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Publikumsverachtung

Die Verschwörung des Deutschlandfunks
Eine alte Verschwörungstheorie von mir geht so: der Deutschlandfunk hat in allen ARD-Radiosendern Agenten platziert. Die dringen dort beständig auf Programmreformen. Die bestehen aus Kostensenkung, und Beseitigung von allem, was zum Zuhören verleiten könnte. Die Hörer*innen sollen nicht zuhören, sondern nicht ab- oder umschalten. Sie dürfen also nicht gestört werden, sollen das Radio laufenlassen, und bloss nicht auf irgendeinen Gedanken kommen. Alle, die nach so einer Programmreform auf den Gedanken kommen, dass der Sender sie offensichtlich für doof hält, wechseln dann folgerichtig zum Deutschlandfunk (+ DLF-Kultur und Deutschlandfunk Nova). So geschieht es, langsam aber stetig, seit Jahren.
Der Unterschied dieses Senders zu den andern ist, dass dort jede Programmfarbe hartnäckig mit echtem Journalismus verbunden wird. Das ist teuer. Und die Senderleitung versucht ebenfalls beständig einzusparen. Sie zieht billige teuren Mitarbeiter*inne*n vor, arbeitet gerne mit Programmwiederholungen, Mehrfacheinsätzen des gleichen Beitrages in diversen Sendungen usw. Es wird aber – bisher – grundsätzlich nicht berieselt. Hier höre ich gelegentlich Musik, die ich sonst nie höre. Jazz von Karl Lippegaus erklärt zu bekommen, oder Woody Guthrie von Michael Kleff, das ist kaum zu übertreffen. Fast alle Klassikprogramme sind ebenfalls journalistisch begleitet. Und der Gipfel von allem ist die wöchentliche Lange Nacht – 3 Stunden am Stück Text und Musik zu einem Thema aus Politik oder Kultur.
Da bin ich nun schon seit einigen Jahren, und fühle mich gut versorgt. Darum habe ich zu den verzweifelten Abwehrkämpfen in anderen ARD-Sendern mittlerweile eine emotionale Distanz, allerdings keine Gleichgültigkeit. Was dort heute noch bekämpft wird, hat mich schon vertrieben: die Publikumsverachtung. “Wir” sind die cleveren Unternehmensberater*innen, und wir analysieren erbarmungslos realistisch, dass es da draussen von debilen Idiot*inn*en wimmelt, die grundsätzlich überhaupt nichts wissen, sondern ausschliesslich bespasst werden wollen. Das “beweisen” doch alle Marktuntersuchungen (die “wir” und unsere Geschwister im Geiste selbst gemacht haben).
René Martens/MDR-Altpapier hat mich darauf hingewiesen, und hier der Originalbericht des Klassikmagazins Van zu den kursierenden Moderations-Leitfäden (Vorsicht: die erlauben nur zwei Texte pro Monat frei zu lesen).
Sicher, das Altmedium Radio ist ebenso wie die Glotze, wachsender Medienkonkurrenz ausgesetzt. Nach den Hörbüchern (auf CDs, die Jüngeren kennen das schon nicht mehr), sind jetzt Spotify (ein Unternehmen mit den klassischen Verhaltensweisen einer Mafiaorganisation, Video 8 min) und Podcasts der heisse Scheiss. Die Radiosender sind jedoch auf dem Holzweg, wenn sie meinen, sie müssten jetzt genauso werden. Sie müssten sich selbst einer intellektuellen Anstrengung unterziehen: was unterscheidet meinen Radiosender vom heissen Scheiss? Wie vermeide ich, selbst als Sau durchs Dorf getrieben zu werden, und entwickle eigenes Standing, eigene Originalität? Ein Teil der Antwort sind die Leute, die jetzt schon für dich arbeiten. Früher wurde das “programmprägende Persönlichkeit” genannt. Ist sowas überhaupt noch erlaubt? Oder sind sie schon alle vertrieben worden ? Machen sie zuviel Ärger (zu alt, zu sperrig, zuviel Widerworte etc.)? Wer solchen Ärger loswerden will, ist auch bald den Rest los.
Hierhin ist schon wieder das Geld verschwunden, das dafür gebraucht würde: zum Durchfüttern nicht nur des notleidenden DFB, sondern auch des noch notleidenderen Telekom-Konzerns. Summen werden uns als Zahler*inne*n nicht verraten (s.o.: Publikumsverachtung). Sie sickern aber sicherlich in Kürze durch.

Ein Kommentar

  1. Michael Kleff

    Was Martin Böttger hier unter Bezug auf den verlinkten Beitrag von Hartmut Welscher beschreibt, ist keine neue Entwicklung. Doch auch das Programm des Deutschlandradios wird nicht immer „mit echtem Journalismus verbunden.“ Von 2011 bis 2013 hatte ich bei DRadio Wissen, heute Deutschlandfunk Nova, eine monatliche einstündige Musiksendung. Unter dem Titel „Weltlärm“ präsentierte ich damals Klänge rund um den Globus, meist unter politischen Gesichtspunkten ausgesucht, wie diese Beispiele zeigen mögen: „‚Nicht klagen – organisieren!‘ – Erinnerungen an Utah Phillips“, „‚Bury my heart at Wounded Knee‘ – Musikalische Erinnerungen an ein Massaker“ oder „Wo ist der Soundtrack? – Occupy Wall Street und die Musik“. Mit Beginn des Jahres 2013 wurde dann das Programm einem massiven Umbau unterzogen. Ziel: „Auffrischung des Programms“. Konsequenz: U. a. wurde Alan Bangs als Moderator vor die Tür gesetzt. Und auch meine Sendung wurde Ende 2013 gestrichen. Der damalige Programmleiter Ralf Müller-Schmid bat mich zum Gespräch und teilte mir mit, dass in seinem Plan, „ein anspruchsvolles themengetriebenes Jugendprogramm mit smarter Popmusik machen“ zu wollen, Sendungen wie meine keinen Platz mehr hätten. Denn Musik müsse sich selbst erklären. Die angestrebte jüngere Zielgruppe brauche keine Hintergrundinformationen. Ähnliche Entwicklungen gab es dann auch beim WDR, der das Ausscheiden seiner leitenden Redakteure in den Musikbereichen Folk und Welt dazu nutzte, diese Klangfarben ganz aus dem Programm zu streichen. Mein Glück war, dass ich mich 2015 altersbedingt rechtzeitig verabschieden konnte.

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