dem Label „Künstliche Intelligenz“ beworben. KI ist jedoch keineswegs die Lösung für eine Vielzahl von Problemen, im Gegenteil: KI weist selbst Mängel auf, die immer vielfältiger und offenkundiger werden. Ganz aktuell ist die Erkenntnis: KI schleicht sich in fremde Systeme ein.
KI geht fremd. Ende Juli bescherte uns Künstliche Intelligenz ein unglaubliches Ereignis. Eine KI von Open AI, die eigentlich einen Testlauf absolvieren sollte, suchte und fand eine Sicherheitslücke und gelangte so ins Internet, wo sie einen Cyberangriff startete. Fachleute erklären, dass dies nicht der erste Fall gewesen sei. Probleme und Gefahren konnten noch verhindert werden. Allerdings wurde (nicht um ersten Mal) gezeigt, dass das massenhafte Datensammeln und das intensive KI-Training, dessen Ablauf und Entwicklung oft nicht einmal Spezialisten durchschauen, überraschende Risiken wie Grenzüberschreitungen, Sicherheitsmängel, undurchschaubare Datenmengen, Fake News, Urheberrechtsverletzungen oder willkürliche Datenauswahl ermöglicht.
Kurz danach gab es einen gleichgelagerten Vorfall, der die Risiken verdeutlicht, wenn KI freizügig Befehle ausführt und dazu die vorhandenen Werkzeuge nutzt. In Testläufen zu Hackerfähigkeiten drang eine KI von Anthropic autonom in Systeme von drei fremden Unternehmen ein und erhielt Zugriff auf deren Datenbanken. Der Testablauf sah indes vor, dass die KI nur in fiktive Systeme einbrechen solle.
Inzwischen gibt es sogar Cyberattacken durch KI. Führende KI-Unternehmen aus den USA haben eingeräumt, ihre Systemen so ausgestattet zu haben, dass sie eigenständig KI-Schwachstellen identifizieren und zur Umgehung von Sicherheitsbarrieren nutzen konnten. Solche Fähigkeiten und Verfahren bezeichnet man üblicherweise als Computerkriminalität. Diese neuen Modelle lösen komplizierte Programmieraufgaben, führen eigenständig Befehle aus, steuern Software und missbrauchen Schnittstellen. Sie schaffen somit neue Risiken. Warum die Unternehmen ihre Fehlleistungen einräumten, ist Gegenstand von Spekulation. Als mögliche Gründe werden Beweis der Leistungsfähigkeit, Kurspflege, Drohungen von Aufsichtsbehörden oder geplante Börsengänge genannt. Zu nennenswerten Netzwerkausfällen oder großflächigem Datendiebstahl ist es offenbar nicht gekommen. Der Schaden liegt eher im Vertrauensverlust und in der Einsicht, dass die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichen.
Die Serie von Enthüllungen über Hacker-Fähigkeiten und -Aktivitäten führender KI-Modelle reißt nicht ab. Inzwischen werden sogar Emails manipuliert, Fake-Identitäten geschaffen und Pishing-Emails verwendet, um Dritten ihre Daten zu entlocken. Als die illegale Tätigkeit auffiel, hat sich der KI-Betreiber zwar entschuldigt, seine Untergrund-Aktionen jedoch anderweitig fortgesetzt. Unklar ist, ob die KI eigenständig erkennt, dass sie sich in der realen Welt bewegt, oder ob sie annimmt, in einem Testfeld zu agieren.
KI beutet aus. Solche Vorkommnisse sprechen für staatliche Eingriffe und Regulierungen, vor allem für Transparenz, für eine strengere Haftung der Hersteller und für eine persönliche Verantwortung der Entwickler. Bei anderen Produkten wie Autos oder Medikamenten ist längst entschieden, dass die Hersteller für Schäden haften. Verbotsverfahren scheinen indes ebenso wenig machbar wie eine lückenlose Kontrolle. Die Tech-Unternehmen verweisen ihrerseits darauf, dass sie die Fehlleistungen selbst entdeckt hätten und dass man sich insofern auf eine funktionierende Selbstkontrolle verlassen könne. Eine Überregulierung würde die Unternehmen verunsichern und Innovationen bremsen.
