Diese Begriffsprägung von Jürgen Habermas verwendet der Professor für “Makrosoziologie” Steffen Mau in einem lesenswerten Interview mit der Berliner Zeitung. Der Mann hat ein waches Auge für die gegenwärtig sich tief eingrabenden zwischenmenschlichen Probleme. Aus Maus Sicht ist eine “eine größere Idee, ein(en) Zukunftsbegriff” gefragt, “damit man nicht nur das Gefühl hat, man wurstelt sich von einem Tag zum nächsten durch. Diese Idee muss einem das Gefühl vermitteln, es gibt einen Sinn und eine positive Richtung, sodass es lohnt. Und dann sind Leute auch bereit mitzumachen.”
Treffer! Doch leider ist das nicht lockdownkompatibel. Mau gibt selbst die Legende vom britischen National Health Service und “Sozialstaat” wieder, die demzufolge in der traumatischen Angstsituation der Weltkriegsbunker geboren worden sei. Ich kenne diese Schilderungen aus Erzählungen meiner Eltern und Grosseltern. Ich persönlich hätte dort panikartige Platzangst und Hyperstress bekommen, bzw. als Kind bei meinen Eltern hervorgerufen. Die Bunkersituation war das Gegenteil eines Lockdown: die Menschen waren auf engstem Raum zusammen. Die erzwungene Nähe schaffte Wärme und – im besten Fall – improvisierte Solidarität, weil es sonst im gegenseitigen Massakrieren endet. Und es wird niemals vergessen. Von niemandem.
Die Gegenwart ist das Gegenteil. Erzwungenes Distanzieren, Individualisieren, idealtypisch: Abschaffung aller Zufälle. Null Dynamik von irgendwas, also auch und besonders von sozialen und politischen Prozessen. Eine Situation, die eine Sehnsucht nach Vergessenkönnen schafft.
Sie geht aber nicht weg. Das Virus – und es ist nicht das Letzte, Viren sind keine aussterbende Art – will bleiben. Es mutiert fleissig vor sich hin. China meldet verminderte Wirksamkeit seiner Impfstoffe; das hierzulande befeierte und teuer bezahlte Biontech/Pfizer soll Probleme mit der “südafrikanischen” Variante haben. Und die meisten von uns sind noch gar nicht geimpft. Diese Nachrichten sprechen gegen den Glauben, in ein paar Monaten (von “Wochen”, die die “Brückenlockdown”-Schwätzer*innen im Munde führen, ganz zu schweigen) sei “es” vorbei.
Ich wiederhole mich: es müssen Konzepte entwickelt werden, mit dieser und zukünftigen Pandemien menschliches Zusammenleben zu ermöglichen und zu organisieren. Wer das schafft, kann auch Wahlen gewinnen.
Wenn Sie nun nostalgisch werden, wie schön “es” früher zugegangen ist, dann habe ich noch ein schönes TV-Märchen aus und über St. Pauli für Sie; so wird es nicht mehr möglich sein.
Geostrategische Wende der Bundesregierung – niemand merkt es oder diskutiert öffentlich
Das wird womöglich in Zukunft noch “normaler” im Lockdown politischer und gesellschaftlicher Öffentlichkeit. In einer spektakulär wichtigen Analyse beschreibt Stefan Krempl/heise-online, wie sich die Bundesregierung in ihrer KI-Politik (KI = “Künstliche Intelligenz”, oder wenn Sie so wollen: “künstliche Idiotie”) gegen China in die Westfront einreiht. Sie tut es nicht unüberhörbar öffentlich, sondern still und leise hintenrum. Weil sie die Grossmacht China nicht mehr zu brüskieren und es auch nicht in der heimischen Gesellschaft offen zu diskutieren wagt. Sollten die USA Gelüste spüren, deutsche Konzerne oder Joint Ventures zu sanktionieren, könnte die Bundesregierung sich herausreden: da bin ich nicht dabeigewesen, das habe ich nicht gewusst, mir sagt ja keiner was, und mit einem demonstrativen “Dududu!” reagieren. Feige Säcke.