Linke können Wahlen gewinnen. Bewiesen hat das, mehrfach, Bodo Ramelow. Er ist allerdings auch ein besonderer Fall. Ein zum Ossi konvertierter Wessi, dem das auch abgekauft wird. Weil er ein besonderer Fall von “ehrlicher Haut” ist. Das kommt beim Publikum (sehr) gut an, ist für seine Nahumgebung dagegen mit Sicherheit (sehr) anstrengend. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt, kenne nur seinen Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff aus der Entfernung, weil wir zu (sehr) verschiedenen Zeiten in die gleiche Politikschule (Jungdemokraten) gegangen sind. Gegenüber der ihm nicht feindlich gesonnenen Anna Lehmann/taz hat Ramelow sich geöffnet, und gibt uns Einblick in die objektiv vertrackte Lage, in die das Coronavirus verantwortungsbewusste Politiker*inneen fesselt. Das ist nicht beneidenswert. Ramelow und Hoff halten es nun schon seit 2014 miteinander aus. Das scheint zu passen – der bisweilen volkstümliche Wahlsieger und der akademisch geprägte mitdenkende Stratege. Es spricht für die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere, kompetenter Berater und beratbarer Chef, wenn sie das schaffen, ein mikrosoziales – und politisches! – Kunstwerk, wenn Sie es nur mal mit der Lage ihrer Partei vergleichen.
In der taz erschien auch eine dem Stalking ähnliche Eloge auf den Herrn Böhmermann. Ich hatte ihn schon in der Programmnische ZDFneo ernstgenommen. Die Nummer, die am Schreibtisch aufgeführt wurde, war im Kern immer exzellenter Journalismus seiner Autor*inn*en-Mann- und -Frauschaft. Das ist zum Glück geblieben. Bei Böhmi wenigstens erwähnt wurde, was in den meisten deutschen Medien kaum beachtet wurde: während sich hier viele Menschen, die sich für besonders kritisch halten, an dem Herrn Gates festbeissen, weil sie ohne Personifizierung zu politischer Analyse nicht imstande sind, schafft Gates’ Milliardärskollege, Gewerkschaftsfeind und Virusgewinnler Jeff Bezos Fakten, die Milliarden Amazon-Kund*inn*en scheissegal sind. Verschwörung? Nee, das ist schlichter: das sind Machtverhältnisse des real existierenden Kapitalismus.
Passender Kommentar von Küppi heute: “Selbst im Mutterland der entfesselten Profitgier sind die epochal neuen Medien an Grenzen gestoßen, wo Habsucht an den Selbstmord der Gesellschaft grenzt.” Er hat das nicht speziell auf Bezos gemünzt, sondern auf die Tatsache, dass die US-Politik, weit härter als die laffe EU und das lächerliche Deutschland, den Konzernen auf den Pelz rücken will. Für die relevante linke Biden-Konkurrenz innerhalb der US-Demokraten (Sanders, Warren) war das sogar ein Mobilisierungs-Hit.