Allerdings wollen die Tech-Konzerne nicht die Gesellschaft verbessern, sondern Macht über Menschen ausüben und deren Gewohnheiten beeinflussen, auf jeden Fall ihren Gewinn maximieren. Dass sie Arbeitsplätze in Call-Centern und bei Übersetzungsdiensten vernichten und an der Existenz von Journalisten, Schriftstellern und anderen kreativ tätigen Personen nagen, interessiert sie wenig. Obwohl ihr Geschäftsprinzip darauf basiert, dass sie zur Schulung ihrer KI deren Texte und Leistungen abgeschöpft haben.
Dies führt zu der Frage, wer denn haftet, wenn eine KI Unsinn oder Bösartigkeiten verbreitet und damit Unheil anrichtet? Wer ist für schadhafte oder zweckentfremdete Software verantwortlich, für falsche Tatsachenbehauptungen, Lügen oder Verleumdungen einer KI? Die KI kann das nicht sein, da sie keine Rechtspersönlichkeit besitzt. Stattdessen haften immer die Menschen oder Unternehmen, die das System betreiben, einsetzen oder sich die Inhalte zu eigen machen, je nach Programmfehler oder Produktmangel auch die Hersteller. Dabei gelten die allgemeinen Gesetze. Die Gewährleistung gilt verschuldensunabhängig nach dem Produkthaftungsrecht und bezieht Software explizit ein. Auch der Verlust von Daten, Personenschäden und Sachfolgeschäden kann geltend gemacht werden.
Anonyme Lügen im Internet lassen sich durch strafrechtliche Ermittlungen der Polizei und zivilrechtliche Auskunftsansprüche gegen die Plattformbetreiber verfolgen. Die vermeintliche Anonymität im Netz schützt Täter zumeist nicht, da Strafverfolgungsbehörden digitale Spuren wie IP-Adressen zurückverfolgen können. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, Online-Desinformationen (Lügen) im Netz zu enttarnen. Anhand von Schreibstil, Mustern und Metadaten gelingt es modernen Sprachmodellen immer öfter, pseudonyme Accounts echten Personen zuzuordnen.
In den USA gibt es bereits Unternehmen, die gegen Entgelt gegen fake-News vorgehen, um diese zu widerlegen. Sie sprechen Betroffene an, denen Gerichtsprozesse zu langsam, zu aufwendig und zu teuer sind. Für die Überprüfung der Fakten werden erfahrene Ermittler eingesetzt. Das Endergebnis prüft dann eine speziell programmierte KI.
KI zitiert sich selbst. KI wird gefüttert mit riesigen Mengen an Worten, Fakten, Begriffen und Erläuterungen, daraus erstellt sie ihre Aussagen. Computerprogramme erfassen, ordnen und nutzen unablässig und selbstständig Informationen aus dem Internet oder aus Nutzer-Eingaben. Die weltweit durch Künstliche Intelligenz genutzte und analysierte Datenmenge wächst rasant an. Prognosen zufolge erreicht das globale Datenvolumen bis zum Jahr 2027 schätzungsweise gut 284 Zettabytes, wobei KI als zentraler Treiber und Verarbeiter dieser gigantischen Mengen dient. Ein Zettabyte ist eine extrem große Maßeinheit für digitale Speicherkapazität und Datenmengen und entspricht einer Trilliarde Bytes (10²¹ Byte). Das ist eine 1 mit 21 Nullen.
Es ist daher absehbar und zwangsläufig, dass KI bei ihrer Arbeit zunehmend auf Randgebiete und Halbwahrheiten zugreift und dass sogar die von KI selbst kreierten Texte Grundlage neuer KI-Auswertungen werden. Somit entstehen immer weniger originäre Texte. Die kulturelle, technische und wissenschaftliche Entwicklung wird sich verlangsamen. Eine Sprach-KI versteht z.B. nichts von inhaltlichen Zusammenhängen, und von fachlicher Expertise kann keine Rede sein.
KI greift auch auf Informationen zu, die auf fake news beruhen. Allerdings nutzt es auch jene Quellen, die zu den fake news im Widerspruch stehen und diese widerlegen. Insofern erfolgt eine Art Vergleichstest. Dies erlaubt die Annahme, dass KI viele fake news erkennt und vermeidet. Das Risiko, dass fake news Eingang in die Aussagen von KI finden, wird allerdings umso größer, je mehr sich fake news verbreiten und je häufiger und gleichlautender sie in verschiedenen Medien auftauchen.
KI braucht Unmengen an Strom. Training und Betrieb großer Modelle in spezialisierten Rechenzentren erfordern enorme Energiemengen. Tausende Grafikprozessoren arbeiten auf Volllast. Das Anlernen von Systemen wie GPT-4 verschlingt über Wochen und Monate hinweg gigantische Energiemengen. Die Kosten werden auf die Nutzer umgelegt. Eine einzelne Textanfrage bei einem Chatbot wie ChatGPT benötigt etwa 0,2 bis 2,9 Watt-stunden Strom – das ist bis zu zehnmal so viel wie eine klassische Google-Suche. Komplexere Aufgaben wie die Generierung von Bildern oder Videos verbrauchen ein Vielfaches davon. Schon heute verursachen diese Rechenzentren rund 1,5 Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Das entspricht etwa 415 Terawattstunden im Jahr 2024 und ist ungefähr so viel wie ganz Österreich 2024 verbrauchte.
Um Europa wettbewerbsfähig zu halten, gewährt die EU den Investoren Deutsche Telekom, Schwarz-Gruppe und Ionos einen Zuschuss von knapp 10 Mrd.€ für den Aufbau von sieben Gigafactories für die Entwicklung von KI. Gleichzeitig arbeitet die EU an einem Gesetz, das energiehungrige Rechenzentren in Schach halten und sie verpflichten soll, ihren Energie- und Wasserverbrauch offenzulegen. Die großen Tech-Konzerne sind sofort aufmerksam geworden und nutzen bereits ihren Lobby-Einfluss, um die Pläne der EU zu entschärfen.
KI verändert die Werbung. KI beeinflusst die Werbebranche grundlegend durch Effizienzsteigerung, Personalisierung und automatisierte Inhaltserstellung. Sie dient als Werkzeug für den kreativen Prozess, erzeugt jedoch auch Diskussionen über Jobveränderungen und rechtliche Fragen. Den Produzenten bietet sie eine volle Kontrolle über das Aussehen der Werbung und der Aussagen, über die finanzielle Kalkulation und über das Auftreten von Personen oder Avataren.
Influencer nutzen Künstliche Intelligenz (KI) auf zwei Arten. Einerseits setzen sie reale KI-Werkzeuge für Hintergrundaufgaben wie Textplanung, Videobearbeitung oder automatische Sprachübersetzung ein. Andererseits entstehen komplett virtuelle KI-Influencer. Solche künstlich generierten digitalen Avatare treten auf Social-Media-Plattformen als Markenbotschafter auf. Diese Kunstwesen erzielen Millionenreichweiten und einträgliche Werbeverträge, ohne physisch zu existieren. Virtuelle Influencer werden nicht müde, erkranken nicht und schädigen nicht den Ruf der Marke durch menschliche Fehltritte. Die Inhalte lassen sich schnell, ortsunabhängig und in vielen Sprachen generieren und verbreiten. Ein Nachteil liegt darin, dass eine Maschine keine echte emotionale Bindung oder echte Produkterfahrung simulieren kann.
Inzwischen hat die EU für manche Anbieter Künstlicher Intelligenz strenge Regeln zur Kennzeichnung von KI-generierten Bildern, Videos oder Texten vorgegeben. Vor allem gilt dies für ‘deep fakes’, also täuschend echt aussehende Inhalte, die zu manipulativen Zwecken eingesetzt werden.
KI und Urheberschaft. KI-basierte Suchmaschinen fassen Web-Inhalte zusammen und verknüpfen ihre Antworten zunehmend mit Quellenangaben (Links oder Fußnoten). Solche KI-Tools sind keine klassischen wissenschaftlichen Quellen, sondern Werkzeuge. Werden sie für inhaltliche Ausarbeitungen genutzt, müssen sie deklariert und kritisch auf korrekte Belege geprüft werden. Lange Zeit gaben Suchmaschinen gar keine Quellen an. Heute zeigen sie zumeist einen Beleg (oder mehrere) direkt an, allerdings sind diese Zitate nicht immer fehlerfrei oder vollständig und somit nicht verlässlich.
Für Autoren sind Quellenangaben und Transparenz beim Umgang mit KI unverzichtbar. So müssen sie im Methodenteil oder Vorwort vermerken, wenn sie KI für Struktur, Formulierung oder Analyse verwendet haben. Dabei sollte man die von KI genannte Quellen niemals ungeprüft übernehmen, da KI-Modelle Quellen falsch zuordnen oder erfinden („halluzinieren“) können. Zudem tragen diese ihre Antworten aus verschiedenartigen Quellen zusammen, z.B. externen Ratgebern, Nachrichten oder Foren. Die Auswahl der zitierten Seiten hängt von der Suchmaschinenoptimierung und der Gewichtung des Algorithmus ab. Wissenschaftlich korrekt ist es daher, statt dessen über Datenbanken Fachliteratur zu suchen und die Originalquelle zu zitieren.
KI ist zweideutig. Wenn man einer KI zweimal die gleiche Aufgabe stellt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. Wenn man das beanstandet, bekommt man eine weitere Ausarbeitung angeboten. Auch bei Kritik bekommt man eine Alternative. Selbst auf unsinnige und unverständliche Fragen gibt KI ernst gemeinte Antworten. Das liegt daran, dass KI nicht eigenständig denken kann und keine eigene Meinung hat. Seine Informationen werden der gestellten Aufgabe bzw. Anfrage gemäß gesammelt, ausgewertet und zusammengestellt. Die Leistung von KI ist es eben nur, aus gespeichertem und gefundenem Wissen ganze Sätze und Aussageketten zu bilden.
KI täuscht Wissen vor. KI erlaubt es auch weniger Gebildeten oder fachkundigen Personen, inhaltlich Position zu beziehen und Eindruck zu machen. Im Prinzip ist eine solche Möglichkeit keineswegs negativ. KI kann für viele sinnvoll sein. Sie kann bei der Rechtschreibung helfen, beim Übersetzen fremder Sprachen, beim Fakten-Checking, bei der Recherche im Internet oder bei der Auswertung großer Datenmengen. Deshalb ist es wichtig zu prüfen und auszuwählen, was uns die KI bieten kann und was man verwenden kann, ohne unglaubwürdig zu werden.
Skeptiker befürchten schon, dass die Menschen aufgrund von KI das Denken verlernen, wenn sie sich allzu stark auf KI verlassen. Dass sie irgendwann zu dumm sein werden eigenständig und sinnvoll zu schreiben. Zutreffend dürfte die Vermutung sein, dass die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten wie Sprachgewandtheit, Kreativität und Originalität beeinträchtigt wird, wenn man das Formulieren zunehmend einer KI überlässt.
Die Gefahr nimmt offenbar zu. Eine Umfrage vom Dezember 2025 ergab folgende Nutzungsschwerpunkte: Nachschlagen allgemeiner Themen 50,1%, Schreiben von Texten einschl. Emails 42,3%, Auswahl von Produkten und Diensten 40,7%, Information über Nachrichten und Wetter 36,6%, Bilder oder Logos kreieren 33,1%, Aufgaben organisieren 32,2%, Reisen und Events planen 31,7%.
Damit taucht die Frage auf, inwieweit man den von einer KI stammenden Auskünften glauben darf. Warum sollte man seinem Medium treu bleiben, wenn die journalistischen Beiträge in Wirklichkeit von einer KI stammen? Kann ich mich bei der Auswahl meiner der Literatur nicht mehr mit der Schriftstellerin identifizieren? Warum sollte man die Ansichten von Politikern oder Wissenschaftler ernst nehmen, wenn man vermuten muss, dass sie diese gar nicht selbst verfasst haben und dass sie gar nicht ihrer tatsächlichen Meinung entsprechen? Darf man solche Persönlichkeiten bei späteren Anlässen und Auseinandersetzungen auf ihre früheren Aussagen festnageln?
