Zitat Ursula von der Leyen: „Jede Generation in Deutschland hat einen Kanzler. Aus meiner Generation ist das Angela Merkel.“ Von der Leyen (Jahrgang 1958) hatte sich damals, im Mai 2013, Unterstellungen, Vermutungen und Gerüchten zu erwehren, sie wolle Merkel (Jahrgang 1954) vorzeitig ablösen. Ihre selbstverteidigende Analyse hatte einen wahren Kern. Adenauer, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder und Merkel prägten deutsche Zeitläufte. Oft entsprachen sie – mindestens vorübergehend – dem Zeitgeist. In ihren Kabinetten überwogen die Generationsgenossen. Freilich: Der Wahrheitsgehalt solcher Gesetzmäßigkeiten pflegt erst im Laufe von Amtsjahren erkennbar zu werden. Doch abwegig war es nicht, wie die heutige EU-Kommissionspräsidentin die Besonderheiten deutscher Kanzler umschrieb. Joschka Fischer hatte seinen Respekt vor dem Inhaber der Richtlinienkompetenz der Politik so formuliert: „Da laufen alle Kraftlinien dieser Republik zusammen.“

Bemerkenswert ist auch die Altershierarchie der deutschen Regierungschefs. Schier undenkbar ist hierzulande, was nun in den Vereinigten Staaten ansteht. Joe Biden ist fünf Jahre älter als Adenauer bei seinem Amtsantritt 1949. Zum zweiten Mal hintereinander wird in Washington ein Präsident vereidigt, der älter als sein Vorgänger ist. Die Kanzler in Bonn und Berlin hingegen waren stets jünger als ihre Vorgänger – ein Trend, der seit gut 40 Jahren immer deutlicher zutage trat. Schmidt war knapp zwölf Jahre älter als Nachfolger Kohl, dieser 14 Jahre älter als Schröder, der wiederum zehn Jahre älter als Merkel. Ein Zufall? Oder indirekte Folge dessen, was mit dem auf Schröder zurückgehenden Ondit „Kanzlerjahre zählen doppelt“ auch gemeint war? Deren physische und psychische Belastungen zehren Kräfte. Außer Adenauer schied kein Kanzler nach dem 70. Geburtstag aus dem Amt aus. Seit 1969 (Willy Brandt) waren sie alle – bei Amtsantritt – zwischen 50 und 60 Jahre alt. Bliebe es dabei, würde die Zeit über die Vertreter der Generation der Babyboomer – Laschet, Merz und Scholz – hinweggehen, die von Baerbock und Spahn aber noch nicht gekommen sein. Übrig blieben: Habeck, Röttgen und Söder. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Sind in Krisenzeiten wie diesen wieder alte weiße Männer gefragt? Oder im Gegenteil der Elan der Jugend? Mark Twain dazu: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Das gilt – einstweilen.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF