mit Update mittags
“Gott” und George bei Zeigler
Eine würdige Würdigung des verstorbenen Diego Armando Maradona gelang gestern Arnd Zeigler/WDR. Zu Beginn seiner Sendung schimpfte er über die Metadebatte derjenigen, die sich in den asozialen Netzwerken über die Trauernden belustigen. Ab Minute 20 machte er mit altem Archivbildmaterial die Magie spürbar, die von Fußballern wie Diego und dem ebenso zu früh verstorbenen George Best zu ihrer Zeit ausgegangen ist. Beide Genies verstarben exakt am 25. November – George vor 15 Jahren.
Die Verehrung der beiden hat selbstverständlich auch einen sehr nüchtern zu betrachtenden Kern. Ihre “überirdische” Rolle haben sie sich nicht selbst gegeben, sondern sie wurde von einem real existierenden globalen Medienkapitalismus geformt. Beide Spieler haben als Kinder und Jugendliche von diesem System nicht die hinreichend kritische Bildung erfahren, um nicht von selbigem durch den Wolf gedreht zu werden. Leicht widerständige, aber kaum elaborierte Symptome bei Maradona waren ja durchaus zu erkennen. Kleine und grosse materielle Annehmlichkeiten des Lebens haben es ihnen versüsst, nicht selten mit lebensverkürzender Überdosis. Gerecht ist was anderes.
Der Ball war ihr Freund
Update mittags: als ich mich nach diesem Eintrag wieder ins warme Bett zurückzog, bemerkte ich, wie sehr dieses Thema mich gedanklich weiterbeschäftigte, weit mehr als das AfD-Gebrabbel im DLF, das mich schon das ganze Wochenende wie ein Endloswerbeclip belästigte. Mir fielen zwei Genies aus meiner Gegend, dem Ruhrgebiet, ein, die es mit Typen wie Maradona oder Best hätten aufnehmen können, denen es aber aus gegensätzlichen Gründen nicht gelang.
Ein FAZ-Kommentar schreibt zur DFB-Talentförderung: “Wer mehr Genie will, muss mehr Wahnsinn zulassen.” Ist das die Lösung? Für Reinhard “Stan” Libuda gab es keine. Der Name “Stan” wurde ihm von Fans und Medien verliehen, weil er so ähnlich dribbele, wie Stanley Matthews, der zuhause von seiner Queen zum “Sir” geadelt wurde. Davon war Stan Libuda weit entfernt. Obwohl ihm im Volksmund eine Maradona vergleichbare Gottähnlichkeit – “An Jesus kommt keiner vorbei, ausser …” – zugeordnet wurde. Das beste Spiel seiner Karriere war ein profanes WM-Gruppenspiel 1970 (5:2 gegen Bulgarien) in Mexiko. Habe ich auf DVD, das war ein Ereignis, das Fanherzen höherschlagen liess. Doch im Leben nach der Karriere scheiterte Libuda noch katastrophaler als Maradona.
Sein Zeitgenosse Willi “Ente” Lippens, immerhin 15 Jahre älter als Maradona (und in oben verlinkter Zeigler-Sendung als Torschütze von RW Essen gegen Alemannia Aachen gewürdigt), aber bis heute weit fitter (auch im Kopf!), war und ist als Fußballer ähnlich bekloppt, changierte gewiss auch an Genie und Wahnsinn, kippte aber nie so katastrophal aus der Bahn. Weil er in den richtigen Momenten vor zu viel Berühmtheit zurückschreckte. Dafür hatte er ein längeres Leben und mehr Freundinnen und Freunde – als nur den Ball. Ein Vorbild für unsere Kinder und Enkel. Aber wer von denen kennt ihn?