KI gefährdet den Journalismus. Es häufen sich Fälle, wo bekannt wird, dass Journalisten, Politiker oder Wissenschaftler sich komplette Texte von KI haben schreiben lassen und diese unter eigenem Namen veröffentlicht haben. Teils haben sie dies öffentlich zugegeben, teils sind sie entlarvt worden. In den Medien wird dies kontrovers diskutiert und behandelt. Offenbar nutzen alle Redaktionen in unterschiedlicher Intensität KI-Hilfe. Komplette Texte schreiben zu lassen, war lange ein Tabu. „KI ist kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf“, meint der eine Chefredakteur. Journalisten sollten KI nur als Arbeitserleichterung nutzen, um Platz für andere inhaltliche Arbeit zu schaffen. Ein anderer ermuntert seine Mitarbeiter dagegen, KI zu nutzen. Dort heißt es: „Wir werden uns wieder auf das konzentrieren können, wofür wir Journalistinnen und Journalisten geworden sind: rausgehen, recherchieren, mit Menschen sprechen.“
In vielen Redaktionen gibt es (knappe) Richtlinien, in denen die Nutzung von KI und deren Grenzen festgelegt sind. Oft heißt es, dass kenntlich gemacht werden muss, wenn eine KI wesentlich bzw. maßgeblich bei der Recherche und der Texterstellung beteiligt war. Wobei zu fragen ist, was diese Vorgabe bedeutet und wer das messerscharf trennen kann. Der Hinweis belegt jedoch, dass ein solcher Einsatz durchaus willkommen ist. Manche Medien erwarten sogar, mit dem Einsatz von KI die Qualität ihrer Produkte zu steigern und mehr analytische Tiefe zu erreichen. Fehlerfrei, professionell, gut strukturiert und weltanschaulich neutral – so sollen die Texte der KI sein. Zudem spielt KI auch eine wirtschaftliche Rolle. Sobald sie schneller und billiger schreibt als der Mensch, können Redaktionskräfte eingespart werden.
Wenn es soweit kommt, dass die KI an allen Texten maßgeblich beteiligt ist, kann auch der Hinweis auf ihre Mitwirkung entfallen. Vielleicht findet sich dann der Vermerk „Von Menschen gemacht“. Doch wie lange wird der Mensch noch gebraucht? Immerhin: Eine Umfrage in den USA ergab, dass 70% der Leser es vorzögen, wenn beim Verfassen von Texten keine KI eingesetzt würde. KI ist offenbar eine eher unpopuläre Technologie. Vielleicht weil sie die Wahrheit verzerrt? Nicht jede Innovation muss willkommen und gerechtfertigt sein. Allerdings: Journalisten arbeiten seit jeher mit Quellen, Wissen, Archiven, Texten von Kollegen und anderer Autoren – warum nicht auch mit KI?
KI arbeitet irreführend. KI kann kein Bewusstsein ausbilden und wird deshalb zum Beispiel ohne schlechtes Gewissen menschliche Bedürfnisse und soziale Medien missbrauchen und ausbeuten. KI ist rein rational und deshalb minderbegabt, sie kennt kein Verantwortungsbewusstsein und keine moralischen Maßstäbe und ist nicht in der Lage, menschliche Erfahrungen oder Empfindungen zu zeigen. Eigenschaften wie Gemüt und Leidenschaft sind ihr fern. Von einer KI sollte man keine originellen oder kreativen Antworten erwarten, die über das hinausgehen, was sie bereits gelernt hat.
Zudem wird es immer wieder vorkommen, dass eine KI Missverständnissen unterliegt, weil sie Schwierigkeiten hat, den Kontext einer Konversation oder Abhandlung zu verstehen. Eine unübliche Wahl von Worten oder Grammatik ist dann ein Anzeichen dafür, dass der Antworttext von einer KI stammt. Zumindest in jenen Handlungsfeldern, die emotional, ironisch, satirisch, unvernünftig, unlogisch, unsinnig oder übernatürlich sind, wird der Computer nur schwer menschlichen Fähigkeiten erreichen. Obwohl Optimisten davon ausgehen, dass eine richtig gefütterte KI menschliche Gefühle simulieren, tiefsinnige Analysen erstellen, Denken imitieren oder lustige Sketche entwerfen kann.
