Vorgerücktes Alter schützt vor Panik. Trotzdem erzeugt in mir eine Meldung der Agentur Reuters Unruhe:  “Belarus schaltet sein neu eingeweihtes Kernkraftwerk ab, um Ausrüstung zu ersetzen”
9. November (Reuters) – Belarus hat die Produktion in seinem neuen Atomkraftwerk, das am Samstag von Präsident Alexander Lukaschenko eingeweiht wurde, eingestellt, um einige seiner Anlagen zu ersetzen, sagte sein Energieministerium in einer Erklärung am Montag. Es sagte nicht, wann die Notwendigkeit, die Ausrüstung zu ersetzen, zum ersten Mal entdeckt wurde. Der litauische Netzbetreiber (TSO) Litgrid, 20 km von der Anlage entfernt, sagte, er habe am Sonntag einen Produktionsausfall in der Anlage bei 1000 GMT festgestellt.

Das Kraftwerk wurde vom russischen Staatsunternehmen Rosatom gebaut und von Moskau mit einem Darlehen von 10 Milliarden Dollar finanziert. Der Reaktor der Anlage mit einer Kapazität von 1.200 Megawatt (MW) befinde sich noch in der Anfangsphase des Betriebs und arbeite mit verschiedenen Leistungsstufen von nicht mehr als 500 MW, sagte das Ministerium. “Während der Tests … wurde die Notwendigkeit festgestellt, einzelne elektrische Messgeräte zu ersetzen”, sagte das Ministerium. “Der Austausch dieser Geräte wird in Übereinstimmung mit den technologischen Vorschriften … durchgeführt. Alle technologischen Systeme arbeiten normal”, fügte es hinzu. Litgrid sagte, dass das Kraftwerk am vergangenen Dienstag seinen Betrieb aufgenommen habe, wobei es zunächst mit 250 MW produziere, und am Samstag die Produktion auf 400 MW hochgefahren habe.  (Übersetzt mit Deepl)

Ostrowetz ist ein Prestigeobjekt der Wahldiktatoren Lukaschenko und Putin. Die Grüne Umweltpolitikerin Kotting-Uhl nannte die Inbetriebnahme des AKW “unverantwortlich”, eine unabhängige Genehmigungsbehörde hätte niemals den Betrieb genehmigt. Für mich ist der ganze Vorgang ein Déja Vu. Bilder der Atomkatastrophe von 1986 in Tschernobyl tauchen auf. Am Tag nach der Explosion war ähnliches Sonnenwetter wie am Wochenende, ich war mit dem Motorrad unterwegs. Erst vier Tage später kam häppchenweise die Wahrheit über die Explosion des Reaktorblocks 4 in der Ukraine ans Licht – dank Glasnost und Perestroika Gorbatschows.

Der größte Teil des radioaktiven Fallout von Tschernobyl ging damals in nördlicher Richtung nach Weissrussland, ein Viertel der Fläche des Landes wurde schwer verstrahlt. Als ich beim Empfang Johannes Raus für Lukaschenko als Grüner Fraktionsvorsitzender in der Staatskanzlei NRW 1998 neben einem Siemens-Manager saß, erzählte dieser von schrecklichen Verstrahlungen riesiger Waldgebiete in Belarus. Vom Leben der dortigen Landbevölkerung, vor allem den vielen alten Menschen, die auf verstrahlter Erde verstrahltes Gemüse anbauen und essen, im Wald verstrahlte Pilze sammeln. Am Ende des diplomatischen Mittagessens ließ Lukaschenko für alle Anwesenden weißrussischen Wodka ausschenken, um auf Ministerpräsident Rau einen Toast auszubringen. Wir schütteten den Inhalt unserer Gläser diskret in die Pflanzkübel auf den Tischen – entschuldigung, liebe Tischdekoration.

Ich bin nicht leicht zu beruhigen. Von Berlin aus, wo meine Tochter wohnt, sind es über Warschau mal gerade 1089 km bis zum AKW nach Ostrowetz. Von Bonn nach Tschernobyl waren es immerhin etwa 2.000 km. Ich empfinde es als bedrohlich. Und ich wundere mich, wie wenig beachtet wird, wie das alles dort abläuft.