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“Was in der Welt passiert und was uns amüsiert, geschieht besonders in der Nacht.“ Wehmütig geht mir dieser Tage immer der Song durch den Kopf, den Elisabeth Flickenschildt alias Nelly Oaks, Wirtin der verräucherten Hafenspelunke „Mekka“ in Edgar Wallace unvergessenem London-Krimi „Das Gasthaus an der Themse“ singt.

Zum Ausbruch des Coronozäns hatte ich mir diese nächtlichen Spaziergänge angewöhnt. Doch wenn ich pünktlich um halb elf den Süden Kreuzbergs zu umrunden beginne, wird Nellys Lockruf jedes Mal neu Lügen gestraft: seit einem Jahr nur noch gähnende Leere.

Klar, die leere Stadt bei Nacht hat ihre Reize. Aber der Späti kann doch nicht das letzte Wort zum Berliner Nachtleben sein. Stolperte man früher an jeder Ecke über eine spontane Bottle-Party, in ein schummriges Etablissement oder in eine Jam-Session on the boardwalk, trifft man jetzt nur noch depressive Spaziergänger. Oder ein paar dunkle Gestalten, die zwar in dunklen Ecken lauern, aber doch nur auf ihren Smartphones herumdaddeln.

Immerhin, da hat Nelly Oaks recht: „Wer dunkle Wege geht, an Straßenecken steht, tut dies besonders in der Nacht!“ Leider tun das auch die Gassi-Geher, die ihrem Hasso letzte Gelegenheit bieten wollen, sich digestive Erleichterung zu verschaffen. In ihren schlammfarbenen Parkas wähnen sie sich unsichtbar wie Stealth-Bomber. Und im Schutze der Nacht fällt das schmutzige Geschäft, dem sie verschämt Vorschub leisten, nicht so auf.

Umso entzückter waren Mario und ich, als bei einem unserer letzten Midnight-Trotts plötzlich ein schneeweißes Mercedes-Ufo mit dunkel getönten Seitenscheiben neben uns bremste. Drei konturscharf rasierte Jungs pellten sich in schwarzen Trainingshosen, Kunstfell-Parkas und blendend weißen Sneakers aus dem Gefährt und verschwanden in Lichtgeschwindigkeit in einem Keller. Hallo! Was ging denn hier ab?

„Cafe Herzlos“. Auf diese Tarnung konnten nur besonders gerissene Unterweltler verfallen sein. Wir konnten nicht ausmachen, ob der unscheinbare Abgang zu einer Bar, einer Spielhölle oder einem Verschwörernest führte.

Das Versprechen auf nachtaktives Allerlei machte uns mutig, wir klopften. Vages Dämmerlicht im Hintergrund, süß waberte Aprikosenrauch aus der rissigen Holztür. Doch niemand öffnete.

Enttäuscht schlichen wir weiter. Auch das verführerisch violett illuminierte Ladenlokal auf der anderen Straßenseite erwies sich nicht als temporäre Lasterhöhle, sondern als mit Laken verhangenes Wohnzimmer, in dem drei apathische Matratzenbewohner auf Displays starrten.

Die vage Performance an der Straßenecke stellte sich als in Goldfolie gehüllter Nichtsesshafter heraus, der mit einer Flasche Wodka an den Lippen Stoßseufzer murmelte. Plötzlich tönte von den Höhen des Viktoriaparks chorischer Lärm. Nichts wie hin!

Wir wagten den Aufstieg über die spiegelglatte Serpentine. Auf den Bänken vor dem verrammelten Schinkeldenkmal hatten ein paar Verwegene ein DJ-Set aufgebaut.

Aus den Lautsprechern auf den Bänken zu Füßen des Schinkelkreuzes schrillte Bon Jovis „One Wild Night“. Davor loderte ein Lagerfeuer zum Coronaburn-out, umstellt von einem Schock Vermummter. Herrlich. Die Truppe hatte die Berliner Nächte seligen Andenkens noch nicht aufgegeben. Beseelt griffen wir zu der lauwarmen Sangría in Pappbechern.

Am Fuße des Feier-Bergs konnten wir sehen, wie ein blau-silberner Streifenwagen mit zwei maskenbewehrten Gesetzeshütern im Schritttempo den Berg umkreiste. Wie sang doch Nelly Oaks? „Von abends bis morgens tut sich so mancherlei, und wenn es hinterher in keiner Zeitung steht, merkt es auch nicht die Polizei.“
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.