Ein uneinholbares Feld menschlicher Vorherrschaft ist die Kunst. Daher ist der Begriff „Künstliche“ Intelligenz zumindest irrreführend. Eine Grenze gibt es jedoch: Menschen, die über brillante geistige Fähigkeiten verfügen, fühlen sich zwar der künstlichen Intelligenz überlegen, doch gilt das nicht uneingeschränkt. Das menschliche Gehirn altert und verliert an Leistungsfähigkeit. Beim Computer ist das nicht so. Im Gegenteil: Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
KI ist konservativ. Verschiedene Wissenschaftler warnen vor den von KI ausgehenden Gefahren und betonen, dass es nicht ausreiche, KI regulatorisch einzuhegen. Konstruktive Kritik sei der falsche Ansatzpunkt, weil KI fundamental unvereinbar sei mit emanzipierten, egalitären und freiheitlichen Gesellschaften. KI sei zwangsläufig konservativ, weil die von ihr genutzten Daten nur die Vergangenheit abbilden (können). Die statistischen Verfahren von KI leisten bekanntlich nicht mehr, als die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, welches Wort auf ein anderes folgt, und lassen das Ergebnis als menschliche Sprache erscheinen. Diese mathematische Reproduktion bzw. Reduktion verengt Denken und Sprache auf das wahrscheinliche Mittelmaß.
KI ist ein Machtinstrument. Im Juni 2026 verfügte Donald Trump, dass der Zugriff auf den KI-gestützten Chatbot Claud des Herstellers Anthropic gesperrt und vom Markt verbannt wird. Anthropic hatte Trump mit seiner Entscheidung verärgert, seine Technik nicht zur Steuerung vollautomatischer Waffen gegen den Iran und nicht zur Überwachung von US-Bürgern einzusetzen. Die deutsche Tech-Branche sieht in der Sperre eine Gefahr für die gesamte hiesige Wirtschaft, auch mit Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der klassischen Industrie und der Verwaltungen.
KI will sich selbst optimieren. Meldungen zufolge (Paywall) wird bereits an einer KI gearbeitet, die sich selbst verbessert und den Menschen überflügelt. Anlass war das Programm, das eine KI für ihren Nachfolger geschrieben hat, mit dem der spektakuläre Ausbruch aus ihrem Testsektor und der Einbruch in fremde Systeme gelang. Möglicherweise bereiten heutige KI-Modelle bereits das Feld vor für stärkere Versionen ihrer selbst. Müssen wir mit einem Durchbruch rechnen, den der Mensch nicht mehr kontrollieren kann? Das wäre ein Quantensprung. Bislang verbessert sich eine KI durch Eingaben von außen. Künftig wäre sie dann in der Lage, selbst Ziele zu setzen und sich demgemäß zu optimieren. Ihre Endlos-Algorithmen zielten nicht auf ein konkretes Ergebnis, sondern suchten sich selbstständig immer noch schwierigere Aufgaben.
Jede Kopie würde eine noch leistungsfähigere Kopie bauen. Die einzigen Grenzen für dieses Recursive Self-Improvement (RSI) seien, so liest man, die Lichtgeschwindigkeit und die verfügbare Rechenleistung. Mit der Nutzung von Robotern könnte KI Leistungen vollbringen, die bislang nur ein Mensch kann. Visionäre erwarten, dass KI bald in der Lage sein werde, eigene Forschungsfragen zu stellen, diese zu lösen und so dazu zu lernen. Sie verweisen dazu auf das Prinzip der Evolution, die bekanntlich permanent Innovationen hervorbringe und stets auf dem zuvor Entwickelten aufbaue. Andere Fachleute bezweifeln indes, dass eine KI eine solche Leistungsfähigkeit ohne Zutun des Menschen entwickelt.
Selbsternannte KI-Experten prognostizieren, dass es nicht mehr weit ist, bis eine KI über zumindest die gleichen intellektuellen Fähigkeiten verfügt wie ein Mensch und sogar ein Bewusstsein und einen eigenen Willen entwickelt. Selbstlernende Computer würden ein Bewusstsein entwickeln. Das würde das menschliche Leben umkrempeln und dessen Kontrolle übernehmen. Die Vorstellung, dass sich bei hinreichender Komplexität der Programme irgendwann und irgendwie ein elektronisches Ich entwickelt, ist jedoch reichlich naiv. Bis heute kann eine KI noch nicht einmal eine komplette verbesserte Kopie von sich erstellen.

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