Interview mit Dr. Axel Friedrich. Er ist Chemiker und Umweltexperte, ehemaliger Abteilungsleiter Verkehr im Umweltbundesamt und u.a. Sachverständiger und Projektleiter für die Deutsche Umwelthilfe e.V.

Herr Friedrich, die Verkehrsminister tun so, als wäre die Klimakrise gar nicht vorhanden und man müsse nur ein paar Flüsse ausbaggern und alles wäre in Butter. “Technische Lösungen”, wie Friedrich Merz und seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche so gerne sagen. Ist das so?

Alle Daten zeigen, dass die Trockenheit und die hohen Temperaturen durch den Klimawandel verstärkt werden. Hier rächt sich, dass die Staaten, auch Deutschland und die EU, nicht ausreichend Maßnahmen zur Reduktion von Klimagasen umgesetzt haben. Hier in Deutschland sind vor allem im Verkehrs- und Gebäudesektor unzureichende Minderungen erzielt worden. Und dies nicht nur von de jetzigen Regierung, sondern das reicht weit zurück.

Woher soll das Geld für Investitionen in die Infrastruktur kommen?

Unter anderem aus dem Verkauf von Klima-Zertifikaten. Deswegen sind sie ja als “Marktwirtschaftliche Lösung” erfunden worden. Es sind nicht nur Investitionen in die Infrastruktur notwendig, sondern viele Dinge könnten durch bessere Planung oder Beeinflussung von Handlungen erreicht werden.

Zur Zeit wird zum Beispiel noch viel Kraftstoff über die Flüsse oder auch mit Lkw transportiert. Diese Transporte entfallen bei einer rascheren Elektrifizierung des Verkehrs. Auch der Ersatz einer Ölheizung durch eine Wärmepumpe hat den gleichen Effekt.

Ein Binnenschiff entspricht 150 LKW, die nicht gar vorhanden sind, ebenso wenig, wie es ausreichend viele Fahrer:innen gibt. Und – wieso thematisiert niemand den erhöhten CO2 Ausstoß? Natürlich verbraucht ein Lkw pro tkm erheblich mehr als ein Binnenschiff und auch der Diesel für den Lkw muss hergestellt und transportiert werden. Aber das Binnenschiff kann viele Orte in Deutschland nicht erreichen. Auch muss der Lkw die Kraftstoffe verteilen: Das heisst, wir müssen der Verbrauch von solchen fossilen Kraftstoffen so schnell wie möglich auf null bringen.

Welche mittelfristigen Lösungen sind überhaupt realistisch?`Gibt es Schiffe, die mit Niedrigwasser besser umgehen können als herkömmliche?

Es wurde schon lange an Schiffen mit niedrigerem Tiefgang geforscht. Aber die sind teurer und wurden deshalb nicht gebaut.

Verkehrsminister Bilger will die Flüsse ausbaggern, Fahrrinnen vertiefen. Aber es fehlt doch offensichtlich am Wasser. Welche Rolle spielt denn neben der Trockenheit die Tatsache, dass Gletscher verschwinden und es offensichtlich am “Wassernachschub” fehlt?

Die Gletscher gehen zurück, die besonders im Sommer als „Reserve“ für den Wasserfluss dienen. Aber der letzte Winter war nicht trocken und es hat auch sehr viel geschneit. Die Ursachen liegen tiefer. Durch Begradigung von Flüssen und Bächen wird weniger Wasser zurückgehalten. Die Versiegelung trägt auch dazu bei. Das rächt sich jetzt in solchen heißen und trockenen Sommern. Es wird immer vergessen, dass auch die fossilen Kraftwerke über die Kühltürme stark zum Wasserverbrauch beitragen.

Welche umweltpolitischen Maßnahmen wären nötig, um die Ursachen zu bekämpfen, oder überhaupt erst anzugehen?

Die Aufzählung von effektiven Maßnahmen würden den Umfang des Interviews bei weitem sprengen. Natürlich müssen die Klimaschutzmaßnahmen beschleunigt werden. Aber das Zurückhalten des Winterniederschlages zum Einspeisen in trockenen Sommern müsste stark ausgebaut werden. Dies umfasst Maßnahmen, die man heute unter dem Begriff „Schwammstadt“ zusammenfasst.

Aber auch große Rückhaltebecken oder Talsperren sind nötig. Dies gilt auch im Hinblick auf den Hochwasserschutz. Als Konsequenz aus der Ahr-Katastrophe wurden zahlreiche Planungen entworfen, die alle noch nicht einmal im Ansatz begonnen wurden, umzusetzen, obwohl sie dringend erforderlich sind, um eine ähnliche Flut diesen Ausmaßes zu vermeiden.

Es darf in dieser Dürreperiode nicht vergessen werden, dass die Meere, und hier besonders das Mittelmeer, viel zu warm sind und dadurch viel mehr Wasser in die Atmosphäre gelangt. Mehr Wasser in der Athmosphäre bedeutet ein Vielfaches an Energie.  Und die kommt natürlich wieder als Regen, aber auch in Form von  Stürmen, Blitzen und immer heftigeren Niederschlagsereignissen herunter. Früher hat man vom „Jahrhunderthochwasser“ gesprochen, jetzt ereignen sich diese Niederschläge und Unwetter etwa alle 5 Jahre. Das sind doch recht kurze „Jahrhunderte!“

Wie bewerten Sie die gegenwärtige Jammerei der Chemieindustrie, der konventionellen Stahlindustrie und der Öl- und Gasbranche, Umweltzertifikate der EU “auszusetzen”?

Der Emissionshandel mit Klimazertifikaten ist ein zentrales Element der EU Klimaschutzpolitik. Wer hier Hand anlegt, muss sich klar sein, dass dies den Klimawandel beschleunigt. Auch wenn in Sonntagsreden immer wiederholt wird, dass man zum Klimaschutz steht.

Im Nahen Osten werden bereits heute Kriege ums Wasser geführt. Droht uns eine ähnliche Entwicklung in Europa?

Zum Glück werden die Konflikte um Wasser in Europa friedlich ausgetragen. Aber natürlich haben die Länder am Ende der Wasserkette schon Sorgen über die Wasserversorgung in einer solchen Situation. Zum Beispiel wird der Lago Maggiore mit Wasser aus der Schweiz gespeist und da ist zu verstehen, dass bei einem sehr niedrigen Wasserstand im See zwischen Italien und der Schweiz Verhandlungen gibt. Auch wenn man sich vor Augen führt, das die Po- Ebene das Zentrum der Landwirtschaft in Italien ist. Und die braucht in trockenen und heißen Sommern, vor allem für den Reisanbau Wasser!

Welche Folgen (Kosten) drohen Europa, wenn der Rückschritt in die 60er Jahre, der überall in der Umweltpolitik erkennbar ist, so weitergetrieben wird?

Es ist schon lange klar, dass Nicht- oder unzureichendes Handeln zu erheblich höheren Kosten führt. Aber diese Kosten liegen in der in der ferneren Zukunft. D.h. außerhalb der Reaktionszeit von Aktienbörsen. Es ist bisher nicht gelungen, solches Handeln über Einzahlungen in Zukunftsfonds abzubilden. Auch der „Klimafußabdruck“ von Reichen und Superreichen wird nicht „bezahlt“ und ausgeglichen. Alle sprechen zurecht von den Klimagasemissionen des Flug- und Schiffsverkehrs, aber wenn Superreiche mit Privatjets oder Superyachten um die Welt reisen, sind diese persönlich identifizierbar verursachten Klimagasschäden besonders gravierend.

Mir fällt ein altes Bild ein, auf dem ein Mann einen Brunnen baut, daneben ein Kind mit Puppe und ein Deckel mit der Aufschrift „Klimaschutz“. Und der Mann sagt, immer der Reihe nach: Erst der Brunnen, dann das Kind und erst dann der Deckel.

Wir brauchen den Deckel jetzt!

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Roland Appel:

Avatar-FotoRoland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net