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Ökozid

Ein Film über die ARD
War das ein Politikum? Weiss ich nicht. Das Positivste war aus meiner Sicht die überzeugende Arbeit der gecasteten Schauspieler*innen. Edgar Selge stellte anschliessend bei Maischberger ebenso absolut glaubwürdig seine persönliche Radikalisierung vor. Von so einem Mann können Politiker*innen noch viel lernen. Als langjähriger Medienpolitik-Beobachter bin ich professionell deformiert: ich sah in dem Film die Produktionsbedingungen deutschen Fernsehfilmschaffens. Und was ich da sah, gefiel mir nicht.
Wenn die ARD um 20.15 h einen Film zeigen soll, darf der sich zwar engagiert für das Gute einsetzen, darf aber nicht zu viel Böses, auf keinen Fall Irritierendes zeigen. Letzteres wäre auch nach 23 h noch kompliziert. Würde das ARD-Publikum das verstehen? Die Chefs des Senderkonsortiums halten ihr Publikum für extrem grenzdebil. Alle 15-30 Minuten muss der Stand der Filmhandlung für alle erklärt werden, damit sie folgen können. Gelegenheiten zum Klo- und Kühlschrank-Gang müssen eingebaut werden, ohne Wichtiges zu verpassen. Die ARD hat ja, zu ihrem eigenen Bedauern, nach 20 h keine Werbepausen.
“Ökozid” hat diese Bedingungen alle erfüllt. Die Programmdirektion wird einverstanden gewesen sein. Als Gegenstück zum klimapolitischen Bildungsfernsehen haben Drehbuch und Regie als Zückerchen für die Aufseher bei der Endabnahme eine irreale Merkel-Projektion in die Story eingebaut. In der Zeit, in der die Story angesiedelt ist, wäre Frau Merkel 80. Frau Eitner-Acheampong, die mir am besten als Proll-Mutter im in Köln-Chorweiler angesiedelten Blockbustaz gefallen hatte, ist im Film aber nicht auf 80 geschminkt, sondern auf Ähnlichkeit zur heutigen Merkel. Im Film hält sie dann ein politisches Plädoyer, als würde Merkel in ähnlicher Weise altern, wie Heiner Geißler es getan hat: vom Pazifistenbeschimpfer zum Attac-Aktivisten. Alles endet, selbstverständlich für die ARD, in einem Happyend-Gerichtsurteil: das gute Deutschland zahlt für die Armen, und USA und China sind die Bösen – hätten sich Selge, Kunzendorf, Tukur, Recht u.a. nicht wenigstens dagegen wehren können?
Wie die ARD sich die Zukunft vorstellt, ist in diesem Film daran zu erkennen, dass dort ein unveränderter Ingo Zamperoni, nur die Haare ein wenig künstlich gegraut, 14 Jahre später immer noch der gleiche Anchorman ist. Der Sender will sich so wenig verändern, wie die Politik es tut. Es scheint eine Viruserkrankung zu sein.
Update 19.11.: Gut 3 Mio. waren eine schwache Quote; knapp doppelt so viele haben sich beim ZDF-Verbrecherjagen ausgeruht, statt sich vom Klima beunruhigen zu lassen. Erst nachträglich las ich die Kritik von Oliver Jungen/FAZ, und wieder ist er – fachlich versierter – am nächsten an meiner Meinung dran.

1 Kommentar

  1. Roland Appel

    Ein mittelmäßiger Film hatte den Vorteil, das Thema zu aktualisieren. Die eingespielten fiktiven Bürgerkriegsszenen waren so überflüssig wie ein Kropf – denn jede politische uschreibung -z.B. zu faschisten und Klimaleugnern – blieb aus. Ärgerlich an der Diskussion bei Maischberger wie immer, weil die Gestgeberin schlecht informiert ist und kaum eingreift, wie sie den Autolobbyisten mindestens fünfmal von der Brennstoffzelle fabulieren ließ und kein einziges mal nachfragte, wieso das einzig verbliebene Brennstoffzellenauto aus Japan kommt und Daimler sein 2019 vorgestelltes Brennstoffzellen-Auto Wasserstoff-GLC zwar zur Serienreife gebracht, aber 2020 wieder eingestampft hat. Eben typisch halbherzig und nur nicht zu genau nachgefragt.

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